Unterwegs auf der Utopie-Konferenz
Unikultur

Unterwegs auf der Utopie-Konferenz

Für drei Tage öffnete das Zentralgebäude der Leuphana seine Drehtüren für 600 Teilnehmer*innen, um mit Richard David Precht und anderen Gästen Antworten auf die zentrale Frage der Veranstaltung zu finden: „Wie wollen wir leben?“. Wie die Konferenz verlief und ob sich ein weiterer Besuch lohnt, erfahrt ihr bei uns.

Wer, wann, wo? Das Wichtigste in Kurzform.

Die Utopie-Konferenz lief vom 20. Bis 22. August 2018. Rund 600 Teilnehmende waren dabei, die zur Hälfte aus Student*innen aus 54 verschiedenen Universitäten bestand. Für Student*innen betrug der Preis 30 Euro, alle anderen mussten für die Teilnahme 120 Euro bezahlen. Die meisten Veranstaltungen fanden im Zentralgebäude der Leuphana statt, einige andere auf dem umdekorierten Parkplatz zwischen Zentralgebäude und Bibliothek, sowie in den Hörsälen. Das Leitmotiv der Veranstaltung war die Frage „Wie wollen wir leben?“. Konkret ging es darum, als Teilnehmer*in die eigene Utopie zu finden und wie man den Weg dahin finden könnte. Dafür gab es Impulse von Gastredner*innen, Workshops und große Debatten.

Foyer des Zentralgebäudes (c) Christopher Bohlens

Wie ging es los?

Die Konferenz begann am Montagmorgen. Nach der Anmeldung im Foyer erhielten die Teilnehmer*innen ein Namensschild mit Leuphana-Schlüsselband, mit dem sie alle offiziellen Veranstaltungen der Konferenz besuchen konnten. Zudem durften sie sich damit an der Snack- und Cafétheke bedienen. Wer nicht fotografiert werden wollte, konnte sich eine kleine rote Plakette für das Namensschild besorgen.

Die Auftaktveranstaltung im Auditorium startete um 9.30 Uhr, nach etwa 15 Minuten Verspätung. Sehr viele Besucher*innen standen noch in den Warteschlangen vor der Anmeldung. Wenige Augenblicke später schlossen sich die Türen und das Licht dimmte. Die beiden Moderator*innen kamen auf die Bühne: Sven Prien-Ribcke, den die meisten Student*innen der Leuphana aus der Konferenzwoche kennen und Ana Adzersen, ehemalige wissenschaftliche Mitarbeiterin der Leuphana. Sie bat das Publikum, sich Schritt für Schritt innerlich vorzustellen, wie es in wenigen Jahren leben möchte. Nach der imaginären Zeitreise ins Jahr 2025 erklärte die Moderation den ersten interaktiven Part der Konferenz: Das „Utopie-Bingo“. Jede*r Teilnehmer*in bekam ein DIN A3 Blatt mit 16 Stationen zum Abhaken. Diese Stationen waren im Foyer aufgebaut, welches für den Zeitraum der Konferenz den sommerlichen Namen „Oase“ erhielt. Das Ziel: Interaktiv mit ersten Eindrücken und Impulsen Gedanken für die eigene Utopie zu sammeln.
In der Station „@Grafikwerkstatt“ zum Beispiel sollten die Besucher*innen einen Slogan für ihre utopische Welt entwerfen und an eine der Wäscheleinen hängen. Im „@Schaufenster“ haben einzelne Teilnehmer*innen bereits bestehende Projekte, Zitate auf Pappkärtchen oder eigene Ideen für die Zukunft vorgestellt, welche sie mitgebracht haben. Die Palette der vorgestellten Utopien reichte von Apellen für mehr Investition in Bildung bis zum Sturz des Systems. Eine weitere Station knüpfte direkt an das „@Schaufenster“ an: „Lass dich am Schaufenster von einer anderen Utopie inspirieren. Welche davon weckt deine Neugier?“.
Bei der Station „@Zentralgebäude-Führung: Nimm an einer der Führungen durch das Zentralgebäude teil. Was überrascht dich?“ stellte sich bei einigen Besucher*innen die Frage, wie denn beim Gebäude der Bezug zum utopischen Denken bestehe. Antworten dazu lassen sich in der langen Geschichte der Bauarbeiten finden.

Neue Sprüche für die Welt. Hier konnten die Teilnehmer*innen ihre Utopie in einem Satz zusammenfassen. (c) Christopher Bohlens

Einige Stationen waren nicht unbedingt „stationär“. Beispielsweise die Stationen: „@überall: Finde eine Person, die nicht deiner Meinung ist.“ oder „@überall: Suche dir eine Person, die du spannend findest und macht einen Spaziergang über den Campus. Was hat euch auf die Konferenz gebracht?“.
Das Bingo lief bis 12.30 Uhr, es bestand jedoch kein Druck, die Aufgaben alle zu erfüllen. Alle Parts der Veranstaltung waren freiwillig und ergebnisoffen. Es gab keine Noten oder „Deadlines“.

 

„Ein gutes Mittagessen in Lüneburg hat dabei eine große Rolle gespielt“ – Kurioses aus der Pressekonferenz

Um 12 Uhr startete parallel zum Utopie-Bingo eine Pressekonferenz mit Henning Zühlsdorff (Pressesprecher der Leuphana), Sascha Spoun, Sven Prien-Ribcke und dem „Headliner“ der Konferenz: Richard David Precht. Letzterer kam erst gegen 12.45 Uhr. Aufgrund von Problemen mit der Bahn musste Herr Precht mit dem Taxi von Hannover nach Lüneburg fahren. An der Pressekonferenz nahmen auch die Landeszeitung, Deutschlandfunk Kultur und einige Freelancer teil.
Die Pressekonferenz begann mit einer Art Moderation des Pressesprechers. Henning Zühlsdorff stellte dabei Fragen an den Universitätspräsidenten und an den Organisator Sven Prien-Ribcke, vor allem zur Organisation der Konferenz. Ursprünglich sollte die Konferenz nur für Studierende geöffnet werden. Nach vielen Anfragen entschied sich die Organisation, die Konferenz für alle Interessierten zu öffnen. Wer einen Platz für die Utopie-Konferenz haben wollte, musste ein Online-Bewerbungsverfahren durchgehen und eine Art Motivationsschreiben verfassen. Wir haben die Frage gestellt, nach welchen Kriterien die Universität die Teilnehmer*innen der Konferenz aussuchten. Sascha Spoun und Sven Prien-Ribcke erklärten daraufhin das System: Es wurden alle angenommen, die das Bewerbungsverfahren abgeschlossen haben. Die Bewerbung diente dazu, sogenannte „No-Shows“ zu vermeiden und die Ernsthaftigkeit zu erhöhen. Dahinter steckte die Logik: Wer sich die Zeit nimmt, ein Bewerbungsverfahren durchzumachen und sich bereits im Vorfeld Gedanken zur Teilnahme macht, erscheint auch mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Konferenz.
Zum Anlass der Veranstaltung erzählte Precht, dass ihm das utopische Denken außerhalb des ökonomischen Kontextes in den öffentlichen Debatten fehle. Auf unsere Anfrage, woher die Idee der Konferenz kam, erzählte er: „Herr Spoun kam auf mich zu und erzählte, dass die Universität eine Veranstaltung für das neue Gebäude brauche. Spoun fügte hinzu: „Ein gutes Mittagessen in Lüneburg hat dabei eine große Rolle gespielt“.

Seine eigene Utopie für die Leuphana hat Sascha Spoun auch mitgebracht. Eine besser vernetzte Universität mit anderen Hochschulen und eventuell Seminare von Gastredner*innen der Konferenz für das Komplementärstudium.

v.l. Pressesprecher Henning Zühlsdorff, Universitätspräsident Sascha Spoun, Gastgeber Richard David Precht und Moderator Sven Prien-Ribcke. (c) Christopher Bohlens

Wie liefen die Debatten und Gespräche?

Zur „Auftakt-Runde: Wie wollen wir 2025 leben“ am ersten Tag trat Richard David Precht gemeinsam mit den im Programm angekündigten „Überraschungsgästen“ auf. Dabei handelte es sich um 4 von Ana Adzersen ausgesuchte Teilnehmer*innen des Schaufensters aus dem Utopie-Bingo, die auf der Bühne vor dem großen Publikum ihre persönlichen Utopien vorstellen konnten. Und sie sprachen ihre Lobe an Herrn Precht aus. „Voll geil, dass Richard David Precht in seinem neuen Buch gleich als erstes eine Anspielung auf Star Trek macht.“ Ein weiterer Überraschungsgast empfiehlt als zukunftsweisende Maxime: „Erkenne dich selbst“. Dieser Satz stammt aus einer Inschrift im Apollontempel von Delphi. Gleichzeitig ist er auch der Titel von Prechts zweiten Band zur Geschichte der Philosophie.

In der Runde danach sprach Philosophie-Professor Christoph Jamme mit Precht und der Bundestagsabgeordneten der Links-Fraktion Anke Domscheit-Berg über die Gefahren des Silicon Valleys und den kommenden Folgen der Digitalisierung. Eine kontroverse Diskussion ist dabei nicht entstanden, da Christoph Jamme als Moderator dazu neigte, Precht und Domscheit-Berg jeweils einzelne Fragen zu stellen, statt mögliche Unterschiede zwischen seinen Gesprächspartnern zu beleuchten. Auf Herrn Jammes Nachfrage, ob Frau Domscheit Berg Herrn Precht in seinen Ansichten zu den Folgen der Digitalisierung widersprechen möchte, antworte sie mit einem „Nö“.

4 x 15 Minuten mit Ulrike Guérot, Daniel Lang, Precht, Manuela Bojadzijev und Oliver Nachtwey. (c) Christopher Bohlens

Direkt nach dem Abendessen startete die Debattenrunde „Wider die Ohnmacht – Utopisch handeln“. Grünen-Urgestein Hans Christian Ströbele beschrieb, wie Vorzüge unserer heutigen Gesellschaft wie der gleichgeschlechtlichen Ehe vor dreißig Jahren noch als Utopien gesehen wurden. Greta Taubert erzählte von ihrem Buch „Apokalypse jetzt!: Wie ich mich auf eine neue Gesellschaft vorbereite.“, in welchem sie in einen Bauwagen zieht und Subsistenzwirtschaft wagt. Bloggerin Kübra Gümüsay stieß das Thema Migration wieder an und Benjamin Adrion sprach über seine Motivation, Viva con Agua zu gründen. Eine unerwartete Richtung schlug die Diskussion ein, als sich eine Frau aus dem Publikum auf einen der Stühle setzte. Ströbele lobte zuvor die Errungenschaft, dass der zweite Absatz des § 1580 BGB im Jahr 1970 abgeschafft wurde. Dieser Abschnitt besagte, dass ein uneheliches Kind nicht mit seinem Vater verwandt sei, wodurch der Vater im Falle einer Trennung keinen Unterhalt zahlen brauchte. Zu Lasten der nun alleinerziehenden Mutter. Die Frau aus dem Publikum warf Ströbele nun vor, er verherrliche getrennte Familien. Den Vorwurf wies Ströbele zurück. Später trauten sich auch andere Gäste aus dem Publikum ans Mikro.

Am Dienstagmorgen sprach Gastgeber Precht mit dem Historiker Achatz von Müller über Utopien in der Literatur und den französischen Frühsozialisten. Inhaltlich eine der anspruchsvolleren Veranstaltungen der Konferenz. Während am ersten Tag die Impulsgeber*innen über aktuelle Themen sprachen, ging es in dieser Veranstaltung um konkrete Literatur wie Dantes Göttliche Komödie, die vielleicht nicht alle Zuschauer*innen gelesen haben.

Einen eher humoristischen Beitrag lieferte am dritten Tag der Autor und Mathematiker Gunter Dueck, der mit seinem Vortrag über die Verwirklichung von Utopien für viele Lacher im Publikum sorgte.

An der eigenen Utopie basteln

Am Dienstagnachmittag konnten sich die Teilnehmer*innen einen von 24 Workshops aussuchen. Themen waren unter anderen das bedingungslose Grundeinkommen, regionaler Landwirtschaft, Social Business oder Bildung. Der Begriff „Workshop“ mag da etwas verwirren, da es keine Kurse waren, in denen die Teilnehmer*innen unter Anleitung etwas gebastelt haben. Dennoch gab es in den meisten Workshops Bezüge zur Praxis. Etwa in dem Workshop „Commonismus als realistische Vision – mit Demokratisierung von Produktionsmitteln und Freiem Wissen den Kapitalismus entmachten“ von Anke und Daniel Domscheit-Berg. Hier ging es unter anderem um den aktuellen Stand von 3D-Drucktechnologie, zu welchen Preisen man bereits 3D-Drucker bekommt, wo man dazugehörige Druckvorlagen mit Creative Commons Lizenz findet oder mit der App Plantix eigene Pflanzen nach Krankheiten abscannen kann.

Daniel und Anke Domscheit-Berg (c) Christopher Bohlens

Interaktivität spielte eine große Rolle

Neben den Vorträgen und Debatten gab es auch mehrere Formate, in denen die Teilnehmenden selbst das Programm gestalteten. Dazu gehörte neben dem Utopie-Bingo auch das Utopie-Café: Jeder Workshop sollte 4 Fragen zu dessen Thema sammeln. Diese Fragen wurden dann auf Tischen des umdekorierten Parkplatzes und im Foyer ausgelegt. Dort konnten sich die Teilnehmer*innen einen Tisch aussuchen und die Fragestellungen aus den Workshops ausdiskutieren. Nach jeder Runde sollten die Teilnehmer*innen den Tisch wechseln, um sich mit einer neuen Frage oder einem neuen Thema zu befassen. Auch einige der Gastredner*innen und Workshopleiter*innen gesellten sich dazu und griffen in die Diskussionen mit ein.

Das Utopie-Café, das gar kein Café ist. (c) Christopher Bohlens

In der Abschlussveranstaltung konnten von den Workshopleiter*innen ausgewählte Teilnehmer*innen ihre Ideen dem großen Publikum vorstellen, jeder Workshop hatte am Ende eine Idee gekürt. Gastgeber Precht wohnte dieser Veranstaltung nicht mehr bei, er flog bereits mit dem Flugzeug nach Düsseldorf zu seinem nächsten Auftritt.

Im Foyer standen ab dem dritten Tag Tische mit Zetteln, wo die Teilnehmer*innen ihre Email Adressen hinterlassen konnten, um nach der Konferenz weiterhin an konkret gewordenen Ideen und Projekten zu arbeiten. Die Tische waren nach Themen sowie nach Regionen sortiert und fanden schnell die ersten Einträge.

Vernetzungstische und Vernetzungsflügel (c) Christopher Bohlens

Ein paar Worte zum Essen

Die Aktionsküche Wam Kat servierte Mittag- und Abendessen auf dem Parkplatz. Das Essen war auf Wunsch des Gastgebers Precht vegetarisch und im Teilnahmebeitrag enthalten. Es gab Couscous und Gemüseeintöpfe mit Linsen und Brot. Für das Abendessen konnte zudem ein zusätzliches Grillmenü bestellt werden. Als Getränke konnten die Teilnehmer*innen gegen 1 Euro Becherpfand kostenlos Kaffee, Limettensaft sowie verschiedene Teesorten bekommen. An derselben Theke gab es auch kleinere Snacks, wie Corny-Riegel, Bananen oder vegane Kekse. Abends gab es zudem einen Stand, der Ratsherrn Pils, Wein und Lemonaid-Limonaden verkaufte.

Reaktionen auf die Utopie-Konferenz

Es gab grundsätzlich positive Rückmeldungen zur Konferenz. Interessante Vorträge, gutes Gesprächsklima unter den Teilnehmer*innen sowie gut gestreute, lange Pausen waren die Rückmeldungen mehrerer Teilnehmer*innen. Ein Tisch auf dem Foyer bot auch Platz, Papier und Stift für Feedback an die Organisation. Einige Teilnehmer*innen wünschten sich mehr Kapazitäten für die Workshops oder Teilnehmerbegrenzungen. Universitätspräsident Sascha Spoun ist vom Erfolg der Konferenz überzeugt. So verkündete er auf der Abschlussveranstaltung: „Die nächste Utopie-Konferenz ist noch eine Utopie, aber sie ist schon auf dem Weg.“

Während der großen Debatten war das Auditorium gefüllt wie zu keiner Vorlesung (c) Christopher Bohlens

Fazit

Eine inhaltlich vielfältige Veranstaltung mit kompetenten und diskussionsbereiten Gästen, welche sich aber scheuten, sich auf der Bühne auch mal gegenseitig zu kritisieren. Die Diskussionskultur gab es aber durchaus bei den Teilnehmer*innen, in den Workshops, dem Utopie-Café sowie an den Dialogtischen. Die offene Atmosphäre, bei der jede*r die eigenen Ideen mit anderen austauschte konnte deshalb florieren, weil die Universität die motivierten Teilnehmer*innen mit strikten Zeitvorgaben und Ergebnisdruck verschonte, anders etwa als bei der Start- und Konferenzwoche. Wer gerne über die Zukunft nachdenkt, sich aber auch mit anderen Themen als ökologischer Nachhaltigkeit auseinandersetzen möchte, wird auf der Konferenz viele inspirierende Eindrücke finden. Wer jedoch dauerhaft pessimistisch denkt, in der vorlesungsfreien Zeit lieber verreist, lernt oder arbeitet, der sollte sich lieber erstmal einen der beiden Livestreams der diesjährigen Veranstaltung anschauen. Als Hürde ist auch der Teilnahmebeitrag von 30 bzw. 120 Euro zu beachten.

1. September 2018

About Author

Jan Gooss Student der Politikwissenschaft, Abtrünniger der VWL und sitzt nebenbei auch noch in der Redaktionsleitung der Univativ.