Die Zukunft der Arbeit – Vom Broterwerb zur Sinnstiftung

Der Mensch erobert die Arbeit zurück

2030. Ich habe meinen Arbeitsplatz in Lüneburg. Mein Arbeitsalltag beginnt mit der morgendlichen Teambesprechung, bei der ich und einer unserer Nachwuchskollegen unsere neue Projektidee vorstellen. Die ganze Abteilung stimmt darüber ab und wir stellen die Gruppe zusammen. Es wird über Probleme diskutiert und die Sozialpädagogin der Firma bringt sich mit ein. Anschließend besprechen wir die Arbeitsaufteilung im Team und planen unsere Woche. Wir beschließen, Pause, Mittagessen und Ideenfindung zu verbinden und uns bei einem meiner Kollegen zu Hause zu treffen. Er muss sich heute nämlich nebenher um seinen Sohn kümmern. Unser Team besteht aus einer Studentin, die gerade ein Praktikum machen möchte, einem Auszubildenden, der nach langer Arbeitslosigkeit in einen neuen Beruf einsteigt, zwei Kolleginnen und mir. Am nächsten Tag fasse ich in einem Café meine Vorschläge für die Realisierung des Projektes zusammen, bevor ich früh Feierabend mache um mit meiner Tochter ins Kino zu gehen.

Diese Freiheit bei der Arbeit konnte sich nur als Produkt unserer offenen Kommunikation entfalten . Jeder arbeitet genauso viel, dass es für ihn und für uns alle passt. Manche möchten lieber jeden Tag zur Arbeitsstelle kommen, andere brauchen mehr Ruhe und bleiben öfter zuhause. Für mich verschwimmt die Grenze zwischen Arbeit, Beschäftigung, Tätigkeit oder Freizeit. Ich bin motiviert, weil ich meine Arbeit als sinnvoll erachte. Denn ich weiß genau, was ich leiste – ich kann, wenn ich möchte, jederzeit den gesamten Arbeitsablauf von den Ideen oder Ressourcen bis hin zur Umsetzung oder dem Produkt überblicken. Unsere Firmenethik und unsere Ziele bestimmen wir selbst im Diskurs. Doch keine Regel ist unanfechtbar, alles kann kritisiert und wieder verändert werden und jeder hat eine Stimme. Das spiegelt sich auch in unserer Hierarchie wider: Die Verantwortung ist breit auf alle verteilt, die in der Lage sind, sie zu tragen. Und daher werde auch ich im Job herausgefordert. Es ist notwendig, manchmal Schwierigkeiten hinzunehmen, aber man respektiert meine Grenzen und meinen Freiraum.

Viele meiner Kollegen kommen von Universitäten und Einrichtungen, von denen sie sowohl ein breites Bildungs- als auch Kulturangebot gewohnt sind. Deswegen kooperieren wir mit anderen Firmen, aber auch Schulen, Universitäten, Kultureinrichtungen und Sportvereinen. Der Arbeitsmarkt von heute ist flexibler, projektorientierter, aber auch voller Modellvielfalt. Ich schätze mein eingespieltes Team, doch es werden immer wieder einige den Arbeitsplatz wechseln oder eine Ausgründung versuchen. Das Unternehmen hat einen stabilen Kern und ist dennoch in beständigem Wandel –  nicht durch wirtschaftlichen Optimierungszwang, sondern durch den Wunsch aller Beteiligten nach Selbstbestimmtheit und Glück in Leben und Arbeit. Ich und meine Bedürfnisse werden respektiert, meine Stärken werden geschätzt, meine Schwächen werden beachtet und aufgefangen, aber nicht fokussiert. Ich bin Vater oder Mutter, gläubig oder Atheist, will viel arbeiten oder viel Freizeit haben. Ich kann rechnen, lesen, schreiben, sprechen, sehen, laufen, schwimmen, Auto und Rad fahren, rational denken, handeln und so lieben wie die meisten um mich herum – oder vielleicht auch einiges davon nicht. Ich gestalte meinen Arbeitsplatz. Er ist an mich angepasst und nicht umgekehrt.

 Work-Life-Blending, Vielfalt von Arbeitsmodellen, Respektierung unterschiedlicher Lebensweisen, gestärktes Ehrenamt, eine tatsächlich inklusive Gesellschaft und die Möglichkeit zu lebenslangem Lernen und zur Selbstverwirklichung, das werden die Säulen von zukunftsträchtiger Arbeit sein, so wie sie hier beispielhaft skizziert wurde. Die Zukunft der Arbeit liegt in einer Tätigkeit, die schon aus sich heraus der beste Weg für jeden Menschen ist, seine Ziele zu erreichen, an der Gesellschaft teilzunehmen und sich weiterzuentwickeln, ohne dabei bloß an seine Existenzsicherung denken zu müssen. Nur wenn Arbeit für alle Beteiligten einen Sinn hat, kann sie sozial nachhaltig sein. Es ist eine gesellschaftliche Aufgabe, diese Utopie zu verwirklichen und zu konkretisieren. Die Zukunft ist sinnstiftende Arbeit.

Aus dem Seminar:
Die Zukunft der Arbeit – Vom Broterwerb zur Sinnstiftung

Seminarleitung:
Klaus Bergmann

Seminarteilnehmer_innen:
Alicia Bälkner, Nico Ehlers, Malte Hoppe, Jasmin Schnepf, Katrin Werle, Jan Wielenberg, Tim Kalkkuhl, Timo Dettmering, Kim Fellenberg, Friederike Haul, Simon Langer, Cosima Lanz, Ludwig Müller, Kira Dohrn, Zowa Hotanen, Mariella Meyer, Finja Schirmacher, Hanna Rösener, Alexander Kunz, Janice Maass, Friederike Proffen, Timon Scheuer, Sören Winkler, Georg Schönberger, Sarah Gerckens, Victor Sherazee, Marco Mokros, Ella Pouwels

Praxis- & Interviewpartner_innen:
esyoil GmbH, Werkhaus Design + Produktion GmbH, Mälzer Brau- und Tafelhaus, Bohlsener Mühle GmbH & Co. KG, BSN medical GmbH, Gudrun Jakubeit (Künstlerin), Prof. Dr. Michael Gielnik, Lebenshilfe Lüneburg-Harburg gemeinnützige GmbH, The Juice PLUS+ Company Europe GmbH, Freiraum Lüneburg UG, spectrum arbeit GbR, Kruse Der Lecker Bäcker GmbH & Co. KG

Diese Vision trägt dazu bei, die folgenden Sustainable Development Goals in Lüneburg umzusetzen und zu fördern: