40 Tage nüchtern: Eine ehrliche Abrechnung mit einem Leben ohne Rausch
Ausprobiert, Titelblatt

40 Tage nüchtern: Eine ehrliche Abrechnung mit einem Leben ohne Rausch

An Aschermittwoch hat alles angefangen: Ich beschloss, mich selbst und mein Umfeld zu überprüfen, indem ich mir den Wahnsinn des Alltags 40 Tage lang ganz nüchtern reinzog.

Ich habe nicht nur meine körperlichen Qualen, Entzugserscheinungen, persönliche Veränderungen und den Gewichtsverlust dokumentiert, sondern versuchte auch, meinen gewohnten Konsum zu reflektieren.

Im Laufe des Fastenexperiments wurden mir zwei grundlegende Dinge klar:

Wahrer Genuss / (C) Laila Samantha Walter
Wahrer Genuss / (C) Laila Samantha Walter

Als erstes stellte ich fest, dass ich im Alltag ziemlich viel nebenbei und unbedacht konsumiere. Morgens zwei bis sechs Kaffee, abends zum Essen ein Bier oder ein Glas Wein. Unmengen an Zigaretten, einfach aus Langeweile, weil ich aufgeregt bin, weil ich warten muss, oder weil auf jeden Kaffee oder ein gutes Essen nun mal eine Zigarette folgt. In meinem Barjob finde ich auch immer jemanden, mit dem ich mit einem Jägermeister anstoßen kann. Dass der Kurze mit kühlem Bier heruntergespült wird, versteht sich von selbst. Und haben mir Joints früher zu einem grandiosen Lachflash verholfen oder mich richtig entspannen lassen, gehörten sie irgendwann zum Einschlafritual, genauso selbstverständlich wie der Kaffee zum Aufwachen.

Über den eigenen Konsum zu schreiben war nicht immer einfach. Oft habe ich mich wie eine total kaputte Braut gefühlt, die ohne Schnaps, Kippen und Joints nur ein Schatten ihrer selbst ist. Aufgeschrieben klingt das Ganze einfach noch mal eine Nummer härter. Es ist anders, wenn man einfach nur darüber spricht.

Die zweite Sache, die ich ganz ehrlich zugeben muss: Ich finde das nüchterne Leben einsam, langweilig und ernst. Das bessere Ergebnis des Experiments wäre vielleicht die Erkenntnis, dass das Leben ohne Rausch genauso bunt und schön ist wie mit. Aber im Ernst: Einen Scheiß ist es das.

Für 40 Tage war die Nüchternheit gut auszuhalten, das geht ganz sicher auch mal für neun Monate oder ein Jahr. Aber ohne Schwangerschaft oder einen anderen triftigen Grund kommt noch so eine Durststrecke für mich nicht mehr in Frage. Ich habe es echt versucht, war feiern, in Kneipen und auf Konzerten. Das kann man alles einmal nüchtern machen. Auf Dauer aber ist das total öde. Man hält nicht so lange durch, lacht weniger über bescheuerten Kram, redet weniger deepen shit ( für den man sich am nächsten Tag schämt), man produziert kaum noch Skandale und hat, ganz im Vertrauen, total oft einfach keinen Bock auf seine verballerten Freunde. Wer nicht mitfeiert, ist einfach schneller raus.

Natürlich hätte ich die Zeit nutzen und mich einer Horde Straight Edgern anschließen können. Wollte ich aber nicht. Ich wollte in den letzten Tagen endlich mein altes Leben zurück. Und das anwenden, was ich in den vergangenen Tagen gelernt habe. Schauen, ob ich es schaffe, nicht mehr zu rauchen, aber trotzdem zu trinken. Ausprobieren, ob ich unter der Woche nicht auch gut auf Wein und Bier pfeifen könnte. Und am Wochenende nach Herzenslust durch den Tisch treten. Ich habe das Besoffensein nämlich ziemlich vermisst. „Bewusst genießen“ heißt ab sofort meine Zauberformel. Und ab und an werde ich wieder ein paar nüchterne Tage einlegen. Ich weiß ja jetzt, dass es nicht so schwer ist.

Ab heute darf ich wieder mitfeiern. Geplant sind ein Sektfrühstück mit Freunden und eine ausgiebige Tour durch Hamburgs schmutzigste Frühclubs. Wenn ich am Montag mit dem Kater meines Lebens im Bett liege, habe ich mir den gründlich verdient!

Autorin: Laila Samantha Walter

29. März 2016

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6 COMMENTS ON THIS POST To “40 Tage nüchtern: Eine ehrliche Abrechnung mit einem Leben ohne Rausch”

  1. Ich mache das öfter in abgespeckter Form (Verzicht von Süßigkeiten) und habe mich bis dato noch nie an Deine Version ran getraut. Was Du schreibst ist so schön ehrlich, dass ich es gar nicht mehr in Erwägung ziehe. Danke für diesen tollen, herzerfrischenden und schonungslos ehrlichen „Bericht“! Du bist mein Bunny also in Form von Versuchskaninchen! 😉

  2. Scheiß die Wand an, ist das schön hier bei euch! Ab jetzt also wieder volles Rohr alles, was am meisten flasht. Saufen, Sex, Drogen, Freunde, deepen Shit Reihern, Achterbahnfahrt und praktisch in jeder Ecke Abkotzen – erzählt eure Geschichte und ruft bei Univativ an! Danke für deine hammergeile messages, Laila! Sogar meine Freundin, die eher Metal hört, hast du geflasht; Ich hab schon diverse Hasch-Sorten getestet (von sehr gut bis beschissen), und ich muss einfach sagen, dass mich das Verzichten keinen Millimeter wegflasht; deine Reports dagegen überzeugsen auf ganzer Länge und ‚flashen richtig derbe‘, wie man in Hamburg sagen würde.

    LG, Arne

  3. Liebe Laila, du hast »das Besoffensein ziemlich vermisst« und es »bewusst genießen«, heißt deshalb »ab sofort deine Zauberformel«. Wow! Wow! Wow! Wie extrasupiterracool ist das denn? Aber auch in Benjamin von Stuckrad-Barres neuem autobiographischen Roman »Panikherz« geht es – wer hätt’s gedacht – vorrangig ums Kiezen, Keckern, Kiffen, Knuddeln, Koksen und Kotzen. »Sogar einen Kotzsoundtrack«, so erfährt man auf Seite 283, habe er zeitweise gehabt. Pfiffig, wie ihr beide in Sachen Ausschlachtung der eigenen biographischen Freuden und Leiden seid, hast freilich nicht nur du aus dem Fasten innovatives Schwelgen, sondern hat er ebenfalls aus dem Verzichten etwas Neues gemacht, wenn nicht gar sich selbt neu erfunden. Oder was glaubst du, Laila, soll es uns sonst sagen, daß Stuckrad-Barres Buch auf Amazon zum Verkaufsstart als Bestseller Nr. 1 zum Thema Eßstörungen gelistet wurde? Die Popliteratur ist tot, es lebe die Kotzliteratur?

    • Wir von Univativ schätzen natürlich jeden Titanic-Post auf unserer Seite.
      Aber gib doch beim nächsten Mal auch die Quelle an (https://www.titanic-magazin.de/briefe/2016/april/#c25524) und lass die Verbesserungsversuche durch billige Alliterationen – „Kiezen, Keckern, Kiffen, Knuddeln,“ – weg.
      Selbstironisch wie wir sind, sagen wir: Bleib beim Original. Wer will schon was von Studenten lesen.

      Gespannt auf den dazugehörigen Kommentar: Univativ

      • Gratulation, es gibt nicht viele leuphanatische Kuwinesende, die wissen, dass Alliteration mit zwei l geschrieben wird — und wahrscheinlich nur eine, die weiß, warum. (Übrigens fehlt ein Komma nach „selbstironisch“.)

        Man muss sich notfalls jemand mieten, hat man an Geist selbst nichts zu bieten. Oder: Wenn die Studierende in ihrer Qual verstummt, gab ihr kein Ernst, zu sagen, was sie leidet.

        Gregorius: Geliebte Gisela!
        Gisela: Geliebter Gregorius! Günstige Gelegenheit.
        Gregorius: Gatte ging?
        Gisela: Geschäftsreise!
        Gregorius: Garmisch?
        Gisela: Gelsenkirchen.
        Gregorius: Gute Geldgegend!
        Gisela: Genau. Getränk gefällig?
        Gregorius: Genialer Gedanke. Gerade Gewürzgurken gegessen…
        Gisela: Glas Grog?
        Gregorius: Gern! (Sie gießt Weinbrand ein) Gieß, gieß!! (Sie gießt Wasser dazu…) Genug!!
        Gisela: Gesundheit!
        Gregorius: Gleichfalls! – Gutes Gesöff. (er stellt das Glas hin, reibt sich die Finger und sagt lachend) Glebt!
        Er zieht sie an sich, sie küssen sich.
        Gisela: Glücklich?
        Gregorius: Gebiß…(Gelächter)….Gewiß, gewiß!! (sie küssen sich weiter) Geht ganz gut, gell? (sie küssen sich heftiger, er ruft) Gib Gas!!

        Der Gatte Gustav betritt die Bühne.
        Gatte Gustav: Gemeines Gesindel!
        Gregorius: (deutet aufgeregt auf den Gatten, spricht aber zur Frau) Giftiger Gartenzwerg geifert Galle!
        Gatte Gustav: Genug geseh’n! Große Gemeinheit!
        Gregorius: Gespräch gänzlich geschäftlich, Gewürzgurkengeplauder.
        Gatte Gustav: Gerede!
        Gregorius: Gerade Gedrucktes gelesen – Günthers „Grass – Getrommel“.
        Gatte Gustav: Glaube garnichts, greife Gewehr!
        Gregorius: (händeringend) Gustav, Genosse!
        Gisela: Grausam gränklicher Gemahl – Gnade! Gustav! Güte! Göttergatte!!
        Gatte Gustav: Gemetzel geplant! (zu Gregorius gewendet) Geh Ganove!

        Gregorius will die Bühne verlassen, da fällt ein Schuß.
        Gregorius: (verdutzt sein Hinterteil haltend) Gesäß getroffen! (…und geht von der Bühne ab.)

        Gisela greint.

        Lisa lacht.

  4. Laila, ich vermute, Dein Text unterliegt dem Anspruch auf Objektivität, wenngleich eine westliche Prägung der dargestellten Informationen mangels türkischer bzw. arabischer Sprachkenntnisse nicht ausgeschlossen werden kann?

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