An Bord des Leuphana-Express
Ausprobiert, Titelblatt

An Bord des Leuphana-Express

Für die Startwoche fuhr der Leuphana-Express zweimal zwischen dem Lüneburger Bahnhof und der Haltestelle Leuphana University (besser bekannt als Lüneburg Kurpark). Ein Erlebnisbericht von der Fahrt mit dem Hogwarts-Express, der die neuen Studierenden zur Leuphana brachte.

Im Leuphana-Express / (C) Christopher Bohlens
Im Leuphana-Express / (C) Christopher Bohlens

Der Leuphana-Express, der Traum von Holm Keller (ehemaliger Hauptamtlicher Vizepräsident der Leuphana), fuhr zum ersten Mal mit Studierenden vom Bahnhof zur Lernfabrik Leuphana. Kurz nach Amtsantritt von Keller hatte dieser die Idee, dass, statt mit Bussen, die Studierenden doch besser und schneller mit der Bahn zur Leuphana fahren könnten. Eine Studie zur Erschließung dieser Verbindung dazu lief bereits 2009 unter der Leitung von Prof. Pez. Letztlich blieb es nur eine Idee, denn in der Praxis zeigte sich, dass der Weg von der Haltestelle zum Campus mit ca. 650 Metern für lauffaule Studierende einfach zu weit ist, um mit der Buslinie 5001, die direkt am Campus hält, konkurrieren zu können.

Für die Startwoche 2016 wurden diesmal keine Kosten und Mühen gescheut, die ehrenamtlichen Mitglieder des Vereins Arbeitsgemeinschaft Verkehrsfreunde Lüneburg e.V. (AVL) für zwei Fahrten zur Leuphana mit ins Boot zu holen. Nicht alle neuen Studierenden konnten in den Genuss dieser Sonderfahrt kommen, also wurden acht von 40 Gruppen ausgelost, die dieser Fahrt beiwohnten durften. In der Bahnhofshalle waren beide Fahrten als „Sdz 1“ und „Sdz 3“ mit dem Text „Sonderzug – Uni Express – Lüneburg Kurpark“ gekennzeichnet. Das Wort Leuphana durfte nicht verwendet werden, da es sich um einen Markennamen handelt und die Deutsche Bahn die Anmeldung abgelehnt hätte, so der Betreiber.

Am Donnerstag, den 06.10.2016, war es dann soweit, der Leuphana-Express mit dem Dieseltriebwagen GDT 0518 Baujahr 1955 rollte mit seinen 2x 160 kW in den Lüneburger Bahnhof Westseite ein. Die ersten Gruppen warteten in der Kälte schon sehnsüchtig auf den Zug. Die Organisatoren der Startwoche ließen es sich nicht nehmen, ihre frisch erworbenen Lokführermützen aufzusetzen und mit diesen für ein Porträt vor dem Zug zu posieren. Selbst die Fahrradmitnahme war trotz fehlender Fahrkarte kein Problem, die Fahrräder wurden kurzerhand mit eingeladen.

Zehn Minuten später hieß es dann „Einsteigen bitte, der Zug fährt ab!“ und so verließen wir pünktlich die Westseite um nun gen Südosten zur Leuphana zu rollen. Es war nur ein kleiner Kippschalter, der die beiden Deutz Motoren vom Typ A12L614 mit seinen zwölf Zylindern in Bewegung brachte. Von nun an schnurrten die Motoren und der Lokführer (heute Triebfahrzeugführer) löste die Bremse, legte die Fahrrichtung „V“ wie Vorwärts ein und betätigte den drehbaren Fahrschalter Richtung Stufe Drei.

Wir verließen den Bahnhof und fuhren am Neubaugebiet Ilmenaugarten vorbei, dann kam der erste Halt; für die Strecke Richtung Leuphana musste erst noch die Freigabe aus der Leitstelle in Celle eingeholt werden. Kurze Zeit später ging es weiter. Wir kamen nun auf die Bahnstrecke Lüneburg-Soltau. Die Strecke säumten Schilder, die Langsamfahrstellen markierten. So ging es mit 20 oder 30 km/h an einigen Stellen vorbei. Der Lokführer fuhr routiniert die Strecke, im Kopf war sie gut abgespeichert, die gedruckte Ausgabe der La (Zusammenstellung der vorübergehenden Langsamfahrstellen und anderen Besonderheiten) lag zur Sicherheit nebenbei. Zusätzlich befand sich sein Smartphone, das alle Pläne und die Fahrpläne der anderen Bahnen enthielt, in Reichweite.

Die Fahrgäste genossen die Fahrt, auch wenn viele in Gespräche vertieft waren. Die dunkelgrünen Ledersitze und die Holzverkleidung atmeten das Flair der 50er Jahre, im Inneren wiesen zwei Banner der Leuphana auf die Sonderfahrt hin. Merkwürdig wirkten nur die Beschriftungen auf Italienisch. Der Grund für diese Beschriftungen war, dass der Zug 22 Jahre in Deutschland fuhr, dann nach Italien verkauft worden war, und erst im Jahr 2000 wieder nach Deutschland zurückgeholt wurde.

So fuhren wir weiter Richtung Kurpark, vorbei an Häusern, Fabriken und dem allgegenwärtigen Grün Lüneburgs. Die Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h konnte dabei bei weitem nicht erreicht werden, trotzdem erreichten wir bereits nach fünf Minuten unseren Endbahnhof. Dort stand jedoch nicht Lüneburg-Kurpark auf der Tafel, sondern „Leuphana University“. Nun rief der Zugbegleiter „Endhaltestelle erreicht, bitte alle Rechts aussteigen“ und so öffneten die Leuphana-Neulinge die Türen und strömten auf den Bahnsteig. Anschließend ging es dann zu Fuß weiter zur Leuphana, wo das weitere Programm der Startwoche wartete. Einige Anwohner begutachteten das Spektakel, schließlich findet so etwas nicht jeden Tag statt.

Ankunft an der Haltestelle Leuphana University / (C) Christopher Bohlens
Ankunft an der Haltestelle Leuphana University / (C) Christopher Bohlens

Ob die Fahrt mit dem Leuphana-Express nun nachhaltiger war als eine Busfahrt, ist eine offene Frage. Moderne Busse haben einen Katalysator und erfüllen die Euro-Norm 5/6, historische Bahnen hingegen dürfen auch ohne Katalysator ihre Abgase in die Natur blasen, es gilt Bestandsschutz wie bei Oldtimer-PKW. Wie der Kraftstoffverbrauch pro Personenkilometer ist, vermögen erst ein detaillierter Blick und umfangreiche Berechnungen zu offenbaren. Auf der Rückfahrt zum Bahnhof jedenfalls mussten wir auf den normalen Personennahverkehr warten, weil dieser Vorrang vor uns hatte. Erst dann konnten wir die Fahrt fortsetzen und schafften es gerade noch rechtzeitg in den Bahnhof für die nächste Fahrt.

In Niedersachsen wurde eine Studie erstellt, in der es um die Reaktivierung von ehemaligen Bahnstrecken für den Personenverkehr geht. Hierbei wurde am Anfang eine Liste mit insgesamt 74 Strecken erstellt, worunter auch die Strecke Lüneburg-Soltau fiel. Am Ende entschied man sich jedoch für drei andere Strecken.

Wer Lust hat, sich mit Eisenbahnen zu beschäftigen und den Erhalt des Heide-Express zu sichern, der ist bei der AVL e.V. herzlich willkommen. Dort geht es nicht nur um die Technik, sondern auch um andere Betätigungsfelder wie Marketing, Vertrieb oder Finanzen. Interessierte können sich jeden Samstag ab 9 Uhr im Lokschuppen oder auf der Webseite des Vereins melden.

Die nächste Fahrt vom Heide-Express findet bereits am 22. Oktober 2016 von Lüneburg nach Neetze in Rahmen einer Mondscheinfahrt statt.

Fotos der Reise mit dem Leuphana-Express gibt es hier bei flickr.

Autor: Christopher Bohlens

17. Oktober 2016

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ONE COMMENT ON THIS POST To “An Bord des Leuphana-Express”

  1. You made my day, Christopher. Das ist der schönste Artikel über den Leuphana-Express-Traum von Holm Keller (dem ehemaligen hauptamtlichen Vizepräsidenten der Leuphana), den ich seit langer, langer Zeit irgendwo gelesen habe. Du bist der größte deutsche Romancier unter allen Lüneburger Lyrikern, die als Univativ-Redakteure in der Scharnhorststraße 1 Zugriff auf den Postkasten im Gebäude 3 beim DSi besitzen.

    Genau wie du sollten sich auch andere Studierende viel häufiger trauen und den Erstis die Angst nehmen, schon bei der Einschulung auf dem Campus als leuphanatische Reklame-Bunnies missbraucht zu werden: http://www.haz.de/Hannover/Aus-der-Stadt/Uebersicht/Gastbeitrag-von-Alexander-Kosenina-Studenten-sollten-oefter-ihre-Meinung-sagen

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