Machs wie die Schweizer – liebe die Bahn

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Bahnfahren in der Schweiz ist ein Lifestyleprodukt, jeder zweite Schweizer hat ein Bahnabo. Wieso die Schweizer ihre Bahn so lieben und was wir Deutschen uns davon abgucken können:

So schön kann Bahn sein (in Argentinien) / (C) flickr - Rafael, de xtrapotrenes

So schön kann Bahn sein (in Argentinien) / (C) flickr – Rafael, de xtrapotrenes

Kennst du dieses Bonmot über Europa, das besagt
„Heaven is a place where the police are English; the chefs are Italian; the car mechanics are German; the lovers are French and it’s all organized by the Swiss“?

Natürlich sind das alles platte Stereotypen, zumindest in Sachen Bahnverkehr können wir uns vom Organisationstalent der Schweizer aber wirklich noch eine Scheibe abschneiden. Oder steckt am Ende doch mehr hinter ihrem Erfolg als bloße Logistik?

Dieser Artikel möchte nicht nur sehnsuchtsvoll auf die Schweizer Bundesbahnen (SBB) schauen, er möchte auch euer Herz öffnen. Für die Bahn. Nicht für die aktuelle Bahn, getrieben von Bilanzzahlen und Streckenschließungen, ungeliebt wegen Verspätungen und schlechtem Service. Aber für die Bahn, die möglich ist, für das Verkehrsmittel der Zukunft: sozial, zuverlässig, geachtet.

Bahnfahrerparadies Schweiz – Wie Bahn auch anders geht

Anschluss und Erreichbarkeit

In der Schweiz wird jede größere Stadt im Halbstundentakt, manche sogar im Viertelstundentakt angefahren und sogar das letzte Dorf hat Anschluss. Das Streckennetz wird, im Gegensatz zu Deutschland, sogar weiter ausgebaut; die Zahl der Bahnhöfe und betriebenen Schienenkilometer nimmt stetig zu. Und das, obwohl die Schweiz zum einen mit 122 Metern Schiene pro Quadratkilometer bereits das dichteste Eisenbahnnetz der Welt besitzt und sich zum anderen bekanntlich weite Teile des Landes in sehr bergigem Gebiet befinden wodurch dieser Schnitt zusätzlich beeindruckend wirkt.

Pünktlichkeit

Die Pünktlichkeit der SBB liegt im Schnitt bei etwa 91%. Die DB schafft im Vergleich zwar noch bessere Werte ( +/- 93%), dies ist jedoch nur auf den ersten Blick ein Punkt für die DB. Tatsächlich hat diese Rechnung in verschiedenen Definitionen von Pünktlichkeit ihren Ursprung. Gilt bei der DB ein Zug als pünktlich, der nicht mehr als 5:59 Minuten Verspätung hat, existiert in der Schweiz seit 2009 die Drei-Minuten-Pünktlichkeit. Das liegt, man möchte sagen, lächerlicherweise, daran, dass die Züge so genau fuhren, dass man eine präzisere Messung von „Pünktlichkeit“ brauchte und deswegen die akzeptable Verspätung auf drei Minuten reduzierte. Vorher lag die Fünf-Minuten Pünktlichkeit der SBB bei mehr als 97%.

Reisende schrieben der SBB sogar Briefe, in denen sie beinahe fassungslos berichteten, dass man mit dem Bus aus Luzern, der um 16:18 Uhr in Weggis ankommt, noch das Schiff (Ja, Schiff. Dazu komme ich noch.) um 16:19 Uhr erreicht. Dieser nahtlose Übergang hat jedoch nicht nur mit der perfekten Logistik der Bahn zu tun, sondern auch mit dem…

Verbund mit anderen Öffis

Der allergrößte Teil des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs der Schweiz liegt unmittelbar in staatlicher Hand oder wird mittelbar von Firmen betrieben, bei denen der Staat größter Anteilseigner ist. Dadurch ist es möglich, dass sich verschiedene Verkehrsmittel, statt miteinader zu konkurrieren, untereinander abstimmen. So berichtet ein weiterer Kunde der SBB, dass ein Busfahrer bei einer zweiminütigen Verspätung den Anschlusszug anrief, der dann – als wäre sowas selbstverständlich – auf die fehlenden Fahrgäste gewartet habe.

Der Preis

Wenn du bis jetzt noch keine Tränen der Rührung über die Perfektion des Schweizer öffentlichen Nahverkehrs vergossen hast, dann werden dir spätestens die Preise der SBB die Äuglein nass machen. Ein Halbtaxabo, das in etwa der Bahncard 50 entspricht, zusätzlich aber die meisten Bergbahnen, Schiffe(!) und Buslinien umfasst, kostet für drei Jahre weniger als die Bahncard 50 für ein Jahr. Da ist es nicht verwunderlich, dass die Hälfte aller Schweizer ein Bahnabo besitzt.

Unschlagbarer Service

Neben den oben erwähnten „großen“ Vorteilen sind es bei der SBB jedoch auch die kleinen aber nicht minder feinen Unterschiede, die die Deutsche Bahn und ihre privaten Konkurrenzunternehmen alt aussehen lassen.

So ist die Mitnahme von Hunden bei einem Generalabo, das in etwa der Bahncard 100 entspricht, aber selbstverständlich günstiger ist, kostenlos. Dieses Generalabo kann man zudem, fährt man beispielsweise in den Urlaub und nutzt es zeitweilig nicht, am Schalter hinterlegen und bekommt die nicht beanspruchte Zeit am Ende auf die Laufzeit draufgerechnet. Falls man die Karte mal vergessen hat, keine Angst. An jedem Schalter erhält man anstandslos Ersatz.

Weiterhin kann man sein Fahrrad an jedem Bahnhof abgeben und es zwei Tage später jedem beliebigen Bahnhof abholen, an dem man es gern haben möchte. Oder man nimmt es schlicht selbst – kostenlos natürlich – in einer an jedem Bahnhof erhältlichen – selbstverständlich ebenfalls kostenlosen – Transporttasche mit.

Ach und hatte ich schon das freundliche, weil gut bezahlte, Personal erwähnt? Und die sauberen Züge? Und das kostenlose W-Lan an allen Bahnhöfen?

Selbstverständnis

All das wird eingerahmt, und grundsätzlich erst ermöglicht, durch das Selbstverständnis der SBB. Die SBB sind zwar eine Aktiengesellschaft, sie befinden sich aber vollständig in Staatsbesitz. Und was soll sie auch an der Börse? Ihr Ziel ist die zuverlässige Bereitstellung von sozialer und demokratischer Mobilität, nicht die Steigerung irgendwelcher Quartalsgewinne.

Bei all diesen Vorteilen ist es dann auch kein Wunder, dass die Schweizer weltweit die begeistertsten Bahnfahrer sind.

Zum Abschluss noch ein kleines Plädoyer

Natürlich liegen die Vorteile der Bahnnutzung in der Schweiz auf der Hand: Günstige Preise, unbedingte Pünktlichkeit und ein Service, von dem man in Deutschland nicht zu träumen wagt. Auch stecken die Schweizer einfach mehr Geld in ihre Bahn.

Dies sind jedoch nur die Symptome einer gesunden Mobilitätskultur unserer südlichen Nachbarn. In der Schweiz ist Bahnfahren nicht das notwendige Übel, wenn mal kein Auto zur Hand ist. Es ist ein Lifestyleprodukt, komfortabel und nachhaltig. Bahnfahren ist cool, dank Verzicht auf Parkplatzsuche, Tanken und Kfz-Steuerbescheide reist und lebt  man schlicht deutlich entspannter.

Ich denke, wir sollten unsere Bahn wieder schätzen lernen. Stecken wir doch mal das Geld, das auf dem einen oder anderen Weg in die Subventionierung des Autos fließt, ins Streckennetz. Finanzieren wir doch alle gemeinsam dieses wunderbar soziale und ökologische Verkehrsmittel mit einer steuerlichen Umlage, statt jeder einzeln mit überteuerten Tickets. Und lernen wir die Bahn, auch wenn das momentan noch zu viel verlangt ist, doch einfach ein bisschen lieben. Sehen wir sie als Freund statt als Feind. Die Schweizer könnens ja auch.

Und wenn das alles gegeben ist und wir dennoch unseren Anschlusszug knapp verpasst haben, könnten wirs der Bahn dann nicht verzeihen? Unserem alten, neuen Freund.

Autor: Ernst Jordan