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Abenteuer Mitfahrgelegenheit

Von unterhaltsamen Mitreisenden und rasanten Autofahrten. Treffen sich ein Gothic-Mädchen, ihr infantiler Freund und zwei Hamburger Proleten am Bahnhof. Klingt wie der Anfang eines Witzes, ist für mich jedoch fast schon wöchentliches Ritual: die Mitfahrgelegenheit. Über das Internet haben wir uns verabredet, um gemeinsam mit dem Länderticket möglichst günstig von Greifswald nach Hamburg zu fahren.

Gerade Studierende sind häufig am Wochenende unterwegs: ein paar Tage bei den Eltern, alte Schulfreunde besuchen oder das regelmäßige Fernbeziehungspendeln. Da der studentische Geldbeutel aber bekanntermaßen nicht der größte ist, wird nach günstigen Reisemöglichkeiten gesucht. Die Lösung heißt Mitfahrgelegenheit. Im Internet auf Homepages wie mitfahrgelegenheit.de, in studiVZ Gruppen oder ganz klassisch am schwarzen Brett der Uni finden sich Reisegruppen zur gemeinsamen Fahrt mit dem Auto oder dem Zug.

„Klasse Sache. Man spart Geld und lernt interessante Leute kennen“, sagen viele. Oft sind es aber Leute, die man vielleicht nicht unbedingt kennenlernen wollte. Wer einmal vier Stunden im tiefer gelegten Opel Corsa eines Techno-DJs verbracht hat, weiß, wovon ich spreche. Auch seine wiederholten Aufforderungen, „doch mal auf die geile Bassline zu achten“, konnten mir diese Musikrichtung nicht wirklich näher bringen. Wenigsten war die Lautstärke so hoch, dass die sonst im Auto unausweichliche Wahl zwischen peinlichem Schweigen oder gezwungener Konversation erspart blieb. „Ach, du beobachtest in deiner Freizeit gerne Vögel? Das klingt ja…ähm…aufregend.“

Fast jeder, der regelmäßig Mitfahrgelegenheiten nutzt, kann von solch lustigen oder skurrilen Autofahrten erzählen. Doch nicht immer sind die Erlebnisse zum Lachen. Schließlich weiß man vorher nie, welchen Fahrstil der Autobesitzer pflegt. Zu schnelles oder risikoreichen Fahren gehören zu den größten Ängsten potentieller Mitfahrer. Viele sehen sich schon panisch bei 180 Stundenkilometern an den Türgriffen klammern. Ein Tipp: Erklärt dem Fahrer, euch werde bei hohen Geschwindigkeiten schnell schlecht. Das lässt die meisten schleunigst auf die Bremse treten. Eine weitere Befürchtung, besonders von Frauen: Der Fahrer wird aufdringlich und lässt sich nicht abwimmeln. Hier hilft nur: Mutig sein, darum bitten, im nächsten Ort anzuhalten und dann mit dem Zug weiterfahren. Viele schließen Mitfahrten im Auto aufgrund solcher Bedenken dennoch von Vorneherein aus.

Dann kann eine Mitfahrgelegenheit mit dem Zug eine gute Alternative sein. Ein Länderticket, durch fünf Mitfahrer geteilt, und schon reist man für fünf Euro nach Hause. Doch auch hier lauern tückische Gefahren. Nachdem sich bereits oben erwähntes Gothic-Pärchen zuerst um den Gameboy und dann um das einzige Snickers gezankt hatte und Hamburger Prolet Nummer eins sich bei seinem Kumpel ausgiebig darüber beschwerte, dass seine „Ische“ ihm den falschen Belag auf sein Brötchen geschmiert hatte, sah ich nur noch die Möglichkeit, mich schlafend zu stellen. Die wichtigsten Hilfsmittel hier: ein MP3-Player mit ausreichendem Akku und eine möglichst großformatige Zeitung, um sich dahinter zu verstecken.

Was bleibt also zu tun? Ein eigenes Auto? Regelmäßige IC-Fahrten? Für mich jenseits der finanziellen Möglichkeiten. Also werde ich weiterhin am Wochenende das Internet nach der günstigsten Fahrt nach Hause durchsuchen. Und ganz ehrlich: Die oben genannten Fälle stellen doch eher die Ausnahme dar. Meist reist man in einer angenehmen, stressfreien Zweckgemeinschaft, hält ein bisschen Smalltalk und spart eine Menge Geld. Außerdem sorgen Geschichten über merkwürdige Mitfahrer garantiert für Lacher im Freundeskreis. Und wer weiß: Der eine oder andere soll beim gemeinsamen Mitreisen ja schon den Partner für´s Leben gefunden haben.

Von Christina Hülsmann

17. Januar 2010

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