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Ein Zug – zwei Kulturen

Meine Ankunft in Polen. Es ist schon erstaunlich, wie viel Spannendes eine Reise ins Nachbarland Polen zu bieten hat. Obwohl man quasi direkt daneben wohnt, öffnet sich eine ganz andere, neue Welt. Es zeigt sich mal wieder: Wissen und mit eigenen Augen sehen, beziehungsweise etwas selber erleben, sind zwei ganz verschiedene Paar Schuhe – die in manchen Fällen nicht unbedingt zueinander passen. Ich hätte ehrlich gesagt nicht gedacht, dass mir gleich in den ersten zwei Tagen so eine große Menge an neuen Eindrücken entgegen schwappen würde. Denn auch wenn man weiß, dass Polen zu Osteuropa gehört und etwas ärmer ist, liegt es immer noch in Europa und nicht in Asien oder in Südamerika.

Lustigerweise konnte ich die ersten Veränderungen schlagartig nach der deutschen Grenze beobachten. Die deutsche Sprache verschwand endgültig und bis auf vier Spanier und mich wagte anscheinend kein Tourist das Abenteuer Polen. Auf die Minute pünktlich klapperte jede Stunde ein Essenswagen durch die Gänge, der während der gesamten Fahrt in Deutschland nicht einmal aufgetaucht war. Irgendwie verständlich, denn wer zahlt schon die horrenden deutschen Preise, wenn das Essen nach der Grenze nur noch ein Viertel kostet. Dies schien wohl mit ein Grund dafür zu sein, dass die Polen im Zug plötzlich zum Leben erwachten. Es war verwirrend mit anzusehen, wie Menschen, die soeben noch „im Koma lagen“, auf einmal lauthals lachten, wild gestikulierten und in den Gängen rumspazierten. Es tauchten sogar zwei Katzen von irgendwo her auf. Es wirkte ein wenig wie ein kleiner Befreiungsschlag, bei dem man den deutschen Stock aus dem Körper zieht und sich wieder heimisch fühlt.

Mit der Überquerung der Grenze wurden auch die Durchsagen im Zug eingestellt. Für Deutsche ist es eigentlich selbstverständlich, dass es eine Anzeige gibt, welche Station als nächstes kommt, oder dass eine Durchsage daran erinnert, wo der nächste Halt ist und dass man sein Handgepäck nicht vergessen solle. In Polen gab es nichts davon. Eine Informationsbroschüre, wann der Zug an welchen Stationen hält, konnte ich ebenfalls nicht finden. Man musste also sehr gut aufpassen und bei jedem Halt aus dem Fenster schauen, damit man seine Station nicht verpasst. Dabei stellte ich fest, dass die polnischen Namen der Städte oft sehr wenig mit den deutschen Bezeichnungen gemein haben. Breslau heißt zum Beispiel Wroclaw. Mir wurde bewusst, wie wenig ich doch über die Städte in meinem Nachbarland weiß.

Auch die Landschaft veränderte sich mit einem Schlag. Die ländliche Gegend Polens macht den Reisenden bewusst, dass dieses Land eine ganz andere Geschichte prägt als Deutschland und der Kommunismus überall seine Spuren hinterlassen hat. Umso mehr erstaunte mich die mitreißende Lebensfreude, die ich später in den ländlichen Gegenden von Polen erleben durfte. Außerdem erklärte es auch die Aussage meiner polnischen Mitbewohnerin, dass in Deutschland vieles so aufgeräumt und langweilig sei. Es geht ein ganz besonderer Charme von diesen Gegenden aus und die Lebensfreude der Polen und das sympathische Chaos stecken sehr schnell an. Exotik ist manchmal gar nicht so weit entfernt wie man denkt.

Von Nadine Stein

16. Juli 2011

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