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Eine Geschichte vom Stint

Das mittelalterliche Fräulein und die Studentin von heute

Jahr 1302

Vornehm schlendert Mechthild das schöne Burgfräulein durch die Gassen Lüneburgs. Heute möchte sie einfach mal raus, die Stadt sehen und nicht immer nur das Getue der Adligen. Mit ihren Knechten und Mägden geht sie in die Stadt, unter die einfachen Leute, um mal etwas zu erleben.

Vom sandigen großen Handelsplatz mitten im Zentrum, biegen sie nun ein in kleine, muffige Gassen. Mechthild ist begeistert von den vielen Gerüchen, die sie umgeben: Gewürze, Blumen, doch je weiter sie kommen, desto mehr stinkt es nach Fisch. Sie sind am Ilmenauhafen, im Volksmund der „Stintmarkt“ genannt. Vor allem wird dort mit Stint gehandelt, einem heringsartigen Fisch, der dem Ort seinen Namen gab und fester Bestandteil der mittelalterlichen Küche ist. In Lüneburg und Lübeck ist der Fischhandel von großer Bedeutung, wie dem Burgfräulein in der Stadt erzählt wird. Lüneburg ist zum einen Salzlieferant, denn dort ist das Salz wegen des geringen Gehalts an Bitterstoffen besonders geeignet zum Einsalzen des Fisches. Zum anderen ist die Hansestadt ein zentraler Anlaufpunkt, von dort aus kann hervorragend über Lübeck weiter gehandelt werden. Die Kagelbrüder-Gesellschaft bringt den Handel immer weiter nach vorn, ihr Wappen sind drei Heringe auf blauem Grund. Von ihnen wurde auch der Bau des Heringshauses initiiert, der dieses Jahr fertig gestellt wurde. Dieses Kaufhaus, der dazu gehörige Kran und die anliegende Brücke über die Ilmenau, der Heringssteg, sind die zentralen Punkte des Stintmarktes, auf dem jeden Tag reger Trubel herrscht.

Ganz überwältigt von den vielen Eindrücken, die sie heute gesammelt hat, schlägt Mechthild vor, noch einen Abstecher ins Pons zu machen. Die neue Taverne hat gerade erst aufgemacht, dort trifft man sich, da möchte Mechthild natürlich nicht fehlen, vielleicht lernt sie ja einen schönen Kaufmann kennen …

Jahr 2011

Mia ist gerade neu in Lüneburg, seit kurzem studiert sie hier. Heute hat sie sich vorgenommen, endlich mal die Stadt richtig kennen zu lernen. In der Uni hat sie von älteren Semestern den Tipp bekommen, heute zum Stintfest zu gehen. Das soll eine der Parties des Jahres sein. Ohne überhaupt zu wissen, was der Stint ist oder einmal war, macht sich Mia mit ihren Mädels auf in die Stadt.

Zunächst stehen sie am Sande, mitten im Zentrum, von wo aus man überall hinkommt. Vorbei an vielen Geschäften gehen sie nun durch die kopfsteingepflasterten, verwinkelten Gassen zum Stint, der Partymeile in Lüneburg, die auch dazu beiträgt, dass Lüneburg als die deutsche Stadt mit der höchsten Kneipendichte gilt. Als sie in die Straße mit dem Namen „Am Stintmarkt“ einbiegen, erwartet sie reger Trubel, die ganze Straße ist voller Menschen, die feiern oder gemütlich an der Ilmenau essen, Bars und Kneipen reihen sich dicht aneinander. Die Mädels gehen weiter durch die Straße bis hin zur Brücke, die über die Ilmenau führt. Von dort aus genießen sie erstmal den romantischen Ausblick auf das Wasser, den beleuchteten alten Kran und das schöne Hotel „Altes Kaufhaus“. Bei einer vorherigen Stadtrundfahrt haben sie erfahren, dass der Kran bei einer Brandstiftung 1959 angezündet, inzwischen aber restauriert wurde.

Bevor die Mädels so richtig mit Feiern loslegen und nach netten BWL-Studenten Ausschau halten, machen sie noch einen Abstecher ins Pons, Lüneburgs ältester Kneipe und trinken dort einen Wein. In der Kneipe sieht Mia ein uraltes Bild von einem hübschen Burgfräulein hängen, sie fragt sich, wie dieses wohl gelebt hat und wie zu ihrer Zeit alles aussah …

Sarah Benecke

15. Oktober 2011

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