„Die fetten Jahre sind vorbei!“ – Harald Schmidt im Gespräch über die Zukunft des deutschen Fernsehens
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„Die fetten Jahre sind vorbei!“ – Harald Schmidt im Gespräch über die Zukunft des deutschen Fernsehens

Harald Schmidt / (C) Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG
Harald Schmidt / (C) Sky Deutschland Fernsehen GmbH & Co. KG

Netflix, Maxdome, YouTube – bringen sie das lineare Fernsehen in Bedrängnis oder hat es sich längst selbst erledigt? Entertainer Harald Schmidt stellte sich am Freitagabend in der Leuphana Universität – gewohnt schlagfertig und sarkastisch – diesen und weiteren Fragen.

Das Fernsehen befindet sich im Umbruch. Die unzähligen Scripted Reality-Sendungen und immer gleichen Gesichter, die uns durch eintönige Samstag-Abend-Sendungen oder Talkshows führen, locken Jugendliche schon lange nicht mehr vor den Fernseher. Plattformen wie der US-Streaming-Riese Netflix oder auch YouTube profitieren von dieser Entwicklung.

 

Harald Schmidt, seit über 30 Jahren als Schauspieler sowie als Kabarettist und Entertainer im Showgeschäft tätig, hat diese Entwicklung hautnah miterlebt. Am 13. März 2014 lief die letzte Harald Schmidt Show auf dem Pay-TV-Sender Sky. Mit den neuen Medien habe das Ende seiner Show allerdings nichts zu tun, so der 57-jährige. Eher liege es daran, dass das Format Late-Night-Show mittlerweile „durch“ sei. Dass nun selbst Volksmusiksendungen seine Sketche und seinen Tonfall kopierten – wenn auch mit 10 Jahren Verspätung – sei der beste Beweis dafür. Er selbst wundere sich ohnehin, „dass es all die Jahre funktioniert hat“, so Schmidt augenzwinkernd. Er habe einfach das Programm gemacht, das ihn interessierte, selbst, wenn sein eigenes Team nicht immer begeistert war.

 

Mittlerweile habe ein Generationenwechsel stattgefunden. Ein komplettes neues Format schließe Schmidt in Zukunft für sich aus: „Ich spüre, wenn so eine Phase zu Ende ist.“

„Wetten, dass..?“ ist ein aktuelles Beispiel für die Veränderung der deutschen Medienlandschaft. Am vegangenen Samstag ging, mit der letzten Sendung nach 33 Jahren und stetig sinkenden Zuschauerzahlen, eine Ära zu Ende. „Die Zeit ist längst vorbei“, meint Schmidt dazu, „und die Gäste sieht man außerdem schon in der Woche vorher überall.“ Große TV-Legenden wie Rudi Carrell oder Thomas Gottschalk werde es zukünftig nicht mehr geben, da bereits heute ein Hype den nächsten jage.

 

Tatsache ist: Die Generation der heute 15-Jährigen wächst weitestgehend ohne Fernsehen auf. Daran werde mit großer Wahrscheinlichkeit auch kein von ARD und ZDF geplanter Jugendkanal etwas ändern können, so Schmidt. Bei den Verantwortlichen handle es sich ohnehin meistens um 60-jährige Redakteure, die plötzlich auf die Idee kommen: „Oh, wir müssen jetzt mal etwas für Kinder und Jugendliche machen!“

 

Harald Schmidt selbst guckt sich Programme im Fernsehen mittlerweile unter ganz anderen Gesichtspunkten an: „Ich amüsiere mich glänzend beim Fernsehen, aber nie bei Unterhaltungssendungen!“ Lustiger sei es z.B. Gäste in Talkshows zu analysieren, die oft selbst nicht wüssten, warum sie wirklich eingeladen werden.

 

Harald Schmidt an der Leuphana / (CC) Carina Stelter
Harald Schmidt an der Leuphana / (CC) Carina Stelter

Ein weiterer Grund für die abnehmende Relevanz des linearen Fernsehens: Die öffentlich-rechtlichen Sender haben sich in den letzten Jahren zunehmend den privaten Sendern angepasst. Diese Entwicklung ist auch für den Entertainer unerklärlich, schließlich seien sie im Gegensatz zu den Privaten nicht auf die Quote angewiesen, um sich zu finanzieren und somit eigentlich freier in ihren Möglichkeiten. Stellt sich die Frage, wozu bzw. ob wir das Fernsehen überhaupt noch brauchen? „Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich kann nur werben“, so Schmidt.

 

Vielleicht müsse sich Deutschland an anderen Ländern orientieren? In England wird Fußball ausschließlich auf Sky, und damit kostenpflichtig, übertragen. Eine solche Entwicklung könnte auch hierzulande große Auswirkungen auf den Markt haben. In Deutschland würden sich die Politiker allerdings nicht trauen, solch unpopuläre Entscheidungen zu treffen, versichert Schmidt.

 

Und wie geht es weiter mit den neuen digitalen Formaten? Plattformen wie Netflix seien definitiv zukunftsweisend, im Moment allerdings in Deutschland noch relativ unbekannt. Es müsse noch viel Geld investiert werden, um dies zu ändern – ob sich das Ganze dann am Ende rentiert, bleibt abzuwarten.

 

Autorin: Carina Stelter

 

15. Dezember 2014

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