Spanische Erdbeeren

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Unsere Autorin schreibt Kurzgeschichten mit Tiefgang. Dieses Mal über erdrückende Bindungen und den Wunsch nach Unabhängigkeit.

Erdbeeren / (C) Pexels.com

Das Haus würde einsam auf einem Hügel stehen, irgendwo in Spanien. Marina wollte morgens aufwachen, die Fenster öffnen, Sonnenlicht spüren. Sie wollte in die Weite blicken und in ihr die Widerspiegelung ihrer Möglichkeiten sehen. Nur dass sie nicht wusste, auf welche Möglichkeiten sie genau schauen sollte. Vielleicht, dachte sie, kamen die Möglichkeiten mit der Zeit, vielleicht steckten sie in den Feldern da draußen. Und wenn nicht?

Sie würde Obst und Gemüse anbauen, Tomaten und Erdbeeren, die wuchsen in Spanien das ganze Jahr über, oder? Im Supermarkt gab es zu jeder Jahreszeit Früchte aus Spanien. Natürlich würden Felder zum Haus gehören, auf die würde sie gehen, nachdem sie morgens ihre Fensterläden aufgestoßen hatte. Sie würde die Tomaten und die Erdbeeren düngen, gießen, ernten, in der prallen Sonne. Ihre Hände und ihr Gesicht würden ledrig werden und braun, man könnte die Adern an den Handrücken nicht mehr unter der bleichen aufgeschwemmten Haut durchsehen. Ihr Körper würde schmaler und muskulöser werden durch die Feldarbeit; ihre T-Shirts in Übergrößen vom Sonderangebot im Discounter wären ihr zu groß. Keine Pickel mehr durch viel Sonnenlicht und gesunde Ernährung – Tomatensalat und Brot mit Erdbeermarmelade statt des Zeugs aus der Tiefkühltruhe, das ihr Mann so mochte.

Um das Brot zu kaufen, würde sie ins nächste Dorf gehen. Es gäbe nur einen Laden dort mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln und Zeitungen. Der Verkäufer würde mit Marina flirten, weil sie blond war, eine Seltenheit in dieser spanischen Provinz, ihre Körperfülle gar nicht beachten. Sie würde selbstbewusst lachen und später, wenn sie etwas Spanisch konnte, originell kontern. Vielleicht würde sie den Verkäufer sogar mal abends zum Erdbeerenessen einladen, wenn sie nicht zu müde von der Sonne war. Sie würden sich über das Dorf, die Sonne und die Ernte unterhalten, er könnte Bier mitbringen – cerveza. Das einzige spanische Wort, das ihr Mann kannte. Er schrieb es auf ihre Einkaufszettel, damit die Kinder nicht verstanden.

Die Kinder, was war mit den Kindern? Marina wollte allein sein in dem Haus in Spanien. Ihr Mann würde auch gar nicht weg wollen aus der Gegend, hatte immer hier gewohnt. Die Kinder könnten sie besuchen in den Ferien. Sie würde ihnen Erdbeerkuchen backen anstelle der Chips-Tüten und der nachgemachten Schokoriegel. Reichte das zum Muttersein? War Erdbeerkuchen ein Ausgleich zum Bleiben in der Wohnung mit ihrem Mann? Aber sie konnte die Kinder, konnte die Vergangenheit ihres alten Lebens nicht mitnehmen. Im Dorf gäbe es keine Schule. Und ja, Marina wollte allein sein zwischen ihren Erdbeer- und Tomatensträuchern. Sie wollte allein sein, wenn sie das Fett der letzten siebenunddreißig Jahre loswurde und die unbekannte Frau darunter befreite.

Sie müsste sie bald befreien, sonst würde sie ersticken.

Die Kinder waren zu jung, um ohne sie bei ihrem Mann zu bleiben. Und zu alt, um das zu verstehen. Und Marina, sie war zu alt, um neu anzufangen. Und zu jung, um zu alt zu sein.

Sie war immer hier gewesen, auch als sie noch anderswo gewesen war.

Woher sollte sie wissen, wie man von einem Ort an den anderen kam. Ach Scheiße, woher sollte sie überhaupt wissen, ob es ein solches Dorf mit einem solchen Laden und einem solchen Haus in Spanien gab. Spanien war nur ein Wort, das auf den Tomaten- und Erdbeerpackungen stand.

Marina stand vor dem Kühlregal im Supermarkt. Himbeeren, Blaubeeren, Erdbeeren. Sie kamen aus den Niederlanden. Sie schob den Einkaufswagen weiter zu den Tiefkühltruhen.

Autorin: Pauline Hatscher