Bittere Pillen
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Bittere Pillen

Was steckt eigentlich im Blister-Streifen: Viele Pillen der dritten und vierten Generation erhöhen das Risiko für Thrombose und Lungenembolien. Dabei ist der Schwangerschaftsschutz bei diesen Präparaten nicht höher
Was steckt eigentlich im Blister-Streifen: Viele Pillen der dritten und vierten Generation erhöhen das Risiko für Thrombose und Lungenembolien. Dabei ist der Schwangerschaftsschutz bei diesen Präparaten nicht höher

Aktuell sorgt der Fall der 31-jährigen Felicitas Rohrer und der Pille Yasminelle von Bayer für ein mediales Echo. Die Pille des Pharmakonzers soll bei Rohrer eine Lungenembolie ausgelöst haben. Die 31-jährige fordert Schadenersatz von Bayer. Eine öffentliche Debatte darüber, warum die Pille eigentlich im Jahr 2016 ein doppelt so großes Thromboserisiko birgt wie in den 60ern, lässt bisher allerdings auf sich warten.

Unsere Autorin findet: Die Pille ist mittlerweile mehr als nur eine Verhütungsmethode. Zeit aufzuzeigen, dass die Pillen der neusten Generationen nur ein weiteres Produkt sexistischer Vorstellungen und eines kapitalistischen Sytems sind. Und warum die Konsumentinnen sich dessen nicht länger aussetzen sollten.

Felicitas Bohler ist nicht die erste Frau, die den Pharmakonzern Bayer verklagt. Jedoch ist sie eine der ersten Frauen, die wegen einer Nebenwirkung der Pille gegen Bayer klagt. Seit der Etablierung in den 1960er Jahren ist eine erhöhte Thrombosegefahr eine Nebenwirkung der Pille. In der Vergangenheit war es der hohe Anteil an Östrogen – eines von zwei Hormonen, die den Eisprung verhindern – der für das erhöhte Thromboserisiko verantwortlich war. Heute sind es veränderte Gestagene, die nicht zu einem höheren Schwangerschaftsschutz beitragen. Warum wurden sie dann überhaupt verändert?

Kein höherer Schutz vor Schwangerschaft

„Thrombose ist doch eine Krankheit für alte Menschen, das betrifft junge Frauen im gebährfreudigen Alter nicht!“ Dieser Satz fällt oft, wenn man über Vor- und Nachteile der Pille diskutiert. Ein Blutgerinnsel kann allerdings nicht nur im Bein auftreten, sondern auch in der Lunge oder im Kopf. Im Lungenflügel trägt es den Namen „Lungenembolie“ und ist in den meisten Fällen tödlich. Mit modernen Pillen, also denen der dritten und vierten Generation, hat sich das Thromboserisiko im Schnitt verdoppelt.

Zwar bleibt das Risiko gering, tatsächlich eine Thrombose zu erleiden, doch mit den neusten Präparaten hat sich dieses Risiko statistisch verdoppelt.

Moderne Pillen bedeuten auch moderne Gestagene: Einige der neuen Präparate, wie die Yasminelle von Bayer sollen nicht nur den Eisprung verhindern, sondern auch schlank und pickelfrei machen. Damit antwortet die Pharmaindustrie auf einen gegenwärtigen Trend. Die anti-fett und anti-Pickel Pille fußt auf genau den selben Vorstellungen wie der unendlich große Markt an Diätpillen, Anti-Aging-Cremes und „Perfect-Shape-Apps“. Es ist das gesellschaftliche Bild der Frau im Jahr 2016, das nach neuen Pilllen schreit. Es ist der Ruf einer Generation von Frauen, die glauben, sie müssten in eine bestimmte Kleidergröße passen – oder vielmehr in ein passendes Gesellschaftsbild.

Das fatale Erbe einer feministischen Revolution

Als die Antibabypille in den 1960er Jahren auf den Markt kam, ging ein Aufschrei durch die Nation und ein Freudenruf durch die Gruppen emanzipierter Frauen und der Anhänger der freien Liebe. Selbstbestimmter  und freier Sex waren zwar schon durch das Kondom möglich, doch die Pille war ein Verhütungsmittel speziell für die Frau. Die ersten Präparate der Pille waren allerdings nicht nur ein Schwangerschaftsschutz, sondern ein feministisches Instrument, das zur weiteren Emanzipierung des weiblichen Geschlechts beigetragen hat.

Doch ist in der Pille im Jahr 2016 nicht mehr viel übrig vom feministischen Geist der ersten Stunde – wie leider in so vielen Bereichen. Denn das kapitalistische System hat auch die am weitesten verbreitete weibliche Verhütungsmethode für sich entdeckt. Schlank und pickelfrei machen die Präparate. „Smile-Effect“ für lupenreine Haut und einen „Figur-Bonus“ liefert Yasminelle neben einem Schminkset, das dem Präparat beigelegt ist.

Also, liebe Frauen, was sagt uns diese Pille? Bitte lächeln und zwar möglichst immer und viel. Ernste Frauen sind nicht gerne gesehen und Pickel sowieso nicht. Sieht so etwa jemand in den Boulevard-Magazinen aus oder auf den Laufstegen dieser Welt? Genauso ist der Figur-Bonus auf das Gesellschaftsbild der Frau von heute ausgelegt. „Verhüten und abnehmen“; „Ach wie praktisch“ sagt man sich doch da. Endlich „Perfect Shape“, genau das was Schlankheits- und Fitnesswahn von mir verlangen.

Kleiner Nebeneffekt: Du könntest an lebenslanger Thrombose erkranken – ja, auch schon in jungen Jahren – und dein Lungenembolierisiko ist doppelt so hoch wie bei früheren Präparaten, die so etwas nicht konnten. Damit wäre man womöglich noch fett geworden.

Der Konzern Bayer reagiert auf die Klage von Felicitas Rohrer mit der Aussage: „Das positive Nutzen-Risiko Profil […] wurde in umfangreichen Studien wiederholt bestätigt.“ Doch was ist überhaupt der „Nutzen“ bei Yasminelle, der das Risiko verdoppelt? Der Nutzen ist kein höherer Verhütungsschutz, sondern der Smile-Effect und Figur-Bonus. Denn diese veränderten Gestagene braucht man heutzutage nicht für bessere Verhütung. Wofür dann also ein höheres Risiko eingehen?

Schlank, pickelfrei und temporal manisch-depressiv

In meinem weiblichen Freundeskreis habe ich die Debatte über die Pille schon oft geführt. Vor genau einem Jahr haben wir über die Pille diskutiert, weil ich unglücklich damit war. Ob meine Pille damals eine Super-Pille war, kann ich nicht mehr sagen. Abgenommen habe ich jedenfalls nicht, Pickel hatte ich auch vorher nicht sonderlich viele.

Und trotzdem war ich unglücklich, weil ich mich in den 1 ½ Jahren der Einnahme zu einer launischen Furie entwickelt hatte, zum Leidwesen meines Umfelds.

Einer Freundin erging es genauso mit einem Hormonring. Sie hat ihn nach nur drei Monaten abgesetzt und auf eine nicht hormonelle Verhütungsmethode umgestellt. Sie war auch diejenige, die mir als erste vom Thrombose- und Lungenembolierisiko erzählte. Meine Frauenärztin hatte das bei der Verschreibung nur kurz angedeutet.

Seit September verhüte auch ich nicht mehr mit der Pille. Ich bin seitdem ausgeglichener. Und viel wichtiger, ich nehme keine Hormone mehr, die meinen eigenen natürlichen Zyklus unterbinden. Ich wollte meine persönliche Hormon-Therapie nicht weiterführen. Die Kupferkette, die ich jetzt trage, verwendet keine Hormone, schützt fünf Jahre lang und ist laut Pearl-Index sicherer als die Pille.

Eine alternative Verhütungsmethode zu suchen bedeutete natürlich für mich mehr Aufwand, als nur zum Arzt zu gehen und mir einen neuen Blister-Streifen verschreiben zu lassen. Für mich hat sich dieser Aufwand gelohnt.

Mit welcher Pille oder welcher Verhütungsmethode eine Frau am glücklichsten ist, kann man nicht vorschreiben. Trotzdem ist es wichtig, kritisch zu bleiben. Denn viele deutsche Frauenärzte kennen das erhöhte Risiko der neuen Pillen und verschreiben sie trotzdem. Für mich ist das fahrlässig, besonders, weil die wenigsten Frauenärzte über Alternativen informieren. In Frankreich wurden bestimmte Präparate bereits wegen des erhöhten Risikos vom Gesundheitsamt vom Markt genommen. In Deutschland sind wir leider noch nicht an diesem Punkt angekommen. Somit ist also der Konsument gefragt.

Denn Frau muss nicht jede bittere Pille schlucken, die vom Arzt verschrieben wird.

Autorin: Antonia Wegener

31. Januar 2016

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3 COMMENTS ON THIS POST To “Bittere Pillen”

  1. Dies hätte sicherlich ein hilfreicher, informativer Artikel werden können, der jungen Frauen auf wissenschaftlicher Basis über die realen Risiken der Pille aufklärt, um so einen positiven Einfluss auf die Auswahl der Verhütungsmethode zu haben. Leider wurden stattdessen alte Feindbilder der feministischen und antikapitalistischen Idiologien bemüht den (bis zum zweiten Satz noch) genneigten Leser zu schockieren.

    Ohne inhaltliche Argumente, dafür aber auf der oberflächlichen Basis einer nicht genannten Studie und einer „repräsentanten“ Umfrage („meine Freundin und ich hatten Probleme, die wir praktischerweise auf Hormone zurückführen“) ist dieser Artikel somit nicht nur Zeitverschwendung. Stattdessen kann sogar gefährlich sein, wenn deshalb auch nur ein Mädchen lieber auf die Pille verzichtet und stattdessen ungeschützten Sex hat (wie der rapide Anstieg der Teenagerschwangerschaften in England nach Veröffentlichung eines ähnlichen Artikels in einer Sonntagszeitung gezeigt hat).

    Liebe Antonia, bitte nutze doch das nächste Mal deine mediale Reichweite um zu informieren und Frauen eine Entscheidungsgrundlage zu liefern, wenn es um die Wahl der Verhütungsmethode geht. Auch die Förderung der Entwicklung von Verhütungsmethoden für Männer wäre sicherlich ein gutes Ziel für einen weiteren Artikel. Aber vielleicht ist das nicht so wirksam wie populistischer „Journalismus“ und vielleicht hätte ich dann diesen Artikel selbst nie auf meiner Facebook Timeline gesehen oder gar gelesen.

    • Meiner Ansicht nach sind Persönliches (minimale Information über Risiken durch die verschreibende Ärztin, Einfluss der (Nicht-)Einnahme auf die eigene Stimmung) und Objektives (Gefahr der Embolusbildung) ausreichend differenziert dargestellt. Die Kapilismuskritik drum herum „kaufst“ du oder eben nicht – aus journalistischer Sicht ist es völlig in Ordnung zu hinterfragen, warum ein Verhütungsmittel gleichzeitig auch ein Beauty-Produkt darstellen sollte.

      Die vom ersten Kommentierende ausgepackte Keule gehört also wieder eingepackt und gegen ein Pardon eingetauscht.

  2. Hallo Leon,

    erst einmal würde ich gerne einmal deutlich machen, dass Univativ als eine journalistische Plattform Kommentare veröffentlicht. Und mein obiger Artikel gehört dieser Textgattung an, daher darf er auch wie du es nennst „populistisch“ sein und ich bekenne mich sehr gerne dazu, diese speziellen Pillenpräparate als Produkt des Kapitalismus und Sexismus zu sehen. Denn wie du lesen kannst, bin ich keine Gegnerin der Pille, allerdings der Präparate der vierten Generation, die ohne höheren Schwangerschaftsschutz zu bewirken, ein größeres Thrombose Risiko bergen als die Vorgänger.

    Aus meinem Artikel wird außerdem ersichtlich, dass nicht generell etwas gegen die Nutzung der Pille spricht (man lese Abschnitt zu den ersten Pillen in den 1960er Jahren), sondern das Ausmaß, das es in den letzten beiden Jahrzehnten angenommen hat. Wie gesagt, möchte ich damit keine Hetze gegen die Pille betreiben, aber die Treibkräfte aufzeigen, die Pharmakonzerne dazu verleiten, die „Super-Pillen“ zu entwickeln und zu produzieren. Und ja genau diese Treibkräfte sind meiner Meinung nach sexistisch und kapitalistisch. Denn wer einen Schönheits-Wahn vermarktet und verkauft, der ungesund ist und von sexistischen Vorstellungen getragen wird, dem begegne ich nicht Nachsicht in meinem Kommentar.
    Außerdem ist es als eine Anregung zur Reflexion gedacht, ob Frauen sich nicht schon ähnlich wie ich gefühlt haben. Und vielleicht auch um sich Gedanken zu anderen Verhütungsmethoden zu machen. So wie es im letzten Absatz deutlich wird. Statistisch gesehen und aus den Beilagezetteln der Pille zu entnehmen, leiden viele Frauen unter der Pille an Stimmungsschwankungen, die durch die Hormonbehandlung hervorgerufen werden. Also habe ich mich dazu entschlossen zu zeigen, dass ich genau mit ähnlichen Problemen, wie sie bei Einnahme der Pille üblich sind, zu kämpfen hatte.

    Anbei sende ich dir dann noch den Link, den ich als Grundlage für mein “ erhöhtes Thromboserisiko“ verwendet habe. Im Journalismus ist es nicht zwingend notwendig, noch einmal aufzuzeigen woher die Daten kommen, aber ich merke mir das für mögliche folgende Artikel. Vielleicht kann man einen Hyperlink einbauen. Gerne kann man auch nochmal nachfragen, woher die Daten kommen, die wir eigentlich in unseren Artikeln verwenden.
    Nicht desto trotz handelt es sich bei der Univativ generell um ein journalistisches Medium und kein wissenschaftliches.

    http://www.spiegel.de/gesundheit/sex/thrombose-und-blutgerinnsel-wie-gefaehrlich-sind-anti-baby-pillen-a-875630.html

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