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Die Stadt unter der Stadt

Bunkerführung in Hamburg. Samstag morgen. Wie so oft trete ich aus dem Gebäude des Hamburger Hauptbahnhofs. Doch für mich geht es nicht geradeaus in die Einkaufswelt der Mönckebergstraße, sondern nach unten, in die Hamburger Unterwelt.

Hätte ich nicht danach gesucht, wäre ich auf dem Bahnhofsvorplatz an dem Treppenabgang mit dem Schild „Hamburger Unterwelten e.V.“ schlicht vorbeigegangen. Der Rest der Gruppe, erstaunlicherweise hauptsächlich junge Menschen, hat sich schon neugierig um den Eingang versammelt. Für uns geht es nun die Treppen hinab, in ein verwinkeltes System aus Gängen, Stufen und vor allem: Beton und Stahl. Fast 500 Tonnen Eisenbewehrung und 14.000 Kubikmeter Beton wurden zwischen 1941 und 1944 in der Bunkeranlage Steintorwall verbaut. Mit einer Länge von 140 Metern und Platz für 2.460 Schutzsuchende ist der Bunkerkomplex von Steintorwall-Nord und -Süd einer der größten Schutzbunker Hamburgs.

Vor allem Reisende der Bahn haben während der Bombenangriffe im 2. Weltkrieg hier Schutz gesucht. Insgesamt verfügte Hamburg Ende des 2. Weltkrieges über 1.051 öffentliche Luftschutzbunkeranlagen, damit stand etwa jedem zweiten Einwohner ein Schutzplatz zur Verfügung. Einige Anlagen wurden nach dem Krieg von der britischen Besatzungsmacht gesprengt, der Bunker Steintorwall durfte stehen bleiben und wurde für verschiedene Zwecke genutzt: in den ersten Jahren als Reichsbahnhotel, in den 1950ern als Abgabestelle für „Grenzpakete“ an Reisende in die Sowjetzone. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges in den 1960ern gewannen auch in Hamburg Luftschutzorte wieder an Bedeutung. Der Bunker Steintorwall wurde mit neuer Technik und Inneneinrichtung ausgestattet und sollte im Ernstfall eines nuklearen Angriffes für 14 Tage komplett abgeriegelt werden.

Spielt man diese Situation gedanklich durch, mit über 2.000 anderen eingeschlossen zu sein, um danach in eine Welt entlassen zu werden, die man nicht wiedererkennt, erreicht man schnell die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft. Geschlafen werden soll im Ernstfall in Schichten: Nach 16 Stunden sitzen kämen acht Stunden liegen. Dann wären die nächsten dran. Auch die winzige Küche, mit schickem Herd im 1950er Jahre Design, erscheint mit vier Kochplatten für den gesamten Bunker wie eine Farce. Die Vorhänge statt Türen vor den Toiletten, werden verständlich: Die zum Suizid nötige Privatsphäre sollte entzogen werden.

Trotz aller Versuche, die Führung humorvoll zu gestalten, stellt sich ein Gefühl der Beklemmung ein. Es sind zum einen die meterdicken Betonwände, die auf uns einwirken, zum anderen die Architektur aus schmalen Gängen, die ein Sich-Zurechtfinden verhindert und die Option „einfach wieder rauszugehen“ ausschließt. Selbst bei unserer Führung mit ca. 20 Menschen kommt immer wieder ein Gefühl von Enge auf. Auch die Luft zum Atmen, sonst unhinterfragt einfach so da, hängt vom Funktionieren der Technik ab. Für uns ist der Bunker eine Freizeitgestaltung, für andere ein Interessengebiet, doch bei aller Freiwilligkeit der Besucher bleibt der eigentliche Zweck der Anlage das bloße Überleben.

Nach zwei Stunden ist die Führung vorbei. Wir stapfen die Treppen hoch in den kalten Januartag. Hier oben in Hamburg scheint die Sonne.

Von Judith Trechsler

„Hamburger Unterwelten e.V.“ ist einer von zwei gemeinnützigen Vereinen, die sich für die Erforschung und Erhaltung unterirdischer Bauwerke in der Hansestadt einsetzen. Führungen durch verschiedene Bunkeranlagen sowie Lesungen finden regelmäßig statt, die Termine sind zu finden auf: www.hamburgerunterwelten.de

30. April 2011

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