Über die ZkT

»In der gegenwärtigen akademischen Landschaft hat die kritische Theorie […] einen festen Platz – als Gegenstand historiographischer Rekonstruktionen und problemgeschichtlicher Erörterungen. Strittig ist allerdings, inwieweit sie […] noch zum Begreifen der Gegenwart beitragen kann – sei es als kommunikationstheoretisch gewendete oder als dialektische Theorie.«

Mit dieser Beobachtung begann das Vorwort zum ersten Heft der Zeitschrift für kritische Theorie im Frühjahr 1995. Die Kleinschreibung des Adjektivs »kritisch« im Titel signalisierte, dass die Zeitschrift nicht ausschließlich als Publikationsorgan im Sinne der philosophischen Gesellschaftstheorie der Frankfurter Schule verstanden werden soll. Mit »kritischer Theorie« war und ist ein Theorietypus gemeint. Und obwohl er im 20. Jahrhundert vor allem von den Frankfurtern weiterentwickelt wurde, steht er für ein breiteres Spektrum sozial-, kultur- und ökonomiekritischer Theorien, die bestehende gesellschaftliche Zustände und deren reflexive Formen begreifen wollen. Theorien dieses Typus’ versuchen zudem, Möglichkeiten zu benennen, wie jene Zustände überschritten werden könnten, und sie explizieren normative Kriterien der Kritik.

In der Zeitschrift für kritische Theorie werden seither Anwendungen der Kategorien kritischer Theorien auf materiale Phänomene aus Gesellschaft, Ökonomie, Politik, Wissenschaft und Kultur publiziert. Daneben finden auch methodologische Erörterungen einen Platz, wie kritische Theorie heute zu betreiben sei. Von Anfang an wurde in der Zeitschrift Wert darauf gelegt, dass die unvermeidlichen Zwistigkeiten zwischen Anhängern verschiedener Auffassungen von kritischer Theorie nicht zu unproduktiven Lagerbildungen führen. (Vernunft-)Kritiker des Spätkapitalismus in der Tradition Adornos, die in der konkret-utopischen Perspektive einer Versöhnung des Nichtidentischen argumentieren, kamen und kommen ebenso zu Wort wie Verfechter einer kommunikativen Rationalität der Moderne, die diese im Geist von Habermas als lebensweltliches Kritik-Potenzial gegen die Übergriffe der systemischen Imperative Macht und Geld stärken wollen. Ansätze zu einer Kritik der globalisierten politischen Ökonomie mit explizit politischen Elementen haben in der Zeitschrift ebenso ihren Ort wie Beiträge mit theoriegeschichtlichen und philologischen Schwerpunkten, die sich der Selbstvergewisserung der Überlieferung des horkheimerschen Theorieparadigmas eines interdisziplinären und philosophisch reflektierten Materialismus widmen.

Mit der Zeit hat sich in der Zeitschrift für kritische Theorie ein Dialog mit poststrukturalistischen und dekonstruktivistischen Theorieansätzen herausgebildet, der Gemeinsamkeiten und Differenzen in Bezug auf Grundbegriffe und Methoden der Phänomenanalyse deutlicher gemacht hat. Ein weiterer Schwerpunkt der Zeitschrift ist der kontinuierliche Bericht über die Auseinandersetzung mit der kritischen Theorie im europäischen und außereuropäischen Ausland geworden. An die Stelle der Einzelrezensionen von Neuerscheinungen, die für kritische Theoretiker relevant sind bzw. kritische Theorie zum Gegenstand der Auseinandersetzung machen, ist immer häufiger die Textgattung des Literaturberichts getreten. Das hängt auch mit dem veränderten Erscheinungsmodus zusammen: Die Zeitschrift erscheint seit 2003 aus verlags- und zeitökonomischen Gründen einmal jährlich als Doppelheft.

Weiterhin gelten die drei Grundintentionen, die schon 1995 im Vorwort zum ersten Heft ausgesprochen wurden: Herausgeber und Redaktion verstehen die Zeitschrift erstens als »Diskussionsforum« für »die materiale Anwendung kritischer Theorie auf aktuelle Gegenstände« und zweitens als Rahmen für das »Gespräch zwischen den verschiedenen methodologischen Auffassungen über die heutige Form kritischer Theorie«. Drittens geht es schließlich darum, »vereinzelte theoretische Anstrengungen thematisch zu bündeln« und »kontinuierlich zu präsentieren«. Damit beabsichtigen wir, Autoren zu motivieren, sich an jenem Klärungs- und Aufklärungsprozess zu beteiligen, für den das Projekt kritischer Theorie(n) nach wie vor – oder mehr denn je? – steht.