1984 war gestern. Heute ist Schöne neue Welt.
Ausprobiert, Titelblatt

1984 war gestern. Heute ist Schöne neue Welt.

Reizüberflutung in "Brave New World"
Reizüberflutung in „Brave New World“

Ihr dachtet 1984 von Georg Orwell wäre die Dystopie der Stunde? Dann kennt ihr Schöne neue Welt von Aldous Huxley noch nicht! Während es bei Orwell nur der Überwachungsstaat in die Realität geschafft hat, sind bei Huxley weit mehr erschreckende Übereinstimmungen mit unserer heutigen Gesellschaft zu entdecken.

 

Inhalt

 

Aldous Huxley beschreibt in seinem 1932 erschienenen, aber etwa 600 Jahre in der Zukunft angesiedelten Roman „Schöne neue Welt“ einen Weltstaat, der am Ende des menschlichen Fortschritts angelangt ist. Die Hauptfigur Sigmund Marx (engl. Bernard Marx) lebt in einer Gesellschaft, in der genormtes Glück und psychologisch konditionierte Zufriedenheit das höchste und einzige Gut sind, Elend und Krankheit, aber auch individuelle Freiheit, Kunst und Mitgefühl sind abgeschafft. Selbst-Betäubung durch die Droge Soma wird staatlich gefördert.

Der Roman beginnt mit einer Schilderung der „Brut-und Normzentrale“, einer Aufzucht- und Konditionierungsfabrik für Menschen.

Hauptfigur Marx gehört der obersten der fünf gezüchteten Schichten an.

Zunächst wird der Weltstaat exemplarisch, anhand von Marx Leben, seinem Berufs und seiner Freizeitaktivitäten, vorgestellt.

Auf einem Kurzurlaub in die Reservate, die einzigen Gebiete, in denen Menschen noch „wild“ leben, treffen Marx und seine Begleiterin Lenina Braun (engl. Lenina Crowe) ehemalige Bürger des Weltstaates, die dort nach einem Urlaub verschwanden und vergessen wurden.

Sie nehmen sie mit zurück in die Zivilisation, wo einer der beiden großes Aufsehen erregt. Marx erlangt als Entdecker des „Wilden“ kurze Bekanntheit, die jedoch jäh endet, als sich jener „Wilde“ in Folge des Kulturschocks umbringt.

 

 

Brave New World is now! – Wie viel Schöne neue Welt steckt in unserer Gesellschaft?

 

Welche Aspekte der von Huxley gezeichneten Gesellschaft haben es in unsere Zeit geschafft? Viele Aspekte sind natürlich nur in Ansätzen vorhanden, nicht alle sind zwangsläufig negativ. Huxley selbst, der bereits 1963 starb, schrieb noch zu Lebzeiten: „Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, dass uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt.“

 

Der Staat und sein Wirtschaftssystem

 

Nach einem neun Jahre andauernden Krieg, bei dem durch chemische und biologische Kampfstoffe unzählige Menschen starben und in Folge dessen die Wirtschaft kollabierte, beschlossen die damaligen Regierungen einen globalen Einheitsstaat zu schaffen, der die Menschen mittels friedlicher Reformation zu immerwährendem Konsum und oberflächlichem Glück erziehen sollte.

Das Äquivalent zum beschriebenen Krieg kann im Ersten Weltkrieg gesehen werden.

Auch danach kehrte, unterbrochen vom Zweiten Weltkrieg, eine Phase des Friedens, der Einheit und der wirtschaftlichen Prosperität ein, die in der heutigen Europäischen Union ihren Ausdruck findet.

Und auch wenn es noch undenkbar scheint, dass Staaten wie die USA und China sich unter einem Dach vereinen, wirtschaftlich sind doch bereits alle Länder über bi- oder multilaterale Verträge miteinander verwoben und die Verträge werden zahlreicher, siehe das momentan debattierte Freihandelsabkommen zwischen USA und EU, TTIP.

Auch im wirtschaftlichen Bereich sind Übereinstimmungen zwischen Huxleys Dystopie und unserer Realität erkennbar. So wird im Roman alles in Massenproduktion gefertigt, Produktion dient nicht mehr dem Menschen sondern ist Selbstzweck geworden.

Dies ist in ersten Zügen auch bei uns zu sehen. Kleinere Firmen werden von großen verdrängt, Standardisierung und Massenfertigung sind, weil kostengünstiger, in vielen Branchen alternativlos geworden. Auch das Produzieren um der Produktion Willen hat sich bei uns durchgesetzt. Wir haben bei vielen Produkten eine eingebaute gewollte Obsoleszenz, sprich Produkte gehen früher kaputt als sie es eigentlich müssten, nur um dann neu hergestellt werden zu können und Menschen in Betrieb zu halten. Auch der ausufernde Konsum von Gütern wie Plastikspielzeug, Kleidung oder Wegwerfgegenständen ist Anzeichen einer nutzlosen, überbordenden Produktion.

 

Konsum und genormtes Glück – Das Gesellschaftssystem

 

Noch wesentlich deutlichere Parallelen als bei Staat und Wirtschaft kann man im Gesellschaftssystem der Schönen neuen Welt erkennen.

Die künstliche Befruchtung, die bei uns genutzt werden darf, um – möglicherweise aus beruflichen Gründen – später als eigentlich biologisch vorgesehen schwanger zu werden und die Familienplanung somit dem Job zu unterwerfen, ist bei Huxley der Standard. Auf normalem Weg geborene Kinder existieren praktisch nicht mehr.

Die so auf die Welt gekommenen Kinder genießen keine humanistische oder künstlerische Bildung, sie werden gezielt in Berufsschulen auf ihre spätere Tätigkeit vorbereitet und lernen nur das, was sie später im Job auch tatsächlich benötigen. Auch bei uns verliert die Schuldbildung an Tiefe, siehe G8, viele Schüler und Studenten denken heute nur noch daran, was sich gut auf dem Lebenslauf macht.

Die Kultur wird ebenfalls flacher. Museen und Theater sind in Schöne neue Welt verboten, in der Freizeit geht man ausschließlich kurzweiligen Aktivitäten wie dem Fühlkino und Helikopterflügen nach oder man fährt schlicht in den Urlaub. Bei uns werden Germany´s Next Topmodel und andere Casting-Shows gefeiert, sogenanntes „Asi-TV“ erreicht in manchen Kreisen schon Kultstatus. Ein Buch nimmt man selten freiwillig in die Hand, Theater ist out.

Überhaupt wird der Geist der Bürger im Weltstaat ständig mit Reizen überflutet, so dass sie gar nicht erst in Versuchung kommen, zu denken. Ein Konsum-Kult hat die alten Religionen gänzlich ersetzt. Eine überbordende Sexualität wird staatlich propagiert und feste Partnerschaften sind verpönt. Die perfekte Droge Soma („Ein Gramm versuchen ist besser als fluchen.“) wird schon von Kindertagen an als Allheilmittel beworben.

Schaut man sich unsere Gesellschaft an, sieht man zunächst mal Werbung, überall, für alles. Und der Fernseher muss dann dem der Freunde wenigstens annähernd ebenbürtig sein, in Sachen Megapixels und so, kennste. Eine immer größer werdende Freizügigkeit kann kaum bestritten werden. Drogen sind weiter verbreitet und stärker akzeptiert als früher. Und wenn Shopping Hauls keine konsumistischen Kulthandlungen sind, dann weiß ich´s auch nicht.

 

Fazit

 

In den vorangegangenen Abschnitten habe ich versucht Schnittstellen zwischen der von Huxley beschriebenen Schönen neuen Welt und unserer heutigen aufzuzeigen. Gemäß dessen habe ich natürlich nur Beispiele aufgezählt, die diese Schnittstellen auch untermauern. Es gibt mit Sicherheit auch reichlich Argumente gegen die These, unsere Welt nähre sich der von Huxley beschriebenen an. Viele Aspekte, wie die Präimplantationsdiagnostik sind durchaus positiv zu sehen.

Dennoch wollte ich darauf aufmerksam machen, wie leicht man auch ohne große geschichtliche Umbrüche auf eine erstarrte und oberflächliche Gesellschaft hintreiben kann.

Als Empfehlung gilt: Lest das Buch. Es gehört zu den Klassikern der Weltliteratur und zählt zur Allgemeinbildung. Der Weltstaat hat sich selbst die Losung „Stabilität, Frieden und Freiheit“ gegeben, diese auch umgesetzt, und ist doch bei einer kaum wünschenswerten, totalitären Gesellschaft gelandet.

Doch trotz aller sich andeutenden Veränderungen in unserer Welt, Prognosen bleiben eben

nur Prognosen. Um es mit Huxley zu sagen: „Und überhaupt, sollten Sie nicht lieber abwarten, bis Sie sie wirklich gesehen haben, diese neue Welt?“

Autor: Ernst Jordan

24. Juni 2014

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