Auf ein Marmeladenglas mit… Dr. Alexander Stingl
Titelblatt, Unikultur

Auf ein Marmeladenglas mit… Dr. Alexander Stingl

Teil zwei der Interviewreihe mit Leuphana-Persönlichkeiten. Heute: Dr. Alexander Stingl, Lehrbeauftragter des Leuphana-Semester und Sternzeichen Skorpion.

Gut mit Hut: Dr. Alexander Stingl / Foto: Fynn Mollenhauer
Gut mit Hut: Dr. Alexander Stingl / Foto: Fynn Mollenhauer

Univativ: Ich würde sagen, wir könnten ja mal damit anfangen, dass sie sich einfach mal vorstellen.

Stingl: Ja! So kurz wie möglich, da ich ja als Vielsprecher bekannt bin (lacht).
Mein Name ist Alexander Stingl, ich bin in Nürnberg geboren, 1976, im November, was mich, wenn man an sowas glaubt, zum unsäglichsten aller Sternzeichen macht, dem Skorpion. Das ist natürlich als ausgesprochener Vielsprecher und als die Dinge immer sehr direkt Ansprechender bekannt. Da passe ich natürlich auf diese Beschreibung, obwohl ich wirklich nicht sehr viel auf sowas gebe. Ich bin nicht sehr abergläubisch, religiös oder so etwas in der Richtung.
Ja, ich hab dann mal irgendwann den Wunsch gehabt, ursprünglich Biologie zu studieren, was nicht ging, weil ich nicht in Labors arbeiten durfte, was eine interessante Fehldiagnose einer Ärztin war. Dann hab ich halt erstmal Sozialforschung und Volkswirtschaftslehre studiert, was mir dann ein bisschen zu langweilig war.
Ich hatte mir nämlich eine journalistische Richtung überlegt: Wenn nicht Biologie, dann Wissenschaftsjournalismus und die Zusammenhänge habe ich in dem Studiengang nicht richtig mitbekommen, da es nur reine Mathematik war in Volkswirtschaftslehre, also völlig fernab der großen Lehrbücher von Stiglitz und so. Dann habe ich einen eher geisteswissenschaftlichen Soziologielehrstuhl in Erlangen gefunden und habe dann noch Philosophie und Amerikanistik studiert und das hat mir eine breite Ausbildung gegeben.

Univativ: Ach ich denke, das war eine gute Vorstellung. Die erste Frage, die ich an sie hätte, wäre: Was machen sie hier an der Uni denn genau

Stingl: Also ich bin als Lehrbeauftragter immer im Leuphana-Semester hier, um die Erstsemester im Modul Verstehen und Modul Methoden zu unterrichten. Das erste Mal war ich hier 2011 und was ich genau mache: Wenn ich die Option habe, wirklich das ganze Semester hier zu sein, dann möchte ich mir auch so viel Zeit wie möglich für zum Beispiel Bürostunden für Studierende nehmen. Es ist mir ganz wichtig, dass ich die Chance habe, auch ein bisschen in der 1 zu 1 Arbeit und auch mit Gruppen ein bisschen tiefer in die Themen einzusteigen und auch ein bisschen die Entwicklungen der Studierenden, die sie in diesem ersten Semester mitmachen, zu verfolgen. Das finde ich ganz, ganz spannend. Auch dass man sich ganz intensiv mit den Themen für die Hausarbeit auseinandersetzen kann.

Univativ: Haben sie Kinder?

Stingl: Nein.

Univativ: Das ist ja mal eine direkte Antwort, ganz im Gegensatz zu den anderen!

Stingl: (lacht) Ich kann sie auch weiter qualifizieren: Nein Danke! Also, weder ich noch meine Partnerin möchten Kinder aus verschiedenen Gründen, aber da wir beide auch viel reisen und das Akademikerleben für uns beide anstrengend ist, wäre es auch den Kindern gegenüber unfair. Das heißt aber: Wir sind nicht kinderfeindlich aber ich denke, es ist eine sehr persönliche Entscheidung, ob Menschen Kinder wollen. Es gibt da auch oft viel sozialen Druck und für Frauen ist der oft sehr viel stärker, was nicht sehr schön ist, und da haben wir als Gesellschaft, glaube ich, noch viel auszuhandeln und auf der anderen Seite müssen wir lernen mit der demographischen Herausforderung umzugehen.

Univativ: Wie lange sind sie schon dabei, also: wie lange sind sie schon Dozent an Universitäten insgesamt?

Stingl: Also die Verteidigung meiner Dissertation war 2008, dann hab ich noch einige Projekte ausserhalb des Universitären zu Ende gebracht, bis 2010, und somit habe ich dann hier an der Leuphana im Wintersemester 2011 das erste Mal universitär gelehrt.
Ich habe vorher schon im privatwirtschaftlichen Bereich Sachen gemacht, zum Beispiel Cocktailkurse für Hotelfachleute, was damit zu tun hatte, dass ich für einige Zeit eine Firma mit Freunden hatte, eine Getränkelogistik. Es hat mich interessiert, eine Firma zu gründen und auch in der Praxis so Sachen zu sehen. Ich bin vielen Studierenden begegnet, die eigene Unternehmenspläne haben und es ist gut, wenn man mal selber als Lehrender so etwas mitgemacht hat.

Univativ: Das steht ja auch ganz im Geiste des Leuphana: Entrepreneurship.

Stingl: Es ist glaub ich wirklich etwas, was manchen Leuten im akademischen Bereich, wenn ich böse wäre (lacht), gut täte, noch einmal die Chance gehabt zu haben, auch etwas anderes zu machen. Die Chance hat man nur leider oft nicht.

Univativ: Woran forschen sie denn gerade, wenn sie an etwas forschen?

Stingl: An viel zu vielen Dingen gleichzeitig. Ich bin ja in interdisziplinären Bereichen, beziehungsweise ich habe relativ wenig Respekt vor Fächergrenzen. Ich bin im interdisziplinären Programmbereich, der sich Science-, Technology-, and Societystudies nennt, tätig. Da fällt ja viel rein. Ich interessiere mich viel für Themen, die mit Biomedizin zu tun haben. Ich wollte ja eigentlich ursprünglich Biologie studieren, weil ich in den Bereich Humangenetik hereinwollte, in die Krebsforschung oder so. Musste aber einen anderen Lebensweg wählen, weil eine Ärztin mir damals die Arbeit im Labor verboten hat. Bei mir wurde eine Hautkrankheit diagnostiziert, obwohl ich eine allergische Reaktion auf das Putzmittel hatte, das wir im Praktikum verwendet haben. Und das hat meinen Lebensweg komplett geändert.
Deswegen interessiert mich das Arzt-Patienten-Verhältnis sehr. Diese Macht, die Ärzte über uns haben, und wie man damit verantwortlich umgeht. Medizinische Bilder und Bildgebungsverfahren sind auch ein großes Thema bei mir. Auch die Vorstellungen, die wir von Medizin haben, denn diese Macht, die die Diagnose auf uns hat ist ja nicht so groß, weil der Arzt so mächtig ist, sondern weil es auch Strukturen gibt, die wir als Patienten verinnerlichen, durch die wir diese Macht akzeptieren.
Mich interessiert so etwas wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Es ist ein großer gesellschaftlicher Druck da: Kinder müssen funktionieren, nicht weil sie funktionieren müssen, sondern, klar, weil man das Beste für seine Kinder will. Damit sie ein erfolgreiches Leben haben, will man natürlich alles tun, aber es gibt inzwischen Ärzte, die sagen, wir seien schon so weit, dass wir eine Arbeitsumwelt geschaffen haben, in die Kinder nicht mehr herein passen und deswegen passen wir die Kinder der Umwelt an. Andere Thematiken, an denen ich momentan dran bin, haben viel mit Sexualität und Essen zu tun, also kognitive Kulturen von Sex und Essen.

Univativ: Was war denn das Thema ihrer Doktorarbeit?

Stingl: Der Titel, es war ein englischer Titel, hieß „Between Discursivity and Sensus Communis“ und es ging im Grunde darum, eine Rekonstruktion der frühen amerikanischen Soziologie zu machen. Ich habe da eine ganz ganz lange Entwicklung nachvollziehen können, dass die soziologische Theoriesprache sehr stark biologisch geprägt war. Es war natürlich eine sehr archivlastige Arbeit. Ich war auch in den Archiven der Harvard University, was sehr schön war. Dort habe ich mit vielen Leuten das Gespräch gesucht und habe auch mit vielen Leuten gesprochen, die oft auch gar nicht so toll sind, und da ist auch sehr viel Marketing dabei. Wir müssen uns da auch gerade an der Leuphana, also sag ich mal, unser Licht nicht unter den Scheffel stellen und haben manchmal sogar mehr, sogar Besseres zu bieten, als Harvard und Co. Ich denke, irgendwann wird die Marketingblase da auch platzen. Alles ohne der Leuphana hier Honig ums Maul zu schmieren, wie man bei uns in Bayern und Frrangn a bisserl sagt (lacht). Es ist aber schon sehr spannend hier und es wird auch toll gearbeitet.

Das „Marmeladenglas der Wahrheit“, wie es die Univativ-Redaktion liebevoll getauft hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, euch regelmäßig Persönlichkeiten rund um Leuphanien vorzustellen. Hierfür beantwortet der/die Interviewte eine bestimmte Anzahl von Fragen aus den Rubriken Privat, Beruf und Random, die er oder sie selbst zieht. Ein Teil der Fragen ist dabei eher unkonventionell – aber lest selbst. / (C) Lena Schöning
Das „Marmeladenglas der Wahrheit“, wie es die Univativ-Redaktion liebevoll getauft hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, euch regelmäßig Persönlichkeiten rund um Leuphanien vorzustellen.
Hierfür beantwortet der/die Interviewte eine bestimmte Anzahl von Fragen aus den Rubriken Privat, Beruf und Random, die er oder sie selbst zieht. Ein Teil der Fragen ist dabei eher unkonventionell – aber lest selbst. / (C) Lena Schöning

Univativ: Wann beginnt ihr Arbeitstag und womit?

Stingl: (lacht) Mit sehr frühem Aufstehen um 6 Uhr morgens, was für mich heißt: dringend Koffein! Dann sofort E-Mails checken, noch was lesen, wenn noch was gelesen werden muss. Ich lese sehr viel, denn ich muss ja alle Texte, die meine Studierenden lesen, auch kennen. Ich bin ja auch dafür bekannt, dass ich viele Texte gebe. Dazu noch die Texte, die ich für meine ganzen anderen Sachen so lesen muss. Ich bin da also ständig beschäftigt früh morgens. Bevor ich aus dem Haus gehe, muss ich ganz dringend geduscht haben, denn sonst fühle ich mich nicht wohl. Dann komme ich an und wenn ich sofort Kurs habe, dann geht es halt gleich in den Kurs, es sei denn, ich brauche noch Zeit, etwas auszudrucken.
Unikarriere ist harte Arbeit! Da wird auch viel von einem verlangt. In Deutschland haben wir, ich will da nicht zu sehr einsteigen, auch problematische Lagen, aber ich glaube auch, dass es sich in der nächsten zehn Jahren ändern wird. Ich glaube, dass wir mehr Lehrende an Universitäten brauchen und ich glaube, dass wir mehr tolle Studierende brauchen, die sich für diesen Weg entscheiden.

 

Univativ: Was war ihr nervigster Nebenjob und warum?

Stingl: Ich hatte nur zwei Typen von Nebenjobs. Zum einen war ich eine wissenschaftliche Hilfskraft, hauptsächlich für die Unibibliothek, und der andere war, dass ich 17 Jahre meines Lebens Gastronomie gemacht habe. Von Küche bis Kellner bis Bar. Heute sagt man anteiliger Mixologe. Nervig war der eine wie der andere, denn man hat sehr viel mit Menschen zu tun, die im schlimmsten Fall sehr wenig Verständnis haben, dass andere Menschen da ’ne Arbeit machen, die oft anstrengend ist. Es gibt oft egofixierte Menschen, die nur an sich denken und die Menschen in Serviceberufen auch sehr unmenschlich behandeln. Und es gibt auch Chefs, die so sind. Ich würde also sagen, mein nervigster Nebenjob war in Lokalitäten, in denen mein Chef ein Micromanager war, selber aber sehr wenig gemacht hat und zu denen auch die Kundschaft gepasst hat, obwohl ich auch irrsinnig schöne Momente in der Gastronomie erleben durfte und nach wie vor viele viele Freunde dort habe – in der Nürnberger Gastronomie.

Univativ: Wenn ihr Leben verfilmt würde, wer würde sie spielen?

Stingl: Das ist ne spannende Frage, denn die zieht das mit sich, dass ich vielleicht sagen würde: Die Leute, über die ich öfter mal gesagt bekommen habe, dass ich ihnen ähnlich sehe.

Univativ: Wer wäre das?

Stingl: Kenneth Branagh, Ewan McGregor sind da schon gefallen, aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen. (lacht) Ich find das immer so absurd. Ich guck zwar gerne Filme, aber ich kann mit so berühmten Leuten und der Celebrity Culture nichts anfangen, deswegen finde ich solche Vergleiche immer ganz ulkig… Tja, wer würde mich spielen? Sigourney Weaver!

Univativ: Okay, das lasse ich mal so stehen. Wen treffen sie am häufigsten auf dem Campus?

Stingl: Da muss ich einfach zwei Leute nennen, die ihr Büro direkt gegenüber dem Lehrendenraum haben, nämlich Dr. Christina Blohm und Dr. Andreas Jürgens, die auch beide sozusagen meine direkten Vorgesetzten sind, weil ich bei denen im Modul, das sie koordinieren, arbeite. Ich muss auch sagen, dass die Beiden zwei unglaublich liebenswerte Menschen sind, denen ich durch ihre Unterstützung auch einiges verdanke: Überhaupt – dass ich hier lehren darf, dass ich hier meine erste universitäre Lehre machen durfte, dass sie das Vertrauen in mich hatten als jemand, der noch sehr wenig Erfahrung hatte. Das ist für mich einfach riesig, es sind zwei ganz ganz tolle Menschen und ich sehe, wie hart sie hier arbeiten, wie viel Einsatz sie bringen. Vor allem in den ersten Wochen: Wo sollen die neuen Studierenden mit ihren Problemen hin? Zu den Leuten, die sie lösen können.
Sie machen es mit einer irrsinnigen Leidenschaft, die ich nur bewundern kann. Deswegen treffe ich die auch immer wieder gerne, weil man sich da immer spannend unterhalten kann, über die Dinge, die gerade so passieren, aber auch weil da immer wieder Interesse und Neugier für die Sachen die ich mache da ist. Das Verhältnis hier ist echt schön.

Univativ: Drei Dinge, die sie in den Urlaub mitnehmen.

Stingl: Ich mach ja nie Urlaub! (lacht) …Na ja, ich kanns ja mal versuchen! Ich könnte jetzt sagen meine Freundin, aber ich möchte meine Freundin nicht als Ding bezeichnen. Die müsste deswegen beim Urlaub mit dabei sein, automatisch.
Immer wahnsinnig viel zu lesen. Leider Fachliteratur auch, und zwar das, wozu ich im Semester nicht komme und ich schon immer mal lesen wollte. (lacht) Dann mit Sicherheit Musik, die muss dabei sein! Wenn es ein richtiger Urlaub sein sollte, dann würde ich mit Sicherheit meinen Laptop weglassen, damit ich auch wirklich nicht erreichbar bin. Und auf jeden Fall eine gute Flasche Rotwein!

Univativ: Wenn Sie ein Gartengerät wären, welches und warum?

Stingl: Nein, ich wäre kein Gartengerät! Aber ich muss einfach mal Donna Haraway zitieren, die letztes Mal in nem Vortrag sagte: „We are not Post-Human, we are Compost“. Und wenn ich was im Garten wäre, dann der Kompost! Denn der lebt wirklich. Auf mikrobiologischer Ebene, also Punkt!

Univativ: Welches Schulfach haben sie in der Schule gehasst?

Stingl: Hmm, ich hab nur Lehrer gehabt, die ich nicht so mochte. Weniger das Fach. Ich mochte Mathe, wenn ich die richtigen Lehrer hatte und es gab Lehrer, bei denen war es ein Grauen. War auch witzigerweise bei der ganzen Klasse so, dass es einen 2,8er Notenunterschied im Durchschnitt gab, beim Wechsel von einer Lehrerin zu einem anderen Lehrer. Solche Geschichten. Das habe ich auch bei vielen Fächern erlebt, dass es einfach der Lehrer ausgemacht hat. Wobei, ich fand Lehrer immer schwieriger als Lehrerinnen, mit denen konnte ich immer besser.

Univativ: Gab es trotzdem ein Fach in der Schule, dass sie am wenigsten mochten?

Stingl: Ja, so Werken und Handarbeiten. Vielleicht weil ich da auch nicht so talentiert bin.

Univativ: Mit welchen drei Worten würden Ihre Freunde Sie beschreiben?

Stingl: (lacht) Ich rede so ungern über mich selber in der Hinsicht, das fällt mir immer ein bisschen schwer. Hmmm. Ich würde ja gerne quadratisch, praktisch, gut sagen, aber dann wissen die Leute gleich, welche Schokolade gemeint ist. Ich mache ja keine Schleichwerbung! Ich denke: ehrlich, offen, intellektuell.

Univativ: Wenn sie eine Zeitmaschine hätten, was würden sie tun?

Stingl: Das lässt sich leicht beantworten: die Zeitmaschine kaputt machen! Nobody should mess with time.

Univativ: Und ich denke das ist auch ein gutes Schlusswort für dieses Interview. Vielen Dank und ich hoffe, sie hatten Spaß daran.

Stingl: Ja, sicherlich! Ich habe mir wahrscheinlich mein eigenes Grab geschaufelt (lacht).

Das Interview führte Fynn Mollenhauer.

23. Juni 2016

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