Auf ein Marmeladenglas mit… Dörte Haftendorn
Titelblatt, Unikultur

Auf ein Marmeladenglas mit… Dörte Haftendorn

Mit der sagenumwobenen Professorin Dörte Haftendorn, heimliche Schirmherrin aller Erstis, berühmt-berüchtigt für Musikeinlagen während ihrer Mathevorlesung und Lüneburger Jodel-Star, möchten wir unsere Interviewreihe der Leuphana-Persönlichkeiten beginnen. Schließlich durften wir alle einmal von ihr lernen, wie ein Barcode funktioniert und warum manche Verschlüsselungen unknackbar sind. Außerdem ist einfach kein*e Dozent*in sonst so (positiv) in Erinnerung geblieben.

Dörtes wohlwollender Blick auf uns, ihre ehemaligen Schützlinge. / (C) Lena Schöning
Dörtes wohlwollender Blick auf uns, ihre ehemaligen Schützlinge. / (C) Lena Schöning

Wir haben Prof. Dörte Haftendorn zum Warmwerden gefragt, wer sie ist und was sie an der Uni macht und dabei erfahren, dass sie bereits pensioniert und nur noch „aus Spaß an der Freud“ an der Uni Vorlesung hält. Sie war über 30 Jahre lang als Lehrerin tätig, hat 16 Jahre Ingenieurmathematik unterrichtet und 12 Jahre Lehrämtler ausgebildet. Seit 2002 lehrt sie an der Leuphana, die Vorlesung „Mathe für alle“ hat sie vor 9 Jahren konzipiert und dafür die Ingenieurmathematik abgegeben. In ihrer Freizeit beschäftigt sie sich mit Informatik und macht gemeinsam mit ihrem Mann viel Musik.

Das „Marmeladenglas der Wahrheit“, wie es die Univativ-Redaktion liebevoll getauft hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, euch regelmäßig Persönlichkeiten rund um Leuphanien vorzustellen. Hierfür beantwortet der/die Interviewte eine bestimmte Anzahl von Fragen aus den Rubriken Privat, Beruf und Random, die er oder sie selbst zieht. Ein Teil der Fragen ist dabei eher unkonventionell – aber lest selbst. / (C) Lena Schöning
Das „Marmeladenglas der Wahrheit“, wie es die Univativ-Redaktion liebevoll getauft hat, hat es sich zum Ziel gesetzt, euch regelmäßig Persönlichkeiten rund um Leuphanien vorzustellen.
Hierfür beantwortet der/die Interviewte eine bestimmte Anzahl von Fragen aus den Rubriken Privat, Beruf und Random, die er oder sie selbst zieht. Ein Teil der Fragen ist dabei eher unkonventionell – aber lest selbst. / (C) Lena Schöning

Univativ: Ist ja auch, also… (unser Autor versucht händeringend eine gute Überleitung vom vorangegangenen Smalltalk zu finden…) ungelogen, mir hat Mathe seit der 10ten nicht mehr Spaß gemacht. Aber bei ihnen war es ganz… ganz gut. (… und entscheidet sich für eine kleine Schmeichelei.) Weil man irgendwie…Das war mehr Allgemeinwissen als reines Mathe.

Dörte: Ja, Sie müssen eben bedenken, dass die Mathematik in unserer Welt einfach drin ist. Was sehr schade ist, dass viele das nicht wahrnehmen, weil es von dem schulischen Getüdel überdeckt wird. Ich finde trotzdem, man könnte lebendiger unterrichten.

Um dieses Getüdel zu vermeiden, forscht Dörte daran, wie man Mathematik mit Visualisierungen und diversen Computerwerkzeugen anschaulicher machen kann. In ihrem zweiten Buch „Kurven erkunden und verstehen“ – wenn das mal nicht sexy klingt – beschäftigt sie sich ebenfalls mit diesem Thema und will vor allem Lehramtsstudierenden so einige Hilfsmittel für ansprechenderen Unterricht an die Hand geben.

Univativ: Gut. So, dann fangen wir mal mit dem eigentlichen Teil an. Welchen studentischen Initiativen würden sie beitreten?

Nach kurzem Überlegen eine sehr klare Antwort.

Dörte: Dem Orchester.

Univativ: Warum, spielen Sie ein Instrument?

Dörte: Joa, ich spiele Bratsche. Und Horn. Und würde da schon meinen Platz finden. (lacht)

Univativ: Sehr gut, dann jetzt vielleicht ne Gelbe, also so als Abwechslung. Das sind relativ zufällige Fragen.

Dörte (blitzschnell): Alle zufällig, wenn die hier in dem Glas sind!

Als Mathematikerin kann man so eine Aussage natürlich nicht auf sich sitzen lassen, das verstehen wir.

Univativ: Ja. (lacht) Aber ich meine damit, dass da alles Mögliche drinstehen kann.

Dörte (die nächste Frage lesend): Soundtrack Ihres Lebens? Holla, holla. Soundtrack meines Lebens. Äh… meines Lebens… (langes Überlegen) Dvoráks Symphonie „Aus der neuen Welt“!

Univativ (nahezu sprachlos): Ähhm ok. (Univativ distanziert sich an dieser Stelle deutlich von klassischer Musik.) Dann machen wir mit einer Blauen weiter, das sind Fragen zum Beruf. Wie sind Sie zu ihrem Beruf gekommen?

Dörte: Erblich vorbelastet. Mein Großvater war auch schon Mathematiker. Und mein Vater Ingenieur.

Endgültig zur Mathematik fand Dörte jedoch durch ihren Großvater, der mit wenigen Zeilen Formel herausbekam, wie dick ein Papier wird, wenn man es 50 Mal faltet. Auch wenn sie mit 11 Jahren noch nicht verstand, dass ihr Großvater dazu Logarithmen verwendete, fand sie die Einfachheit und Effektivität dieser Rechnung genial: „Da dachte ich, das ist gut, das wird sich lohnen.“ Und wie wir heute wissen, hat es das.

Trotz Wissens um die eigene Dummheit geben die beiden tapferen Univativ Reporter eine Schätzung ab. Höhere Mächte zur Hilfe rufend: „Gott, ich würd sagen… 50 cm?“ und, nach längerem Schweigen: „Irgendwas bei über 500m?“

Dörte, der bei so viel Naivität offensichtlich die Worte fehlen: Na ja, es sind… es geht, es reicht weiter als bis zum Mond.

Univativ: Es reicht weiter als bis zum Mond?!? Oh mein Gott!

Müssen wir da das 50 Mal gefaltete Papier verkraften? / (C) Lena Schöning
Müssen wir da das 50 Mal gefaltete Papier verkraften? / (C) Lena Schöning

 

Univativ: Gut, dass man es nur acht Mal falten kann.

Richtige Antwort, denn Univativ weiß: Lieber im Schutz der Unwissenheit leben als sich den Unwägbarkeiten eines 50 Mal gefalteten Papiers auszusetzen.

Übrigens: Man kann das Papier natürlich nicht 50 Mal falten, es ist (zum Glück) nur ein Gedankenexperiment, ausgeführt im Geist. „So wie die Mathematik überhaupt eine Geisteswissenschaft ist.“

Univativ: Gut, haben wir uns schon mal selbst reingeritten mit den Antworten, hehe.

Dörte lacht nicht. Schnell zur nächsten Frage.

Wenn man jetzt noch lesen könnte... / (C) Lena Schöning
Wenn man jetzt noch lesen könnte… / (C) Lena Schöning

 

Univativ: Was machen Sie in Ihrer Freizeit?

Dörte: Ich mache sehr viel Musik. Ich spiel im Posaunenchor, ich spiel im Orchester, wir haben ein Streichquartett und ein Hornquartett. Mein Mann ist auch Musiker, kann es jetzt nicht mehr so gut mit 86, aber wir spielen jede Woche Hornquartett und Streichquartett. Das mach ich erst mal viel. Und dann mach ich natürlich… dann koch ich schön und backe auch und halte das Haus in Ordnung und was so alles ist.

Univativ: Sehen Sie da Verbindungen zwischen der Musik und der Mathematik?

Dörte: Ja, die Musik und die Mathematik strukturieren beide ein Chaos. Also in der Musik kann man nicht einfach drauf losspielen, sondern muss auch auf die anderen hören und muss es nach den Regeln der Kunst machen und in der Mathematik ist es auch so, man kann nicht irgendwas machen, man muss schon das machen, was jetzt anliegt und was man zur Lösung braucht. Man muss Ideen haben und das muss man in der Musik auch.

Univativ (etwas ungläubig): Mathematik ist dann eigentlich auch kreativ?

Dörte: Natürlich! Mathematik ist kreativ! Und in der Musik, sagen wir mal so, in der Musik bin ich weniger kreativ, da spiel ich was in den Noten steht, weil ich so gut nicht bin. Also richtige Künstler, die sind auch kreativ in der Deutung, aber soweit bin ich nicht gekommen.

Nicht schlimm Dörte, dafür hast du die „Geisteswissenschaft“ Mathematik verstanden.

Dörte im Flow / (C) Lena Schöning
Dörte im Flow / (C) Lena Schöning

 

Univativ: Nächste Frage. Wenn Sie eine Pflanze wären: Welche und warum?

Dörte: Was wäre ich denn gern für eine Pflanze? Also Rose ist mir zu pieksig und auch zu speziell. Ich wäre gerne eine Margerite. Weil die so fröhlich in die Welt gucken. Und immer nach oben gucken! Und nicht nur nach unten, wie die Glockenblumen.

Dörte, die nächste Frage vorlesend: Was war Ihr Leuphana-Moment? Mein Leuphana-Moment war die Freude der Studenten an der „Mathe für alle“-Vorlesung.

Univativ: Das ist auch ein schöner Leuphana-Moment, ja. Damit sind Sie wirklich in Erinnerung geblieben. Über Statistik redet keiner, aber über Mathe alle. Dann vielleicht noch mal eine Rote? Für die persönliche Note.

 

Dörte: Was machen Sie am Sonntagabend? Der typische Sonntagabend, ach, der ist gemütlich.

Univativ: Kein Tatort?

Dörte: Ne, wir sehen ziemlich wenig fern. Wir sitzen gemütlich, wir lesen was, wir spielen manchmal was, wir gehen noch mal in ein Konzert.

Univativ: Trinken Sie auch mal einen Wein? (Wir kommen zu den wirklich wichtigen Fragen.)

Dörte: Ja, wir trinken auch Wein. (erleichtertes Aufatmen der Interviewer) Wenn Sie jetzt gesagt hätten, was machen Sie am Donnerstagabend, dann hätte ich gesagt, ich mache mit Herrn Riebesehl Mathe und wir trinken zusammen Wein. Vorher waren wir dann im Orchester.

Univativ: Auch gut! So, dann noch mal eine Gelbe. Dann haben wir alles voll bis auf rot.

 

Dörte fischt einen gelben Zettel aus dem Glas: Wenn Sie ein Hund wären, wer würde Sie anbellen?

Unitativ: Ne, wen würden Sie anbellen.

Dörte: Wen würden Sie anbellen. Ja, Mensch, da muss man mal ein bisschen ordentlicher schreiben!

Verzweifeltes Lachen von den Interviewern, um die Scham über Dörtes Ordnungsschelle zu verbergen.

Dörte: Also, wen würden Sie anbellen? Ich weiß nicht, bellt ein Hund auch aus Freude?

Univativ: Ja, durchaus.

Dörte: Wen würde ich denn aus Freude anbellen? Also aus Bosheit würde ich niemanden anbellen.

Univativ: Da würde man ja auch eher knurren.

Dörte: Also… Och, meinen Mann. So nach dem Motto: jetzt unternehmen wir aber mal was! Das machen die Hunde ja auch: Wenn die raus wollen, bellen die.

Univativ *um einen zweideutigen Einwand nicht verlegen*: Hätte ja auch sein können, dass er aus irgendeinem Grund immer einen Knochen dabei hat, aber ok.

Dörte: Hat er nicht, hat er nicht.

Univativ: Gut, dann noch eine Rote und dann sind wir mit den offiziellen Fragen schon durch.

 

Dörte: Welchen Ratschlag möchten Sie der Welt geben?

Sie überlegt lange und sagt schließlich: Alles ordentlich machen, was man kann.

Univativ: Guter Ratschlag. Punkt würde ich sagen. Wollen Sie zum Schluss noch was Dringendes an die Welt loswerden?

Dörte *nachdenklich*: An die Welt… Man kann die Welt ja nicht verbessern und verändern, aber man kann seinen Beitrag leisten, zu dem man eben auch die Fähigkeiten hat. Das bedeutet manchmal eine ganze Menge Arbeit, denn wenn man die Fähigkeit hat, dann hat man das Gefühl, dass man das, was den eigenen Fähigkeiten entspricht, jetzt auch tun muss. So bin ich jedenfalls erzogen worden: Dass man das, was man kann, auch tut, selbst wenn es mehr ist als andere tun. Die Mathe für Alle Vorlesung zum Beispiel kann ja nicht jeder und deswegen hab ich die gemacht, weil ich’s kann. Ich finde, das ist dann auch eine große Befriedigung, wenn so am Ende eines Berufslebens rauskommt, dass man das ordentlich gemacht hat, dass viele Leute etwas davon gehabt haben. Und das ist schön. Ich wünsche jedem, dass er die nötige Energie aufbringt, sich selber treu zu sein.

Nach dem schönen Ratschlag, auch ein schönes Schlussstatement, da kann man nur sagen: Vielen Dank für das Interview, Prof. Haftendorn!

Das Interview führten Michelle Hahn und Ernst Jordan

16. Juni 2016

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Ernst Jordan dont wait for me, if i care bout anything, anywhere losin myself, i get the stares what im lookin at, wasnt there (wasnt there)


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