Ein Heiland! O zapft´s! – Eine flüchtige Weihnachtsgeschichte
Titelblatt, Was Uns Bewegt

Ein Heiland! O zapft´s! – Eine flüchtige Weihnachtsgeschichte

Ein frommer Brief an Jesus Christus, oder: Was heute aus ihm werden würde.

So freundlich würde ein Flüchtlingskind heute wohl nicht mehr empfangen/ (C) flickr - Loci Lenar
So freundlich würde ein Flüchtlingskind heute wohl nicht mehr empfangen/ (C) flickr – Loci Lenar

Oh Jeezes…

Wir vermissen dich hier. Kurz: Viele Europäer sorgen sich um unsere Werte, weil viele neue Menschen nach Europa kommen.

Hier in Deutschland wollen sie das christliche Abendland verteidigen, als wäre deine Mutter, die schwangere Maria, dirndltragend, mit Josef, in Lederhosen, auf der Suche nach einer Herberge durch die Alpen gezogen und hätte dich in ein oberbayerisches Kripperl geboren. Ein Heiland! O zapft´s!, riefen die Hirten.

Wie du sicher weißt, ist das etwas anders abgelaufen. Das kann man in der Bibel nachlesen. Es brauchte ein paar hundert Jahre, bis sich deine Geschichten in der Welt verbreiteten.

Manche wurden verdrängt, zum Beispiel solche, die von Flüchtlingen handeln.

„Es kam aber eine Hungersnot in das Land.“ steht im 1. Buch Mose. „Da zog Abraham hinab nach Ägypten, dass er sich dort als Fremdling aufhielte; denn der Hunger war groß im Lande.“ (26,1)

Oder die deiner Eltern: „Da erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten (…) denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten.“ (Hosea 11,1).

In der altertümlichen Sprache klingt das wie ein Märchen, aber es muss die Hölle gewesen sein.

Heute würde das deutlich schwieriger sein, denn es gibt Zäune und Stacheldraht und Polizisten, um Menschen aus deiner Heimatregion davon abzuhalten nach Europa zu kommen, wo knapp 70 Prozent der Menschen nach deinen Lehren leben. Gleichzeitig beanspruchen dieselben Menschen das Recht, in jedes Land der Welt zu reisen. Nicht weil sie müssen, sondern nur zum Spaß.

Na ja, und während wir zum knapp zwei tausendsten Mal Weihnachten feiern, fordert der Chef einer Partei namens „Christlich Soziale Union“, dass wir nicht alle Menschen aufnehmen können, die Hilfe benötigen, dass die nicht zu uns passen, sich integrieren müssen, dass wir das alles nicht schaffen.

Vielleicht sahst du ja gar nicht europäisch aus, sondern hattest schwarze Haare? Oder dunkle Hautfarbe?

Hättest du zu „uns“ gepasst?

R.I.P. Jesus, aber lass dich mal wieder blicken. Ich hoffe, du schaffst es übers Mittelmeer. Bis dahin: Happy Birthday.

Autor: Simon Grothe

23. Dezember 2016

About Author

Koordination


Schreibe einen Kommentar