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Der Jakobsweg zwischen Kultur und Kommerz

Sprach Siddhartha: „Mit deiner Erlaubnis, mein Vater. Ich bin gekommen, dir zu sagen, dass mich verlangt, morgen dein Haus zu verlassen und zu den Asketen zu gehen.“

Gefielen uns verbrauchte Redewendungen, könnte man sagen: Der Jakobsweg ist in aller Munde. Wir hören viel über den Camino de Santiago, von Paulo Coelho, Hape Kerkeling und vielen anderen, doch bevor du dir ein allzu festes Urteil bildest, solltest du den Jakobsweg vielleicht selbst gehen. Du musst (er)leben, um zu wissen. Schon einmal mit dem Gedanken gespielt?
Der Jakobsweg zeigt das Verhältnis, wie du zum Leben stehst. Für Ungläubige mag dies schwülstig klingen, offenbart jedoch ebendieses ungläubige Verhältnis.

Der Jakobsweg ist ein Ort – ein magischer für die einen, ein touristischer für andere –, der dir nur die Erkenntnisse geben wird, welche schon zuvor tief in dir saßen und nur warteten, sich dir zu erkennen zu geben. Er hilft dir nicht, Neues zu finden, sondern dich vergessener Dinge zu entsinnen. Der Jakobsweg wird dir nicht schenken, was du wünschst, er wird dir nur zeigen, was du brauchst.

Sprach Siddhartha: „Mir will es nicht so erscheinen, mein Freund. Was ich bis zu diesem Tage bei den Samanas gelernt habe, das, o Govinda, hätte ich schneller und einfacher lernen können. (…)“

Wenn ich gefragt werde, wie es denn auf dem Jakobsweg war, antworte ich zumeist: „Im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich.“ Trotzdem fange ich an, von irgendetwas zu erzählen. Nie weiß ich, wo, wann, womit zu beginnen und immerzu neige ich zu Pathetik. Dies zeigt mein Verhältnis zum Jakobsweg, denn die Frage, wie meine Pilgerfahrt war, kommt mir der Frage gleich: „Und, wie war dein Leben so bisher?“ Also versuche ich zu erzählen.

Manche beklagen, der Weg verkomme zum Kommerziellen, zum Produkt, mit dem man sich seelische Reinheit erkaufen und nebenbei ein schöne Wanderreise erleben könne. Doch wer bei seinem Urteil über den Pilgerpfad Kommerz sieht, dem empfehle ich, nicht nur dort, sondern überall eine grundsätzliche Kapitalismuskritik zu erdenken.

Sprach Siddhartha, da er ans andere Ufer stieg. „Kein Gastgeschenk habe ich dir zu geben, Lieber, und keinen Lohn zu geben. Ein Heimatloser bin ich (…)“

Auf dem Jakobsweg weisen dir gelbe Pfeile und Muscheln, gemalt, gesprayt, geklebt, angeschraubt an Hauswänden, auf dem Asphalt, auf Verkehrsschildern und an Bäumen den Weg. Das sind Kosten, die verursacht werden, damit du dich nicht verlaufen kannst. Zugegeben, ich erinnere mich, wie ich durch ein Dorf in der Rioja wanderte und Pfeile mich gezielt in einem Bogen an einer Bar entlang wiesen. Kommerz? Möglich. So Gott will?

Die Gegend entlang des gesamten Jakobswegs lebt nicht zuletzt von den Pilgern. Zu einer Bar gelotst zu werden, ist nicht unehrlicher und aufdringlicher als all die Werbung, die permanent unser Leben penetriert, im Fernsehen, in der Zeitung, in jedem aufspringenden Pop-up-Fenster und im Hörsaalgang, im Briefkasten, im Mailaccount, auf dem Handy. All das übrigens blieb mir sechs Wochen erspart. Allein diese Befreiung vom Konsum lässt einen Kommerzvorwurf am Jakobsweg erblassen.

„Du hast ihn gefunden“, sprach Siddhartha flüsternd.

Der Jakobsweg ist dein Lebensweg in komprimierter Fassung. Ständig geht es auf und ab und du lernst viele Menschen kennen, kluge und einfach gestrickte, schöne, seltsame, anhänglich nervende und anziehende, denen du dein letztes Stück Brot und deine letzte Schmerztablette schenkst. Mal willst du allein sein, dann suchst du Gesellschaft, und es mag dir passieren, dass du in Momenten alleine bist, die du viel lieber teilen möchtest, während du in anderen Momenten deine Gesellschaft gar nicht loswirst. Die meiste Zeit aber musst du, sofern du willst, ums Alleinsein kämpfen. Noch in St.-Jean-Pied-de-Port, 200 Schritte auf meinem Jakobsweg, traf ich in der Bäckerei, die bereits um 7 Uhr geöffnet hatte, Joachim (53) aus Duisburg. So schnell ging es bei mir.

Bestimmt wirst du viel lachen, vielleicht wirst du weinen, eventuell wirst du Angst haben, in der frühmorgendlichen Dunkelheit, vor den ständig frei herumlaufenden Hunden oder einer Schlange, die deinen Weg kreuzt. Du wirst frieren und schwitzen und – hattest du mal eine Verletzung in der Schulter, im Knie, am Fuß, wirst du auch an diese erinnert. Dein Körper mag dir verzeihen, aber er vergisst nichts. So wirst auch du vielleicht kämpfen, zuerst gegen deinen Körper, später gegen deine Willensschwäche, bis du siehst, dass der Kampf, so geführt, niemand gewinnen wird.

Und oftmals merken wir Pilger, du und ich, erst im Nachhinein, was wir hätten anders machen können: Hätte ich die Socken getrocknet, hätte ich jetzt keine Blasen. Hätte ich mir bloß Schmerztabletten und Salbe gekauft, dann könnte ich viel schneller vorankommen. Wäre ich doch langsamer gelaufen, hätte ich mehr von der Umgebung wahrgenommen!
Und nie bleibt uns etwas anderes übrig als weiterzugehen. Du selbst musst dich überwinden, immer wieder einen Fuß vor den anderen zu setzen, eine Million Mal, und du allein musst mit Schmerzen in deinem Körper und deiner Seele klarkommen und nur du selbst kannst entscheiden, wie schnell du gehst, welche Abzweigung du wählst, wie viel Ruhe dein Körper und deine Seele brauchen. Sieht das Leben nicht so aus?

Sprach Siddhartha: „Auch mit mir steht es so, Freund, wie mit dir. Ich gehe nirgendhin. Ich bin nur unterwegs. Ich pilgere.“

Vielleicht nicht ganz. Denn auf dem Jakobsweg verliert etwas seine Wichtigkeit, das sonst unser Leben bestimmt. Zeit. Während hierzulande – vielmehr möchte ich sagen, während diesseits Räume nicht die Grenzen der Möglichkeiten aufzeigen, ist es die Zeit, die uns im Alltag beherrscht. Auf dem Pilgerpfad ist die Zeit unwesentlich, der Raum aber dehnt sich. Für die Strecke Lüneburg-Lübeck, die mit der Bummelbahn 1,5 Stunden dauert, brauchst du zu Fuß, wenn du schnell bist, drei Tage. Zwar ist der Raum geweitet, aber nicht unendlich. Und so beherrscht auch er dich nicht, nur ist es aufwendiger, ihn zu überwinden.

Doch haben wir, im Leben wie auf dem Jakobsweg, ein Ziel. Wir wollen glücklich sein, ankommen – ob in Santiago de Compostela, Fisterra, in der Chefetage bei Siemens oder bei der eigenen Familie mit zwei Töchtern und einem Sohn. Das macht uns am Ende alle zu Gleichen. Auch das kann der Jakobsweg deutlicher lehren als das richtige Leben, weil alle Pilger bequeme, funktionale, oft schmutzige Kleidung tragen und alle in die gleiche Richtung laufen und als Gruß stets einen „buen camino“ wünschen.

Ohne Zweifel bleibt es nur ein Wanderweg im Norden Spaniens. Und doch ist es eine logische Konsequenz, dass der Geist neue Erfahrungen macht, wenn der Körper ausgelaugt wird. Wird die Hülle porös, kann das Innere besser atmen.
Ich bin den Jakobsweg von St.-Jean-Pied-de-Port bis nach Fisterra gegangen, habe zwei Tagesmärsche Umweg gemacht und bin auch die 90 Kilometer von Fisterra nach Santiago zurück, insgesamt 1.000 km gelaufen. Die längste Strecke war die an meinem letzten Pilgertag, 54 Kilometer, wofür ich 12 Stunden brauchte. Und ich bin Pilgern begegnet, die in Deutschland gestartet sind und über 3.000 km zu Fuß zurückgelegt haben. Ich kenne die gesamte Strecke, habe aber nur einen Bruchteil gesehen. Auf den Wegen, die wir gehen, in Nordspanien und im Leben, bleibt uns am Ende das meiste doch verborgen.

Sprach Siddhartha: „Was sollte ich dir, Ehrwürdiger, wohl zu sagen haben? Vielleicht das, dass du allzu viel suchst? Dass du vor Suchen nicht zum Finden kommst?“

Vor der Reise warten eine Menge Fragen auf den angehenden Pilger. Wie viel Kilo Gepäck sind ertragbar? Wie komme ich vom Flughafen nach St. Jean? Brauche ich Wanderstöcke oder nur einen Wanderstock? Oder gar keinen? Kann ich als Frau allein gehen? Welche Sachen müssen in die Reiseapotheke? Welcher Reiseführer ist der beste? Wenn ich nur drei Wochen Zeit habe, wo sollte ich starten? Wie viele Kilometer schafft man am Tag? Sollte ich ein Buch mitnehmen, die Bibel vielleicht? Werden mir im März die Füße abfrieren? Wie komme ich nach Fisterra, wenn ich nicht zu Fuß gehen will? Wo bekomme ich eine Jakobsmuschel?

Die Antwort auf die letzte Frage ist: Fisterra. „Fin de terra“, wie man es auch nennt, „das Ende der Welt“. Wenn du früh morgens suchst, wirst du an einem der zwei Strände eine Jakobsmuschel finden. Was du bis und in Fisterra nicht zwingend finden wirst, ist die Antwort auf deine anderen Fragen. Entweder begegnen sie dir vorher oder vielleicht erst zuhause, nach ein paar Wochen oder Monaten in Deutschland. Oder nie. Wenn es im diesseitigen Leben so ist, warum sollte es auf dem Jakobsweg anders sein? Aus diesem Grund erfährt hier das leider verbrauchte Sprichwort seine tiefste Wahrheit: Der Weg ist das Ziel.

Sprach Siddhartha: „(…) Ich aber trete meine Pilgerschaft aufs neue an.“

Nun darf man zu Recht fragen: „Warum gibt es hier nur zwei Bilder? Wie war denn jetzt deine Reise? Wo sind die Infos, die Details?“ Spräche ich: „Was erzähltest du mir, o mein Pilgerfreund, wenn ich fragte, wie dein Leben war?“
Mit Antworten kann ich nicht aufwarten. Auch der Jakobsweg vermag nur ein paar wenige für uns bereithalten, indes er viel mehr Fragen an dich zu richten scheint, auf die du niemals Antworten finden wirst.

Zitate aus „Siddhartha“ (Herrmann Hesse)
Spezielle Fragen, Anregungen, Kritik: Nico.Drimecker@pushmagazin.de

Nico Drimecker

25. November 2007

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