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Eine Uni ist kein Unternehmen

Professorin Christine Garbe im Gespräch mit Univativ. „Die Lehrerbildung an der Leuphana wird systematisch heruntergewirtschaftet“, meint Prof. Dr. Christine Garbe. Sie ist seit 14 Jahren Professorin an unserer Universität und hat zahlreiche Vorlesungen und Seminare im Lehramt und in den Kulturwissenschaften gegeben. Doch wie kommt sie zu dieser pessimistischen Annahme? Ihre Antwort darauf ist eindeutig: Ihr missfällt die „ökonomische Logik“ nach der der derzeitige Universitätspräsident „regiert“. Denn ihrer Meinung nach geht die ursprüngliche Humboldtsche Idee einer Gelehrtenrepublik zunehmend verloren. Der Präsident besitze mittlerweile zu viel Macht, nach dem Motto „L’université, c’est moi!“

Zum nächsten Semester wird Garbe nach Köln wechseln. „In Lüneburg habe ich kein Gegenangebot bekommen und der Ruf an die Uni Köln ist eine spannende Herausforderung“, erklärt sie. Dort wird sie eine renommierte Stelle im Bereich der Leseforschung besetzen. „Ein Wechsel mit beinahe 57 Jahren bedeutet ein Riesenglück für mich“, freut sich Garbe. Sie sei eher ein „Großstadtmensch“ und freue sich schon sehr auf die „tolle Stadt“ Köln und die große Uni, obwohl eine größere Studierendenzahl auch immer mehr Betreuungsaufwand bedeute. Trotzdem betont sie: „Ich wollte nicht weggehen, weil ich hier in Lüneburg ein nationales Zentrum für Leseforschung und -förderung aufbauen wollte.“ Ein erster Schritt dorthin sei ein großes EU-weites Forschungsprojekt gewesen, dass sie zusammen mit zwei Kollegen in den Jahren 2006 bis 2009 geleitet hat. Ein weiteres EU-Projekt konnte sie gerade für die Uni Lüneburg gewinnen. Dieses Projekt will sie nun mit nach Köln nehmen.

Eines ihrer Projekte, was sie hier bereits aufgebaut hat, ist „Lüneburg liest“. Diese Aktionswoche, die von Studierenden in Projektseminaren wesentlich gestaltet wird, entstand in Zusammenarbeit mit dem Verein „Netzwerk Leseförderung Lüneburg e.V.“. „Lüneburg liest“ soll die Lesebegeisterung von Kindern und Jugendlichen fördern und war als ein weiterer Bestandteil des geplanten Zentrums für Leseforschung und -förderung gedacht. „Meine Forschung soll immer auch praxisrelevant sein“, fügt Garbe hinzu. „Was mit dem Projekt nach meinem Abschied aus Lüneburg geschieht, steht leider noch nicht fest.“

Was stört sie nun genau an der Hochschulpolitik? „Die Idee ist offenbar, die Universität genau wie ein Großunternehmen zu leiten“, resümiert Garbe die derzeitige hochschulpolitische Entwicklung. „Lüneburg ist das schlimmste Beispiel dafür.“ Allerdings sei dies eine Tendenz, die sich auf Landesebene und auch bundesweit abzeichne. Sie wolle aber keineswegs das Betriebsklima an der Universität schlecht reden und lobt sowohl die Zusammenarbeit innerhalb der Institute und der Fakultät als auch die auf interdisziplinärer Ebene.

Ihre negative Prognose für die Lüneburger Lehrerbildung bleibt aber: „Ich halte diese Entwicklung für fatal. Schließlich war und ist die Lehrerbildung genau wie die Kulturwissenschaften für die Universität Lüneburg Profil gebend.“ Die neuen Ausschreibungen bewirken ihrer Ansicht nach, dass sich weniger hochqualifizierte Personen in Lüneburg bewerben. Denn die angebotenen Stellen sind aufgrund der niedrigen Gehaltsstufe und der Befristung wenig attraktiv. Zwar gibt es eine Option auf Verlängerung, doch würden sich die neu eingestellten Professoren wahrscheinlich schon nach zwei oder drei Jahren um attraktivere Stellen bewerben, meint Garbe. „Durch den ständigen Wechsel der Lehrenden bedeutet das auch einen Nachteil für die Studierenden. Außerdem kann so kein nachhaltiges Forschungsprofil entstehen“, fürchtet sie. Dies könnte dem Ruf der Leuphana in Zukunft einigen Schaden zufügen.

Von Jennifer Martin
(die Autorin ist Lehramtsstudentin im 2. Semester)

2. November 2010

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