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Diskrete Strukturen Teil I

Die Trennung. Ich sitze mit meiner Mitbewohnerin in der Küche. Es ist weit nach zwölf Uhr nachts. Tabak und Alkohol sind auf dem Tisch. Sie hat die „harten Sachen“ ausgepackt – jetzt geht`s zur Sache. Benebelt vom Rauch, der Musik und den Gesprächsthemen, kippe ich mir das Zeug in meine, was Hochprozentiges angeht, doch eher jungfräuliche Kehle. Das Gespräch erstreckt sich von ihren neuesten Erlebnissen auf dem Kiez bis zu Intimrasur und Sex mit Frauen. Einiges davon ist bei mir im Moment reine Theorie, denn – tada – ich bin seit einiger Zeit Single.

Alles neu macht der Mai, so sagt man. Bei mir war es der Januar und er traf mich mit bis dahin ungekannter Härte. Nach nunmehr fast sechs Jahren wieder Single – damals noch ein unbedarfter Teenie, heute eine ausgewachsene und von den Jahren und verschiedenen Lebensumständen gegerbte Twenie. Dieses Mal war alles anders, dieses Mal war nicht alles schon geplant und vorhersehbar gewesen. Ich landete sehr schmerzhaft und heftig wieder im Sattel eines der alten Holzpferde auf dem sich unentwegt drehenden Karussell der verlorenen lesbischen Singleseelen. Und das nach all der Zeit – mir wurde ganz schlecht.

Wie ist es, wenn Lesben sich trennen? Und ab wann hat frau das Gefühl, wieder ein eigenständiger Mensch zu sein? Ich kann nur sagen: „Auweia, Auweia!“. Da wollen Exfreundinnen plötzlich zu besten Freundinnen mutieren und es ist wahrhaft schlimmer, ihnen auf der Straße zu begegnen als einem echten Zombie. Klar ist, dass Trennungen bei Lesben nicht anders oder spektakulärer verlaufen als bei jedem anderen menschlichen Paar, aber: Es ist schwieriger seiner Ex aus dem Weg zu gehen. Die Szene ist einfach zu klein für Trennungsschmerz. Daran ändern auch neue „Liebes“-Abenteuer nichts.

Aber irgendwie habe ich es geschafft. Wir haben uns seit Monaten nicht mehr gesehen. Diesmal stehe ich nach einer langen durstigen Zeit an der Klippe. Ich bin allein. Da fängt plötzlich etwas an, das du nach all der Zeit gar nicht mehr gewohnt bist. Du beginnst es zu spüren und im ersten Moment kann es über dich hereinbrechen und versuchen dich aufzufressen, aber dann geht es weiter.

Bei uns gibt es keine Vorbilder für langanhaltende Beziehungsstrukturen, die schon seit Jahrtausenden bestehen. Das ist meiner Meinung nach auch befreiend, denn es ist nicht der Geschmack einer jeden „so“ zu leben. Aber es führt zu größerer Verunsicherung. Man kann sich nicht einfach auf etwas berufen oder etwas erwarten. Wie sollen wir es machen? Wollen wir leben, wie wir es von heteronormativen Strukturen vorgelebt bekommen? Ich muss ehrlich sagen, dass ich mir beim Eingehen einer Beziehung darüber nie Gedanken gemacht habe. Doch langsam taucht dieser Gedanke in meinem Bewusstsein auf. Ich spüre, wie neu er für mich ist.

Bei Lesben macht man eher Witze, dass sie zum dritten Treffen gleich den Umzugswagen mitbringen – viel zu schnell, viel zu viel, beste Freundin und Geliebte: Zwei zum Preis von einer. Und nun sitze ich hier in der Küche. Die gemeinsame Wohnung wurde zur Wohngemeinschaft umgewandelt. Ein neuer Teppich wurde verlegt, alte Möbel entsorgt und neue aufgestellt. Alte Kontakte wurden abgebrochen, neue Menschen bestimmen nun mein Leben. Und mir wird klar, dass ich immer noch nicht weiß, wo mein Platz ist, dass die Reise noch lange nicht am Ende ist, hoffentlich auch nie sein wird.

Von A.U.

18. Januar 2011

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