Cocaine Country for a young Man! Rezension zu Daughn Gibsons‘ Album „All Hell“
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Cocaine Country for a young Man! Rezension zu Daughn Gibsons‘ Album „All Hell“

In nur 30 Minuten entführt Daughn Gibson den Hörer in eine alte Western-Kaschemme, in der Country und Elektro aufeinander treffen. Die Songs sind Streiflichter durch ein vergessenes und doch gerade erwachendes Land der eigenen Herkunft, persönlich und verstörend.

© Matthias Jessen

Wie er da steht, mit seinem aufgeknöpften Arbeiterhemd und seinen Brusthaaren, zwischen den wackeligen Brettern der Scheune und in ein Mikrofon aus den Tagen von Elvis ächzt, stöhnt und kurze Fetzen auf dem Piano einspielt. Eingesprenkelt wie Streiflichter in die Schattengewächse der Landstraße. Dann geht es weiter und seine Stimme trägt den Hörer durch das Vinyl-Knistern verschrobener Erinnerungspanora-
men in das fahle Licht einer Kneipe.

Unaufdringliche Samples legen das Grundgerüst, darauf gebettet ist der staubige Ton vergangener Tage. Das Licht fällt auf die Whiskeyflaschen im Regal und sickert in die schwarzen Risse der Holzdielen, dort wo Zigarettenkippen, Nickel und Dimes liegen, sich Spucke und Dreck der Farmerstiefel sammeln. Und irgendwo auf diesen Dielen tanzt Daughn Gibson, die Nase voller Koks; Hirn und Blut kochen.

Es ist ein schwerer und kratzender Rauch, der in der muffigen Luft liegt, sich über die abgewetzten Tasten des Klaviers legt. In diesem Dunstkreis der Hoffnungslosigkeit verzaubert uns Daughn Gibson mit einer Musik, die irgendwo zwischen Country und Elektro aufflackert. Zeitlos wie „No Country for old Men“. Es fühlt sich wie Aufwachen an. Als würde man in sein eigenes Bett steigen und im mittleren Westen der USA, in einer anderen, vortechnologischen Zeit zu sich kommen und das ganz gelassen hinnehmen, da man reichlich stoned ist.

Gibson singt über die vergangenen Tage, über Selbstaufgabe, zerrüttete Familien, über höchst innerliche Themen. Dabei bleibt er durch seine minimalistischen Kompositionen immer glaubwürdig und nimmt seinen Weltschmerz nicht ganz so ernst. „If I lose you I might write a song about some rain on a highway.“ Tatsächlich sind neben den schleppenden und poetischen Songs, auch beinahe tanzbare Nummern wie das Stück „Lookin‘ Back on ’99“ vertreten, das nahtlos in einen Song übergeht, der locker auf Bruce Springsteens letzten Album Platz gefunden hätte. Überhaupt bietet sich dieser Vergleich an. Man nehme Springsteens „Nebraska“-Album, zerbröselt es in kleine Krümel, raucht diese Krümel auf die bevorzugte Art und Weise und frickelt nebenbei an einem Sampler herum.

Trotz einer Laufzeit von nur 30 Minuten ist dabei ein interessantes Album entstanden, ein Album für die Nacht und eine andere Zeit. Zuweilen etwas abgedreht, ist es dennoch ein interessanter Ansatz, unterschiedlichste Musikstile zusammenzuführen und dabei etwas Fesselndes zu erschaffen.

Hörproben:

> Song „In The Beginning“
> Song „Lookin‘ Back On ’99“

Autor: Matthias Jessen

25. Mai 2012

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