Auf Wellenlänge mit Inklusion und Empowerment – das neue autonome AStA-Referat ARCHIPEL stellt sich vor
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Auf Wellenlänge mit Inklusion und Empowerment – das neue autonome AStA-Referat ARCHIPEL stellt sich vor

Etwa sieben Prozent der Student*innen an deutschen Hochschulen haben eine „studienerschwerende Gesundheitsbeeinträchtigung“. In Lüneburg gibt es für diese Menschen nun eine Anlaufstelle – das autonome Referat ARCHIPEL.

Mit ** gekennzeichnete Texte sind anonyme Berichte, zur Verfügung gestellt von ARCHIPEL.

ARCHIPEL – Das steht an der Leuphana seit letztem November für: Autonomes Referat für chronische Erkrankungen, Handicaps und Inklusion, psychische Erkrankungen, Empowerment und Lernbeeinträchtigungen. Das ist ein sehr langer Name, hinter dem aber ein simples Bedürfnis steckt: der Wunsch, dass an unserer Universität Menschen in allen Gesundheitslagen studieren können – ohne, dass Strukturen und Einrichtungen sie dabei behindern.

Etwa sieben Prozent der Student*innen an deutschen Hochschulen haben laut der 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes eine „studienerschwerende Gesundheitsbeeinträchtigung“. Bei gleichmäßiger Verteilung auf alle Hochschulen bundesweit hieße das, dass an der Leuphana rund 630 Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchtigung studieren, die sich auf ihr Studium auswirkt. Das klingt viel? So viele „Kranke“ und „Behinderte“ sind euch noch gar nicht auf dem Campus aufgefallen? Viele Krankheiten sind weder auf den ersten, noch den zweiten Blick zu erkennen.

Freitagabend. Schluss in der Kneipe, also irgendwo anders hin. Oh man, diese beiden Typen hängen sich nicht wirklich bei uns ran und wollen mit oder? „Was’n‘ das?“, fragt er. Was sage ich dazu? Heute mal: „Das, mein Freund, ist ein Blindenstock.“ Freundlich, bestimmt, direkt – sehr gut! „Haste den geklaut?!“ …Womit habe ich immer diese Idioten verdient? Ein Typ mit ‘nem Blindenstock – Natürlich! Den muss er wohl geklaut haben! Man muss nicht behindert aussehen, um es zu sein.**

Für wen ist ARCHIPEL da?

Den mit Abstand größten Teil der oben genannten gesundheitlichen Beeinträchtigungen machen psychische Erkrankungen und Beeinträchtigungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Essstörungen aus. Darauf folgt die Anzahl der Student*innen mit chronischen Erkrankungen. Diese können so unterschiedlich sein wie Schilddrüsen-Erkrankungen, Rheuma, Epilepsie, Asthma, Diabetes oder Morbus Crohn, aber auch Schmerz-Erkrankungen. Ein wachsender Anteil an Student*innen hat heute eine Lernbeeinträchtigung oder eine neurologische Teilleistungsstörung wie Legasthenie (Lese-Rechtschreib-Störung) und Dyskalkulie (Rechenstörung) – alles Beeinträchtigungen, die von nichtwissenden Außenstehenden kaum identifizierbar sind. Darüber hinaus gibt es weitere Handicaps, die ihre ganz eigenen Herausforderungen im Studium mit sich bringen. Dazu gehören etwa Seh- und Hörbeeinträchtigungen oder motorische Einschränkungen.

Auch wenn oben genannte Beeinträchtigungen und Krankheiten die Betroffenen ganz unterschiedlich herausfordern, haben sie eins gemeinsam: Sie können auch die beste Semesterplanung des idealen Bologna-Studierenden durcheinanderbringen. Hoher Zeit- und Leistungsdruck machen in Deutschland vielen Student*innen zu schaffen, diejenigen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen leiden darunter besonders.

Morgens im Bett, nach einer schlaflosen Nacht, getrieben von Prüfungsstress, Alpträumen, schwarzen Erinnerungen, werde ich am Morgen kaum wach. Nicht nur eine Nacht – zwei, drei, manchmal vier. Aber ich muss schreiben, lesen, denken. Aber aufstehen, first!**

Wie ARCHIPEL Betroffenen helfen will

Bisher hat es an der Universität Lüneburg kein Organ der Studierendenschaft gegeben, dass sich explizit zum Ziel gesetzt hat, Student*innen mit Handicaps eine Stimme zu geben. Deswegen hat sich im vergangenen Jahr das Autonome Referat ARCHIPEL gegründet, das als reguläres AStA-Referat über Referent*innen, einer Vertretung in den AStA-Sitzungen und eigenem Budget verfügt. Der entscheidende Unterschied zu anderen Referaten ist, dass die ARCHIPEL-Referent*innen nicht durch das Student*innenparlament (StuPa), sondern in einer Vollversammlung aus dem Kreise der Betroffenen heraus gewählt wurden. So soll gewährleistet werden, dass die Referent*innen auch wirklich die besonderen Interessen der betroffenen Gruppe repräsentieren können.

Das ARCHIPEL möchte auf zwei Ebenen wirken: Zum einen bietet es Raum zum Austausch für Betroffene und ihr Umfeld, in dem Schwierigkeiten und Probleme aus dem Studienalltag angehört und ernst genommen werden. Da sich das ARCHIPEL größtenteils selbst aus betroffenen Student*innen zusammensetzt, ist Empowerment (Selbstermächtigung) ein zentrales Anliegen des Referats. In den regelmäßig stattfindenden Gesprächsrunden wird deutlich, dass Betroffene Probleme, die ihnen individuell erscheinen, häufig miteinander teilen. Neben dieser persönlichen Art der Unterstützung können dann – wenn es sinnvoll und gewünscht ist – auch externe beratende Stellen und Ansprechpartner*innen an der Universität empfohlen werden.

Prokrastination oder apathischer Schub? Gegen graue Wände starren … Stundenlang nix spüren, nur Leere. Krank oder faul?  Anders oder zu dumm? Langsam oder ungeeignet? Zweifel…**

Zum anderen leistet das Referat Informations- und Aufklärungsarbeit: Als Universität, die „in Forschung und Studium die Herausforderungen der Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts“ adressiert, muss sie auch die Situation der steigenden Anzahl von Student*innen mit gesundheitlichen Beeinträchtigung in den Blick nehmen, und zwar nicht nur auf einer inhaltlichen Ebene, sondern auch auf einer strukturellen: Das ARCHIPEL möchte erreichen, dass die Situation von Leuphana- Student*innen mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen enttabuisiert und in Hochschulstrukturen proaktiv berücksichtigt wird. Denn kein Studierender sollte sich dafür schämen, dass er*sie gesundheitliche und körperliche Bedürfnisse berücksichtigen muss. Das nutzt nicht nur Betroffenen: ein Campus, der barrierearm für Rollstühle und andere Mobilitätshilfen ist, stellt auch für ältere Menschen oder Personen, die einen Kinderwagen schieben, eine bessere Umwelt dar. Eine solidarische, inklusive Hochschule, die die Heterogenität ihrer Student*innenschaft anerkennt, kommt allen zu gute.

Zusammengestellt und bearbeitet von Louisa Weidemann (Univativ-Redakteurin)


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24. Mai 2017

About Author

Louisa Weidemann Louisa mag Käse, Livemusik und Friedrich Dürrenmatt.


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