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Die Empörten auf der Straße

Proteste in Spanien. Der Platz Puerta del Sol in der spanischen Hauptstadt Madrid ist normalerweise ein pulsierendes Zentrum der Metropole. Hier treffen sich Einwohner, Touristen und Selbstdarsteller zu einem Café con leche, einem Sonnenbad am Brunnen oder zu legendären Kneipentouren. Nachts um vier Uhr ist dort oft mehr los als nachmittags um die gleiche Zeit. Doch Anfang August ist der Platz ausgestorben. Die Polizei hat ein Protestcamp auf dem Platz unter Einsatz von Gewalt geräumt, wichtige Metro- und Busstationen gesperrt. Ein Rückblick:

Alles begann am 15. Mai, als in 58 spanischen Städten Proteste stattfanden. In Madrid beschlossen ca. 150 Menschen spontan auf der Puerta del Sol zu übernachten, um ihren friedlichen Protest weiterzuführen. Diese Versammlung wurde von der Polizei gewaltsam geräumt. Die Bilder verbreiteten sich rasend über die Social Networks. Bereits einen Tag später fanden sich zehntausend Madrillenen auf dem Platz wieder, um ihrer Empörung eine Stimme zu verleihen. Drei Tage nach den ersten Protesten gab es unter dem Motto „¡Democracia real ya!“ („Echte Demokratie jetzt!“) Massendemonstrationen und Zeltlager im ganzen Land. Die „Movimiento 15-M” (Bewegung des 15. Mai) war nicht mehr aufzuhalten. Auch nicht von der Polizei, die knapp zehn Tage später den friedlich besetzten Plaça de Catalunya in Barcelona gewaltsam mit Schlagstöcken und Gummigeschossen räumte. Nur einen Tag später war der Platz schon wieder in den Händen des Volkes. Der Geist des Tahrir-Platz in Kairo war nicht nur dort zu spüren. Die Bewegung selbst hatte es mittlerweile geschafft, auch eigene Strukturen außerhalb der Social Networks zu organisieren. Dadurch wurde sie zu einer echten politische Kraft.

Wer sind die Menschen, die sich selbst „Indignados“ (die Empörten) nennen und den französischen Schriftsteller Stéphane Hessel und seine Schrift „Empört euch!“ zum Vorbild nehmen? Spanien hat eine Arbeitslosigkeit von über 20 Prozent. Unter den 25jährigen trifft dieses Schicksal sogar fast jeden Zweiten. Die, die Arbeit haben, haben es oft auch nicht viel besser. So wie Miriam, die mit 23 Jahren fertig studiert hat und monatlich 800 Euro netto verdient. Wie Viele in ihrem Alter hat auch sie einen Arbeitsvertrag, der nur ein halbes Jahr gilt. Diese Generation soll die am besten ausgebildete Generation Spaniens sein. Doch sie ist gleichzeitig auch eine verlorene Generation ohne Glauben an eine gute Zukunft.

Die Menschen auf dem Puerta del Sol kämpfen für eine Veränderung in ihrem Land und vor allem für mehr und echte Demokratie. Sie fühlen sich vom System verraten. „Wir sind nicht gegen das System, das System ist gegen uns“ ist dabei auf den Straßen ein gern gesagter Satz. Sie kämpfen gegen die massive Korruption und Politiker, die jahrelang neue Schulden angehäuft haben und durch die sich die Menschen nicht mehr repräsentiert fühlen. Sie kämpfen gegen das miserable Bildungssystem und die wachsende Kluft zwischen Armen und Reichen. Spanien kämpft mit der Wirtschafts- und Finanzkrise, an der nach Meinung der Bürger die Politiker, Banken und der damit verbundene Kapitalismus schuld sind. Hier geht es Spanien wie Griechenland, Portugal und Irland – es geht auch um Europa.

Der spanische Protest zeigt sich von seiner schönsten, bunten und friedlichen Seite. Er kommt zudem ganz ohne Populismus aus, ohne Islamphobie und Fremdenfeindlichkeit und ohne die in so vielen anderen Ländern aufkommende Rechte. Beim Protest sind alle Alters- und Bildungsschichten vertreten. Sie kämpfen gemeinsam gegen die politische Klasse. Es geht den Empörten um Globalisierung von unten und eine direktere Demokratie.

Lajos A. Rakow

12. Oktober 2011

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