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Energiewende? Qu’est -ce que c’est?

Frankreich und der Mythos des deutschen Atomausstiegs. Ich sitze auf der Terrasse der kleinen Pension, in der ich die Nacht verbringe. Vor mir auf dem Tisch liegen einige Scheiben Baguette und ein Teller mit Käse, in der Hand halte ich ein Glas Wein, ein trockener Bordeaux, und fühle mich sehr französisch. Ich bin müde, habe ich doch tagsüber mit dem klapprigen Pensions-Fahrrad die Gegend erkundigt, vorbei an unzähligen Sonnenblumenfeldern und Weinbergen, deren Reben sich langsam färben. Es ist schön hier in dem kleinen Dorf, in dem ich auf meiner Frankreich-Reise Halt mache: romantisch, mit kleinen Häuschen und größeren Chateaus, und ein bisschen schläfrig, als läge es im Dornröschen-Schlaf.

Am nächsten Tag geht es schon wieder weiter. Meine nächste Station ist Bordeaux, ich bin gespannt auf die Stadt, deren Wein mir so gut schmeckt. Doch auf dem Weg stört plötzlich etwas das Idyll: Es ist das Atomkraftwerk Blayais, etwa 50km nördlich von Bordeaux, das dort wie ein riesiger Fremdkörper aus Beton herausragt. Ich bin verwirrt – Atomkraft, das hatte ich irgendwie völlig aus meinem Frankreich-Bild verdrängt.

58 Atomreaktoren an 19 Standorten produzieren ca. 80 Prozent des Stroms in Frankreich. Hiermit ist Frankreich weltweit unter den Spitzenreitern. In Deutschland hat die Katastrophe von Fukushima Atomkraft zum ständigen Thema gemacht und die Politik letztendlich zu einem radikalen Umdenken bewegt. Deutschland hat sich für den Ausstieg aus der Atomenergie entschieden und scheut hierfür kaum Kosten und ist bereit, dafür in Regenerative Energien zu Investieren. Doch bringt das alles überhaupt etwas, wenn unser direkter Nachbar Frankreich weiterhin auf Atomkraft angewiesen ist? Schließlich ist sie eine der größten Wirtschaftsfaktoren Frankreichs, und dass in der Welt neu aufkommende Bewusstsein der damit verbundenen Gefahr könnte zu einem großen Problem für die Franzosen werden.

Nachdem Frankreichs Kohleförderung bereits 1958 ihren Höhepunkt erreicht hatte und Frankreich nur ein sehr geringes Vorkommen von Erdöl und Erdgas besitzt, war es nötig nach Alternativen zu suchen. Die Ölpreisschocks in den 1970er Jahren drängten die Regierung dazu, ein Nuklearprogramm zu initiieren. Es schien die einzige Möglichkeit zu sein sich unabhängiger vom Energieimport zu machen. 1974 begann die Arbeit an den ersten Meilern.

Heute scheint es unmöglich für Frankreich zu sein, auf Nuklearenergie zu verzichten. Die französische Bevölkerung, die gesehen hat wie durch Kernkraft Arbeitsplätze und Wohlstand geschaffen wurden, steht jedenfalls hinter dieser Form der Energieversorgung. Über 100.000 Menschen sind in Frankreich in der Atombranche beschäftigt. Eine so starke Abneigung gegen Atomkraft, wie in Deutschland, einem Land, das noch viele andere Wirtschaftsfaktoren besitzt, ist in Frankreich kaum denkbar. Bei einigen Gesprächen mit Franzosen, die ich während meiner Reise zu diesem Thema befragte, zeigte sich, dass sie sich zwar eine größere Vielfalt an potentiellen Energiequellen wünschen, einen Atomausstieg jedoch für un- möglich halten. Atomausstieg in Deutschland? Davon wusste keiner meiner Gesprächspartner bescheid!

Kann es sein, dass die Medien und die Politik das Thema Atomausstieg in Frankreich künstlich klein halten? Kann es möglich sein, dass über den Ausstieg in Deutschland gar nicht berichtet worden ist? Oder wollen die Franzosen es vielleicht gar nicht wissen, da sie selbst doch nur positive Erfahrungen mit der Kernenergie gesammelt haben und Japan viele Tausend Kilometer weit weg ist?

Unabhängig davon, was die Ursachen sind, kann jedenfalls ei- nes festgehalten werden: Ein Atomausstieg in Frankreich ist auf kurz oder lang nicht zu erwarten. Überhaupt: Auf der ganzen Welt gibt es Planungen für neue Atomkraftwerke, als hätte es Tschernobyl und Fukushima nie gegeben. Selbst von Mini- Meilern auf LKWs ist die Rede, die einzelne Viertel mit Energie versorgen sollen. Für uns in Deutschland bleibt wohl vorerst nur zu hoffen, dass der nächste GAU nicht „in der Nachbarschaft“ stattfindet.

Jennifer Schumann

12. Oktober 2011

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