Der Mensch und sein Smartphone
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Der Mensch und sein Smartphone

Unser Autor schreibt über Erfahrungen, die er dank seines Smartphone-freien Lebens gemacht hat, Freunde, die eine Woche ohne Handy als kalten Entzug sehen und wie der beste Freund des Menschen uns trotz social media einsam macht.

Kein Blick mehr für die Wirklichkeit? / (C) flickr - Theo van Geenen
Kein Blick mehr für die Wirklichkeit? / (C) flickr – Theo van Geenen

Wer kennt es nicht: Ab und an werden im eigenen Freundes- oder Bekanntenkreis Pläne wie etwa folgende laut: „Also ich hab mir jetzt vorgenommen, die ganze nächste Woche mal auf mein Smartphone zu verzichten“, oder „Ich hab mir gesagt, dass ich jetzt nur noch auf mein Handy gucke, wenn ich eine Nachricht bekomme oder angerufen werde; immer aufs Handy zu gucken lässt uns auf Dauer so unkommunikativ werden“, oder auch: „Immer erreichbar sein zu müssen, ist etwas, was uns auf Dauer bestimmt nicht gut tut!“ Dass einem diese Pläne meistens nicht von Person zu Person, sondern über Whatsapp, Facebook, etc. mitgeteilt werden, könnte ein erstes Indiz dafür sein, wie aussichtsreich solche Feststellungen oder Vorhaben eventuell sind.

Wieso aber schreibt mir jemand, dass er oder sie nun für, zum Beispiel, eine Woche auf sein oder ihr Handy verzichtet? Vielleicht, weil man nicht daran denkt, es noch zu erwähnen, wenn man sich doch gerade so nett unterhält oder vielleicht auch, weil es doof rüberkommt, das zu sagen, während im Café eigentlich beide von uns doch mehr auf das eigene Handy gucken?

Tatsächlich haben solche Nachrichten meist eher den Zweck, alle Freunde zu informieren, dass man jetzt eine Woche NICHT erreichbar sein wird. So kann einem dann mal keine*r übel nehmen, dass man nicht antwortet – keine blauen Häkchen, kein schlechtes Gewissen. Diese Nachrichten agieren also unter dem Deckmantel von „Sei mir nicht böse“, oder „Lass uns doch trotzdem die Woche mal treffen“, bis vielleicht sogar zu „Lass uns aber bitte Freunde bleiben.“ Auch wenn die Ankündigungen der Personen, die eine Handy-freie Woche „planen“, zunächst nicht immer danach klingen, wenn man sich einmal mit diesen Menschen unterhält, kommt doch meist schnell raus, dass sie selbst ihr Vorhaben für eins halten, das auch dem Überleben nach einer Apokalypse in nur wenig nachsteht. Soziale Isolation ist hier oft eine der größten Sorgen. Eine durchaus verständliche Sorge obendrein, schließlich passiert eigentlich jede Form der Verabredung doch heutzutage über das Smartphone; von den Anrufen der Oma oder der zufälligen Begegnung mit den Nachbarn im Hausflur einmal abgesehen.

Aber existiert hier wirklich ein kausaler Zusammenhang der Art „kein Handy = allein … FÜR IMMER“? Wenn ja, dann entsteht hier ja eine ziemlich unangenehme Zwickmühle: Zum einen merkt man, dass einen die ständige Erreichbarkeit stressen kann, beispielsweise wegen des mittlerweile oftmals schon total verinnerlichten Zwangs, wenn man noch fünf Minuten auf jemanden wartet, direkt das Handy zu zücken, und zum anderen ist der einzige Ausweg aus dieser Situation die totale Isolation. Ein Extrem auf der einen Seite, ein anderes auf der anderen. Aber existiert dieser Dualismus wirklich? Bekommt man nicht den genau gegenteiligen Eindruck? Wenn man durch die Stadt, über den Campus, oder wo auch immer lang geht, dann scheinen doch zwischen all den Paaren, Freunden, Familien eher die isoliert, die sich konsequent auf ihr Handy starrend fortbewegen.

Gemeinsam einsam / (C) flickr - Nicolas Nova
Gemeinsam einsam / (C) flickr – Nicolas Nova

Was ist das denn aber für ein Grund, auf sein Handy guckend und so überdeutlich Desinteresse am Anderen signalisierend durch die Welt zu laufen, nur weil man in diesem Moment niemanden hat, mit dem man diese Strecke sonst redend verbringen würde. Klammert man sich wirklich an alte Gesprächsverläufe oder runde Bildchen im Whatsapp-Menü, um irgendwie nicht ganz allein auf dem Weg zu sein? Man will unbedingt nicht alleine sein und deshalb beachtet man niemanden in näherer Umgebung. Das ist doch ein bisschen so, als würde ich nun, nachdem ich Harry Potter 1-5 gelesen habe, gerne Harry Potter 6 lesen, aber mir das Buch zu besorgen, kommt überhaupt nicht in Frage:  Klar kann man nicht überall schon Menschen kennen, mit denen man sich dann unterhalten kann, aber wie sollte man wissen, dass dem so ist, wenn auf dem Weg in Lüneburg vom Marktplatz nach Hause der einzige Mensch, den man ansatzweise wahrgenommen hat, der Busfahrer ist? Und woher nimmt man die Selbstgewissheit, im Vorhinein schon zu wissen, dass man hier niemandem begegnen könnte, von dem man im Nachhinein vielleicht sagen würde: „Ach, wie schön, dass wir uns begegnet sind!“

Natürlich sind Smartphones heute auch wichtig, um sich mit anderen Menschen zu verabreden, aber hier kann sich auch eine gewisse Hektik einschleusen. Verabredungen oder Treffen allgemein sind jeweils eine gewisse Zeit, die man für eine gewisse Sache aufbringen mag. Nach dem Arrangieren des Termins kann man sich diesen gleich in den Handy-Kalender eintragen und dabei direkt sehen, wo man noch Raum für potentielle weitere Verabredungen oder Termine hat. Verabredungen selbst sind dann schön, man genießt sie, man soll sie ja auch genießen, schließlich ist es wertvolle Zeit, die man hierfür aufwendet. Aber kaum sind sie vorbei, existieren, zumindest im Kopf, bereits die nächsten. Die Freiheit, die einem die Smartphone-Anbieter und auch die Smartphones selbst versprechen, sein Leben ganz individuell mit großartiger Hilfe dieses modernen Wunderwerks zu organisieren, schlägt um und verwaltet eher uns, statt andersherum. Unser Leben wird transformiert in eine schlichte Abfolge von Aktionen, in der wir verlernt haben, etwas mit dem Raum zwischen diesen Aktionen anzufangen. Leider tun wir nicht einmal nichts – wie entspannend wäre wohl aktives Nichts-Tun? Meist wissen wir mit uns in der Zeit zwischen unseren Plänen und Aktionen und Treffen und Abenteuern kaum etwas anzufangen. Angesichts dessen lässt sich wohl kaum noch darüber rätseln, wieso es uns so vorkommt, als würde die Zeit quasi an uns vorbei fliegen.

Es soll hier mitnichten gesagt werden, dass jeder Mensch, der ein Smartphone besitzt, nur noch von einem Termin zum nächsten Treffen, zum nächsten Meeting, zur nächsten Konferenz oder auch zum nächsten Urlaub rast! Auffällig bleibt aber, dass dieses Gefühl, nur noch von Projekt zu Projekt zu denken, egal ob man nun ein Smartphone besitzt oder nicht, irgendwie auch deswegen entsteht, weil der Raum zwischen diesen Projekten ziemlich bedeutungsleer geworden ist. Und eine der Optionen, seine Zeit vor dem Brunchen mit Freunden noch möglichst sinnlos zu verbringen, wäre es, im Whatsapp-Menü immer hoch und runter zu scrollen. So oft es auch schon gesagt wurde, so möchte ich es gerne trotzdem erwähnen: Handys haben auch einen Ausschalt-Knopf, wir sollten ihn nutzen.

Autor: Daniel Popp

9. November 2016

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