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Auf Spurensuche

Unser Selbst im Internet. Politiker, Datenschützer und selbsternannte Experten erzählen uns die Mär vom transparenten Internetsurfer. Anhand von „Datenspuren“, die wir unweigerlich im Internet hinterlassen, wenn wir es nutzen, ließe sich unsere Identität herausfinden. Aber was ist wirklich dran? Entblößen wir uns jedes Mal, wenn wir Facebook ansteuern oder einen Tweet auf Twitter abschicken?

Die Verwendung des richtigen Namens im Internet wird immer beliebter. Schließlich ist es nicht sinnvoll nur unter einem Synonym – Nickname genannt – zu surfen, wenn man im Netz auch berufliche Kontakte pflegen will. Die Angabe des vollen Namens erleichtert die Spurensuche ungemein. Bereits mit „einfachen“ Suchmaschinen wie Google oder Bing lassen sich erste Anhaltspunkte über eine Person erfahren. Schnell wird der Suchende über diese Seiten auf die verwendeten sozialen Netzwerke geleitet. Auch wenn das Facebook-Profil auf „privat“ geschaltet ist, lässt sich bei Google ein Eintrag dazu finden. Zudem zeigt das Suchergebnis eine Auswahl von Freunden der Zielperson an. Besitzt der Suchende ebenfalls einen Account bei dem einschlägigen „Social Network“, kann die Suche dort weitergehen. Unter Umständen lassen sich dann Konversationen auf der Pinnwand mit Freunden rekonstruieren oder sogar erste Fotos von der Zielperson finden. Der vormals anonyme Name bekommt damit ein Gesicht.

Dabei ist zu bedenken, dass die Zielperson keine exhibitionistischen Veranlagungen an den Tag legen muss. Trotzdem lassen sich viele Informationen finden. Die Suche kann weitergehen: Falls die gesuchte Person den Microblogging-Dienst Twitter benutzt, kann sogar der Tageablauf rekonstruiert und womöglich prognostiziert werden. Viele Tweets verraten dem Suchenden Hobbys, Interessen und Aufenthaltsort der Zielperson. Daraus entstand eine Satire-Seite namens pleaserobme.com, welche Tweets auswertete, die auf eine Abwesenheit des Nutzers von Zuhause schließen lassen. Anschließend wird die Meldung „please rob me“ („raub‘ mich bitte aus“) mit dem passenden Nutzernamen auf der Seite veröffentlicht. Das Online-Tool „TweetStats“ listet zudem auf, mit welchen anderen Nutzern und über welche Themen sich ein bestimmter Twitterer häufig austauscht.

Gibt es das Gespenst vom gläsernen Netzbürger also doch? Vielleicht. Es hängt vor allem von der Freigiebigkeit der Zielperson mit persönlichen Daten ab, ist aber kein Ding der Fiktion. Interessanter ist aber die Frage: Sollten wir uns aufgrund der mehr oder weniger leichten Identifizierbarkeit nicht schon präventiv um unseren guten Ruf im Netz kümmern? Anstatt unsere Facebook-Profile zu verstecken, sollten wir diese eventuell öffentlich machen und gezielt Informationen zu unserer Person angeben, die uns in einem besseren Licht erscheinen lassen. Dies wäre ein sehr guter Ansatz, wenn ihn alle Netzbürger verfolgten. Keiner hätte mehr Geheimnisse vor niemanden, was gleichzeitig das Interesse an einer einzelnen Person schmälern würde. Andererseits spazierten wir, im übertragenen Sinne, mit einem Schild um den Hals, das Name, Anschrift und Namen unserer Freunde preisgibt, durch die Fußgängerzone. Ein Kompromiss könnte sein, dass wir verstärkt darauf achten, was von uns im Internet zu finden ist und ob dies auch von uns selbst dort eingebracht wurde. Nichts ist unangenehmer, als die Verlinkung unseres Namens mit einem peinlichen Foto durch einen Freund ohne unser Wissen. Die Selbstdarstellung im Netz sollte daher mehr selbst- als fremdbestimmt sein. Nur dann verlieren Schnüffelaktionen von Fremden ihre Unheimlichkeit.

Von David Herborn

30. April 2011

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