Die Studis in Landau streiken. 9 Gründe, auch in Lüneburg zu protestieren!
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Die Studis in Landau streiken. 9 Gründe, auch in Lüneburg zu protestieren!

Demo in Landau / Bild: (c) fsz
Demo in Landau / Bild: (c) fsz

Seit letztem Montag streikt die Studierendenschaft in Landau in der Pfalz. Sie fordern unter anderem eine sinnvolle Finanzierung der Unis in Rheinland-Pfalz, eine bessere Ausstattung der Universität Koblenz-Landau, kleinere Seminare und faire Bezahlung von wissenschaftlicher Hilfskräfte und Doktorand*innen.

Abgesehen von kurzem Aufbäumen in den letzten Jahren – zum Beispiel bei der Neufassung der Rahmenprüfungsordnung, zur Wiederwahl von Spoun und Keller oder, um vor der Landtagswahl gegen Studiengebühren zu demonstrieren – gab es in Lüneburg seit der Abschaffung der Sozialpädagogik 2008 oder dem Bildungsstreik 2009 kaum nennenswerten Protest . Doch es gibt genügend Gründe, klar zu machen, dass Studierende sich nicht alles gefallen lassen müssen und ihr Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung gerne wahrnehmen können. Hier sind neun davon.

 

  1. Die Uni verkauft gerade das Gebäude im Rotenbleicher Weg. Wo bleiben die Initiativen, die dort Räume haben?

Um das Zentralgebäude zu finanzieren, will die Uni Gebäude verkaufen. So auch einen Teil des Roten Feldes. Im Keller befinden sich die Räume von Hexenstich (Handarbeit, Nähen und Co.), von KoKo (Einkaufskooperative), vom Fotolabor (na ja, Fotos halt) und der Zwiebel (Umsonstladen). Seit Jahren gibt es statt Zusagen für Ersatzräume nur Ausflüchte. Auch im Neubau sind keine Räume dafür vorgesehen – dort gibt es nur einen Raum, der mit bisher eher schwammigen Aussagen irgendwie für Initiativen sein soll. Vor nicht ganz zwei Jahren wurde der Freiraum CaFHete, eine Mischung aus Kultur-, Aufenthaltsraum und Café, noch aus Zeiten der Fachhochschule im Roten Feld, von der Uni dichtgemacht, wegen Schadstoffbelastung im Fußboden. Einen Ersatzraum gab es nicht. Wollen wir wirklich, dass so mit studentischem Engagement umgegangen wird?

 

  1. Die Studi-Zahlen wachsen, die Uni-Verwaltung nicht.

In den letzten vier Jahren stieg die Studi-Zahl um 3000 Menschen an, in der Verwaltung gab es jedoch kaum personelle Aufstockung. Das Prüfungsamt ächzt unter der zu erledigenden Arbeit. Alle neu eingeführten Studiengänge werden irgendwie auch noch auf die Mitarbeiter*innen verteilt, die auch vor Environmental Studies, Studium Individuale, Global Sustainability Studies, International Economic Law und anderen sehr prestigeträchtig klingenden Studiengängen schon genug zu tun hatten. Man munkelt, dass die Marketingabteilung dafür – auch im Vergleich zu sehr großen Universitäten – enorm viele Beschäftigte hat.

 

  1. Im Leuphana-Semester und im Komplementärstudium wird die Lehre oft extern eingekauft

Im Leuphana-Semester soll nicht nur interdisziplinär gearbeitet werden, auch die „wissenschaftliche Sozialisation“ wird oft hervorgehoben. Die meisten der Lehrenden außerhalb von Major und Minor kommen aber von extern und müssen schlecht bezahlte Seminare geben. Vor- und Nachbereitung und Korrekturzeiten werden ihnen nicht bezahlt, sie haben innerhalb der Uni keine Interessenvertretung, Fahrt- und Übernachtungskosten müssen vorgestreckt werden, sie hangeln sich von einem Lehrauftrag zum nächsten, von Semester zu Semester. Viele dieser Lehrbeauftragten finanzieren sich fast nur durch solche Jobs – das sogenannte akademische Prekariat. Wollen wir, dass unsere Dozent*innen ständig von Existenzangst geplagt sind? Was bedeutet das für die Qualität der Lehre und unsere Studienbedingungen?

 

  1. SHK-Verträge passen oft nicht zur tatsächlichen Arbeit

Schon mal einen SHK-Job gehabt? Wer hier mit Ja antwortet weiß, dass Papier und Realität sich oft unterscheiden. Manche SHKs sind im Verhältnis zum tatsächlichen Aufwand gut bezahlt, andere machen ständig unbezahlte Überstunden. Sie sind überwiegend befristet angestellt – dem Autor ist kein Fall bekannt, in dem jemand einfach für die Dauer des Studiums eingestellt wurde. SHKs übernehmen dabei oft Aufgaben, die nicht projektbezogen, sondern dauerhaft sind. Und sie haben eigentlich keine Vertretung, die solche Probleme sammeln und angehen kann. Übrigens: Demnächst wird vermutlich eine Maximalbefristungsdauer eingeführt. Wer dann sechs Jahre lang als SHK beschäftigt war, darf nicht mehr weiterarbeiten. Das träfe insbesondere Studis mit Kind oder pflegebedürftigen Angehörigen.

 

  1. Wie lange reicht das Geld noch?

Vieles vom aktuellen Lehrangebot wird nicht aus regulären Mitteln bezahlt, sondern aus Sondermitteln, die es irgendwann vielleicht nicht mehr gibt. In den letzten Jahren wurden große Anteile von Leuphana-Semester und Komplementärstudium aus den Mitteln des sogenannten Innovations-Inkubators bezahlt, ein von der Uni gesteuertes Regionalentwicklungsprojekt aus Mitteln der EU. Das Projekt ist vorbei. Erste Auswirkungen sind schon sichtbar: Gab es bis zum letzten Jahr noch pro Seminar ein eigenes Tutorium, teilen sich nun drei Seminargruppen ein*e Tutor*in. Die Tutorien im Verantwortungsmodul finden nun nicht mehr jede Woche im Semester statt, sondern nur in den ersten paar Wochen, danach gibt es keine derartige inhaltliche Begleitung der Vorlesungsthemen mehr.

Wer weiß schon, wann uns Seminare mit 40, 50 oder mehr Studis erwarten, weil die Uni keine Lehraufträge zur Verkleinerung der Seminargruppen mehr vergeben kann?

 

  1. Es gibt zu wenig Masterplätze

Von den knapp 9000 Studis in Lüneburg studieren etwa 5600 Leute im Bachelor, ca. 1300 im Master (Stand: Sommersemester 2015). Es gibt insgesamt weniger Masterstudis als es jährlich Bachelor-Erstis gibt. Da passt doch was nicht. Gerade durch das Studienmodell, welches mit so einigen Mastern an anderen Unis nicht kompatibel ist, kann es schwerfallen, in die Wunsch-Studiengänge zu kommen, wenn man seinen Bachelor in Lüneburg gemacht hat. Doch anstatt die Masterstudiengänge in Lüneburg inhaltlich und zahlenmäßig auf die Bachelorstudis zuzuschneiden, fährt man im Master einen ganz eigenen Kurs. Ein Großteil der Bachelor-Kuwis kann mit dem Kuwi-Master nichts anfangen, weil dieser zu theoretisch ist. Wirtschaftspsychologie wurde quasi abgeschafft, weil man mit dem Bachelor kaum in Psychologie-Master oder Wirtschafts-Master kam. Und bekommen die Bachelorstudis noch ein gutes Betreuungsverhältnis im Komplementärstudium mit einigermaßen kleinen Seminaren bei viel Auswahl gibt es im Master keine Wahlmodule. Alle Masterstudis müssen die gleichen Module besuchen, erst kürzlich gab es dann auch Auswahl für Vertiefungsseminare – Massenvorlesungen gibt es trotzdem noch. Besonders beliebt: 24 Stunden Blockvorlesung Wissenschaftsethik an einem einzelnen Wochenende im großen Hörsaal.

 

  1. Wissenschaftliche Mitarbeiter*innen mit Zukunftsangst

Ein großer Anteil der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen (Forscher*innen und Dozent*innen ohne Professur, teilweise schon promoviert, teilweise noch dabei) ist befristet angestellt. Das Problem: Nach dem Doktortitel hat man nur sechs Jahre Zeit, um Professor*in zu werden oder eine der rar gesäten unbefristeten Stellen zu bekommen. Schafft man das nicht, muss man sich außerhalb der akademischen Welt eine neue Existenz suchen. Möglich wird das durch den Zungenbrecher namens Wissenschaftszeitvertragsgesetz (wird zufällig gerade im Bundestag verschlimmert). Dieses klärt, dass wissenschaftliches Personal nicht nach den normalen Tarifbedingungen beschäftigt wird, sondern nach Lust und Laune befristet angestellt werden kann. Bundesweit sind das 90% der wissenschaftlichen Mitarbeiter*innen. Und über die Hälfte dieser Zeitverträge hat eine Laufzeit von unter einem Jahr. Die Mittel zur Verlängerung der eigenen Stelle müssen Leute teilweise selbst einwerben. Über diese Probleme könnten Bücher geschrieben werden. Solche Verhältnisse führen vor allem zu Selbstausbeutung und finanzieller Not, nicht aber zu guter Lehre und Forschung. Eine gute Gelegenheit, um sich hinter die WiMis zu stellen und gemeinsam für bessere Bedingungen zu streiten!

 

  1. RPO – what the fuck?

Schon 2014 wurde über die neue Rahmenprüfungsordnung abgestimmt. In diesem Prozess gab es krudeste Vorschläge: 80% Anwesenheitspflicht in allen Seminaren. C1 Englischniveau oder das Erlernen einer weiteren Fremdsprache, um seinen Bachelorabschluss zu bekommen, und und und… dieser Unfug konnte zum Glück verhindert werden. Was trotzdem kam: zum Beispiel die formale Möglichkeit für Anwesenheitspflichten oder die 3-Versuche-Regel. Früher konnte man durch Module im Wert von 60 CP im ganzen Studium durchfallen. Jetzt kann man pro Prüfung zwei Mal durchfallen – beim dritten Mal fliegt man raus und darf kein Fach mehr studieren, das auch nur entfernt mit dem nicht bestandenen Fach zu tun hat. Stellt euch mal vor, ihr sitzt in eurer schlimmsten Statistik/Mathe/Chemieklausur und seid in eurem dritten Versuch. Herzlichen Glückwunsch. Ärztlich bescheinigte Prüfungsangst ist übrigens kein Grund, wegen Krankheit zu fehlen. Überhaupt dürfen Ärzte nicht über eure Prüfungsfähigkeit urteilen – das machen medizinisch unqualifizierte Leute, die im Prüfungsausschuss sitzen. Achja, die Anmeldefrist vier Wochen nach Vorlesungsbeginn ist auch ein Produkt der neuen Rahmenprüfungsordnung. Völlig egal, ob das Blockseminar überhaupt schon angefangen hat – erstmal anmelden. Das hat natürlich zu einem riesen Chaos geführt, weil die Verwaltung sich nicht an die eigene RPO halten kann – wegen der Technik. Und konnte man sich früher auch später noch zum zweiten Prüfungstermin ummelden, muss man sich jetzt schon im November oder im Mai entscheiden. Übrigens: die Studis im Senat haben geschlossen dagegen gestimmt, es haben sich außerdem noch ca. 70 andere Studis in den Senatssaal gestopft. Die angesprochenen Probleme wurden ignoriert, genau diese fallen uns allen und der Uni jetzt auf die Füße.

 

  1. Zu wenig Mitbestimmung!

Die Uni hat ca. 9000 Studis, 550 wissenschaftliche Mitarbeiter*innen, 450 Angestellte in der Verwaltung und 160 Professor*innen. Ratet mal, wer in den entscheidenden Gremien die alleinige Mehrheit hat. Im Senat sitzen 10 Profs, 3 WiMis, 3 Mitarbeiter*innen aus Technik und Verwaltung und 3 Studis. Kein Wunder, dass jeder Studi-ferne Unfug durchgedrückt werden kann. Doch es gibt ein Zauberwort, mit welchem solche Probleme vermieden werden könnten: die Viertelparität. Nach diesem Konzept wären die vier Statusgruppen gleichmäßig in den Gremien vertreten und müssen tatsächlich aushandeln, wie die Uni gestaltet werden soll, anstatt dass die Profs einfach alles überstimmen können. Vor 40 Jahren hat das Verfassungsgericht zwar gesagt, dass die Profs bei Dingen, die die Forschung betreffen, eine Mehrheit haben müssen, aber der Rest ist davon wenig tangiert. Und wer weiß, ob das Verfassungsgericht noch mal so entscheiden würde. Und die Gestaltung einer Hochschule geht alle ihre Mitglieder etwas an – also fordern wir doch Mitbestimmung auf Augenhöhe ein. Sie steht uns auf jeden Fall zu.

Demonstrationen in Lüneburg 2012 / Bild: (c) Tanja Mühle
Demonstrationen in Lüneburg 2012 / Bild: (c) Tanja Mühle

Heute (01.12.) gibt es um 18:00 Uhr in Hörsaal 4 es eine Versammlung der Uni-Beschäftigten und allen Interessierten, um über Arbeits- und Vertretungsverhältnisse zu sprechen, Forderungen und Strategien zu entwickeln und einen längerfristigen Austausch anzustoßen. Solche Vollversammlungen finden diese Woche bundesweit an ca. 20 Hochschulen statt.

Genau der richtige Ort, um mit dem nötigen Protest anzufangen, wenn man das nicht schon lange getan hat.

Gast-Autor: Kevin Kunze*

*Kevin Kunze ist u.a. Koordinator bei der LandesAstenKonferenz Niedersachsen, welche zu den Vollversammlungen am 01.12. aufgerufen hat.

1. Dezember 2015

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