Containern in Lüneburg
Ausprobiert, Titelblatt

Containern in Lüneburg

Ich bin zu Besuch bei Clara und Julia, Anfang/Mitte Zwanzig und Studentinnen der Leuphana. Durch den Tipp einer Freundin bin ich mit den beiden in Kontakt gekommen. Sie containern regelmäßig und haben sich bereit erklärt, mit mir ein Interview über ihre Erfahrungen und Erlebnisse dabei zu führen. Im Anschluss an das Interview durfte ich sie beim Containern begleiten.

Eine bunte Mischung / (C) Clara u. Julia

Containern meint die Mitnahme weggeworfener Lebensmittel aus Abfallcontainern von Supermärkten oder anderen Lebensmittelgeschäften. Oftmals werden Lebensmittel nur wegen kleinerer Druck- oder Faulstellen oder abgelaufenen Mindesthaltbarkeitsdatums entsorgt, da die Läden sie so nicht mehr verkaufen können oder wollen. Containern wird einerseits von bedürftigen Menschen betrieben, die nicht genug Geld zum Kauf von Lebensmitteln haben, anderseits gehen auch Menschen containern, die schlicht ihren Konsum reduzieren möchten.

Zum Containern sind beide erst an der Uni und durch Freunde gekommen. Mittlerweile gehen sie drei bis vier Mal die Woche los, meist zu dritt, damit es nicht laut wird.

 

Univativ: Clara und Julia, was ist eure Motivation?

Clara: Man spart ein bisschen Geld. Es ist auch irgendwie ein Adrenalinkick.  Und für uns ist es ein kurzer Weg, ein schöner Abendspaziergang.

Julia: Es macht auch einfach Bock. Wie doll ich mich schon über Schokolade oder ein Ü-Ei gefreut habe. Es ist ein bisschen wie Weihnachten.  Und es ist ja auch einfach eine gute Sache. Ich stehe voll dahinter.

Clara: Und es ist ein Gemeinschaftsding. Man geht nie allein, man fragt immer, wer mitkommt.

 

Univativ: Wie oft findet ihr etwas Brauchbares, wie oft ist nichts da?

Julia: Kommt auf den Tag an. Montags ist wenig, einmal die Woche ist auch mal nichts da. Im Sommer hatte ich das Gefühl, da wurde weniger weggeschmissen.

 

Univativ: Und wie lange dauert eine Session ungefähr?

Clara: Wenn der Laden zu ist und das Licht aus, kommt drauf an wie viel da ist. Normal nicht länger als 10-15 Minuten. Es kann aber sein, dass noch Mitarbeiter vor der Tür stehen oder der LKW gerade kommt.

Julia: Wenn viel drin ist, brauchen wir locker 25 Minuten, ohne Hin- und Rückweg.

 

Univativ: Seid ihr die einzigen, die ihr kennt, die containern?

Julia: Die regelmäßig containern, ja.

 

Univativ: Wann geht ihr?

Clara: Eine Viertelstunde nach Ladenschluss. Das Personal muss weg sein.

Julia: Am Anfang hab ich das nicht gecheckt. Da bin ich auch gegangen, als noch Leute da waren. Hat aber auch keinen gestört.

 

Univativ: Habt ihr schon mal Ärger bekommen?

Julia: Ne. Also na ja. Ich hatte das mal bei einem anderen Laden. Der liegt ungünstig direkt an der Straße, da waren die ganze Zeit Leute um uns herum. Und da hat eine Frau uns angesprochen, die war richtig grantig. Die kam mit „Was machen Sie da?“ an. Und ich richtig überzeugt: „Wir containern, das ist eine gute Sache.“ Sie: „Ich glaube, das ist illegal, was Sie hier machen.“ Die hat uns vollgelabert. Ich meinte dann: „Rufen Sie die Polizei, wenn Sie unbedingt müssen.“ Die ist dann gegangen und wir sind abgehauen. Ansonsten war nie irgendwas, auch nicht von den Mitarbeitern.

Clara: Von anderen haben wir auch nichts gehört. Da ist ja auch alles offen, kein „Betreten verboten“ Schild, es ist nichts abgeschlossen. Es steht mehr oder weniger offen da.

 

Univativ: Sollte man bereit sein, wegzulaufen?

Clara: Also bei dem LKW letztens war es schon ein Adrenalinkick.

Julia: Ich musste noch nie weglaufen. Ich versuch eher zu reden, wenn mich jemand anspricht.

Clara: Das mit dem LKW… da waren wir grad am Wühlen, da hat jemand LKW gerufen und dann bin ich schon gerannt. Die anderen haben die Tüten mitgenommen.

Julia: Aber wir ziehen uns keine extra Sportklamotten an (lacht)

 

Univativ: Welche Reaktionen erhaltet ihr aufs Containern?

Julia: Es war ein Wandel. Jetzt ist es so, dass die meisten schon mal mitgekommen sind. Am Anfang war da eine größere Distanz dazu. Ich hab aber das Gefühl, die Leute verstehen nicht genau, was man macht. „Du wühlst im Müll rum?“ „Wie kann man sich das vorstellen?“ Solche Fragen kommen schon. Trotzdem sind in den letzten Monaten immer mehr Leute dazu gekommen, die das cool finden und mitmachen wollen.

Clara: Bei meinen Eltern daheim heißt es eher: „Oh je, brauchst du mehr Geld?“ Aber es ist ja nicht wirklich Müll. Diese Tonnen werden jeden Tag sauber gemacht, es kann höchstens mal sein, dass ein Joghurt ausgelaufen ist. Aber die Tonnen sind getrennt, eine fürs Essen und eine für Restmüll.

 

Univativ: Also ihr erzählt das offen?

Clara: Wir erzählen das. Die Leute bekommen das ja auch mit. Teilweise haben wir so viele Sachen, das bringen wir dann in andere WGs, kann man ja gar nicht alles alleine essen. Die meisten Sachen sind auch gar nicht schlecht oder abgelaufen. Das sind dann offene Duplo- oder Kinderriegelpackungen, die werden einfach weggeschmissen. Oder Sachen, die jemand aus dem Kühlregal genommen und im Laden irgendwo hingestellt hat. Da ist die Kühlkette unterbrochen, dann werden die Sachen weggeschmissen. Es heißt ja auch Mindesthaltbarkeitsdatum, das kannst du locker noch eine Woche essen. Zur Not kann man es immer noch wegschmeißen.

Sogar ein paar frische Kräuter sind mal dabei

 

Univativ: Was war euer schlimmster bzw. bester Fund?

Julia: Das Schockierendste war, wie viel Fleisch weggeworfen wird. Zum Beispiel eine halbe Mülltonne voller Hack und Hähnchen. Aber das nehmen wir dann nicht mit. Beim Containern sind eh nicht die Leute dabei, die Bock auf Fleisch haben. Wir nehmen Lachs und so was mit, eingepackte Sachen.

Clara: Wurst nehmen wir schon mit aber bei rohen Sachen, weiß ich nicht. Wahrscheinlich würd es wegen der Temperatur auch gehen.

Julia: Das Beste war Shampoo. Der Laden hat so viel Shampoo weggeworfen, das haben wir im Oktober containert und unsere WG hat immer noch Shampoo. Warum wirft man das einfach weg?

Clara: Gelbe Säcke hatten wir mal, Tesa-Film. Erkältungsbad, Füllerpatronen.

Julia: Mein bestes Containertes war nach Weihnachten, da hat Penny die ganzen Weihnachtsartikel rausgeschmissen. Wir hatten eine riesige Schale voller Schokolade. Wir haben halt öfter mal von einer Sache richtig viel. Eine Palette Joghurt oder so. Das verteilen wir dann in der WG. Es kommen aber auch Leute nach uns, deshalb lassen wir Sachen da, wenn es zu viel für uns ist.

Containern für artige Kinder / (C) Clara u. Julia

 

Univativ: Würdet ihr denn anderen Containern empfehlen?

Julia: Ich fände es komisch zu sagen: Nein, geht nicht containern. Ich hatte aber schon richtig viele Diskussionen darüber, wo gesagt wurde: Es gibt ja noch Leute, die das mehr benötigen als ihr. Aber beim Containern ist erst mal jeder Mensch gleich, auch wenn ich das Problem verstehen kann. Das Grundprinzip des Containerns ist, Lebensmittel weiterzuverwenden, die sonst einfach im Müll landen würden, und letztendlich versucht man auch so viel zu teilen wie es nur geht. Es ist ja nicht so, dass du etwas containerst, und dann ist es dein Besitz.

 

Tipp: So verhältst du dich beim Containern richtig

-hinterlasse alles so, wie du es vorgefunden hast

-sei möglichst leise und störe keine Anwohner

-verhalte dich unauffällig, warte bis „die Luft rein“ ist

-du bist auf fremdem Gelände, verhalte dich verantwortungsvoll

-es geht ums Miteinander. Wenn Leute nach dir kommen, teile deine Sachen

-nimm nur Sachen mit, die du wirklich gebrauchen oder verteilen kannst

-nimm auch Sachen mit, die nicht perfekt aussehen

-denke an Taschenlampe, große Taschen und eventuell Handschuhe mit

 

Univativ: Kauft ihr auch Essen?

Clara: Ja klar. Ich kauf eigentlich immer normal ein. Manchmal reichen die Sachen einfach länger. Letztens hatten wir zum Beispiel viel Brot, das haben wir dann eingefroren.

Julia: Du hast teilweise von einem Lebensmittel richtig viel. Da würde das gar nicht hinhauen, uns davon komplett zu ernähren. Ich achte schon noch auf eine ausgewogene Ernährung. Richtig viele Containersachen sind eben extra.

Clara: Ich glaub trotzdem, dass man schon einiges spart. Einen ganzen Tisch voll hatten wir, das war bestimmt ein Wert von 80 Euro.

Julia: Das haben wir öfter, dass Containersachen so viel wert sind. Blaubeeren zum Beispiel. Du würdest dir ja nie 13 Packungen Blaubeeren kaufen. Am besten wäre eine Mischung aus Brot, Obst, Gemüse und Süßigkeiten. Aber diese Mischung hast du eigentlich nie. Deshalb funktioniert das nicht vernünftig, sich nur davon zu ernähren.

Ausbeute statt Ausbeutung / (C) Clara u. Julia

 

Univativ: Wo sind denn die Spots in Lüneburg?

Julia: Einige sagen, das soll man nicht verraten. Ich finde, das ist ok, man kann darüber reden. Ich habe mal eine Tour gemacht durch ganz Lüneburg. Da haben wir 16 Supermärkte abgefahren. Davon konnte man nur bei vieren containern. Lidl ist komplett zu, bei den Pennys kannst du containern, kommst aber manchmal schlecht ran, bei Aldi manchmal, bei Kaufland im Industriegebiet haben wir viele schöne Sachen containert.

Clara: Bei Bergmann kann man wohl auch irgendeine Treppe hochgehen und da containern.

Julia: Das war natürlich nur ein Abend, wo wir alle abgefahren sind, da müsste man noch mal gucken. Das kann man nie ganz sagen, wo es geht.

 

Univativ:  Kauft ihr denn im Supermarkt auch die Sachen, bei denen man schon sieht, dass sie wohl weggeschmissen werden?

Julia: Mein Freund kauft immer konsequent diese Sachen. Ich bin da aber schon recht kleinlich. Darauf zu achten mach ich noch nicht lange. Kostet mich aber Überwindung und ich musste erst überzeugt werden. Man ist natürlich auch geprägt, die schönen Sachen zu kaufen. Man sollte da einfach nicht so kleinlich reingehen.

Clara: Ich denke, es ist wichtig, darauf zu achten, bewusst zu konsumieren; bei allen Sachen, nicht nur bei Lebensmitteln. Darauf zu achten, was man braucht und nicht darüber hinaus noch irgendwelche Scheiße zu kaufen.

 

Univativ: Habt ihr noch ein paar Worte oder Wünsche an die Politik?

Julia: Es ist Schwachsinn. In Frankreich haben sie es ja schon gemacht, da darfst du keine Lebensmittel mehr wegschmeißen. Ich wäre schockiert, wenn das die nächsten 15 Jahre noch weitergehen würde. Ich hab auch schon mit anderen Läden gesprochen, die geben das dann direkt an die Tafel, die schmeißen nichts mehr weg.

Clara: Es ist einfach verrückt, was da für Energie verschwendet wird. Dass das einfach so weggeschmissen wird. Man könnte es ja auch einfach weitergeben und für weniger verkaufen.

Julia: Der Bäcker am Bahnhof macht ab 20 Uhr zum Beispiel eine 50% Aktion und gibt die Reste dann auch noch weiter.

 

Univativ: Wollt ihr noch einen letzten Satz loswerden?

Clara: Ich persönlich kaufe auch einfach so ein, dass ich nichts wegschmeiße. Man kann ja nicht sagen: Scheiß Supermärkte, die schmeißen alles weg, und selber kauft man voll viel ein und lässt dann die Hälfte vergammeln.

 

Nach dem Interview, es ist etwa halb 11, begleite ich die beiden dann zu einem Lüneburger Discounter. Das Containern an sich verläuft recht unspektakulär.

Wir gehen eine kurze, gut zugängliche Einfahrt entlang, an deren Ende stehen in fahlem Licht drei Tonnen.

Bevor die beiden die Tonnen öffnen, ziehen sie sich Einweghandschuhe an. Ein Luxus, den sie sich gönnen, wie sie sagen. „Das machen aber nicht alle.“

Clara und Julia leuchten mit Kopf- und Handytaschenlampe in die Tonnen und begutachten, was da ist. Die Lebensmittel sehen fast aus, als seien sie ordentlich hineingelegt worden, ein unangenehmer Geruch ist zu meiner Überraschung kaum vorhanden.

Ein paar Lebensmittel werden vorsichtig zur Seite geschoben, um zu schauen, was sich darunter befindet. Die Tonnen sind heute ziemlich leer, dementsprechend mau ist die Ausbeute. Ein paar Eier und Blumen sind da und eine größere Menge noch absolut frisch aussehender Kartoffeln. Für die lehnt sich Clara ziemlich weit in die Tonne, was ihr aber nichts auszumachen scheint. Auch wenn Julia auf dem Hinweg sagte, sie sei etwas aufgeregt, erkennt man am routinierten Vorgehen doch, dass die beiden das nicht zum ersten Mal machen.

Bevor wir gehen werden alle Tonnen ordentlich geschlossen, ein letztes Mal geschaut, ob alles wieder im Originalzustand ist. Zuhause angekommen werden die Lebensmittel gewaschen und direkt eingelagert. In den nächsten Tagen werden Clara und Julia sicher wieder losgehen.

Zwar ist es grundsätzlich ein gutes Zeichen, wenn wenig Lebensmittel in der Abfalltonne landen, auf eine etwas größere Ausbeute hoffen die beiden beim nächsten Mal aber trotzdem.

Autor: Ernst Jordan

Da Containern in Deutschland strafbar ist (Hausfriedensbruch oder Diebstahl), wurden die Namen der Beteiligten von der Redaktion geändert. 

30. März 2017

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Ernst Jordan dont wait for me, if i care bout anything, anywhere losin myself, i get the stares what im lookin at, wasnt there (wasnt there)


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