Hauptsache meckern – Über die Nähe der Lüneburger
Titelblatt, Was Uns Bewegt

Hauptsache meckern – Über die Nähe der Lüneburger

Lüneburg ist doch eigentlich gar nicht so groß / (C) flickr - André Zehetbauer
Lüneburg ist doch eigentlich gar nicht so groß / (C) flickr – André Zehetbauer

Es gibt generell viele Gründe, um sich zu beschweren. Sei es das Wetter, die Politik oder einfach der Preis für Diesel, der schon wieder zwei Cent gestiegen ist! Ebenfalls dankbare Themen sind Chefs, Lehrer (eigene oder die der Kinder), Beziehungspartner oder die Qualität der Teesiebe vom Discounter. Möchte man so richtig meckern, einfach mal Ablästern oder Druck abbauen, so findet sich zuverlässig ein Grund, Thema oder Anlass.


Ein gern gewählter Streitpunkt ist immer wieder die Entfernung von etwas. Entfernungen sind ja immer relativ zu etwas. Mal ist es der Bäcker, der zu weit weg ist, dann wieder die Disco, die dafür zu nah dran am Eigenheim steht. „Würde ja gerne, ist aber so weit weg“ ist eine beliebte Ausrede, die sicherlich jedem schon einmal untergekommen ist.
Das mag ja in manchen Städten berechtigt sein –  oder auch nicht. In Lüneburg jedenfalls treffen wir uns hier mit Sicherheit beim NICHT. Denn mal ernsthaft, die Stadt ist wirklich nicht überdimensioniert. Zwar findet man alles, was man für den täglichen Gebrauch und darüber hinaus braucht, von Aldi über Karstadt bis zum Bioladen, in unserer Stadt. Dennoch, von Nord nach Süd, wahlweise auch von West nach Ost oder umgekehrt, braucht man mit dem Drahtesel gerade mal 20 Minuten. Wenn man gemütlich fährt. Und ich weiß hier sehr genau wovon ich spreche, wohne ich doch selbst im äußersten Norden (für die Stalker: Kreideberg – viel Spaß beim Suchen) und darf für meine alltäglichen Uni-Besuche bis in den allerweitesten Süden der Stadt vorrücken. Dafür brauche ich ungefähr 11 Minuten. Bei sportlichem Tempo.
Man sollte deshalb in Lüneburg nicht von „Entfernungen“ sprechen. Angebracht wäre eher der Begriff „Nähe“. Statt: „Dies und jenes ist so und so weit weg“, muss es für eine präzise Gesprächsführung heißen: „Dieses und jenes ist so und so nah dran“.

Diese Steinmenschen sitzen ziemlich nah beieinander / (C) flickr - Guilhem Vellut
Diese Steinmenschen sitzen ziemlich nah beieinander
/ (C) flickr – Guilhem Vellut

Trotzdem beschweren sich einige Menschen gerne, dass ihnen in Lüneburg etwas zu weit weg ist. Absolut unverständlich und darüber hinaus unangebracht, wie wir jetzt wissen. Leute, mal ehrlich, hört auf zu Meckern. Zumindest über Entfernungen, Verzeihung, Nähen, in Lüneburg.

Warum man in der Stadt Auto fährt, bleibt mir in diesem Kontext ein Rätsel. Das darf dann aber gerne an anderer Stelle gelöst werden.

Autor: Andreas Hußendörfer

8. Dezember 2015

About Author

Koordination


8 COMMENTS ON THIS POST To “Hauptsache meckern – Über die Nähe der Lüneburger”

  1. Das ist mir in der kurzen Zeit die ich hier wohne auch schon aufgefallen, alles ist schnell zu erreichen und nah dran. Selbst zu Fuß kommt man gut durch die Stadt. Wie du aber richtig anmerkst sind trotzdem erstaunlich viele Autos unterwegs bzw. die meiste Zeit parken sie wohl eher am Straßenrand.

  2. Hallo Andreas, hallo Yannik,

    ihr beide seid ja so richtige superscharf beobachtende Blitzmerker. Da gratulier ich auch recht schön.

    Eure gedankenreichen Kunstproben erinnern mich an den großen Joe Dassin, der sich 1973 einen Platz in der Weltliteratur sicherte mit der bedeutenden Zeile: „In Paris ringsumher da ist überall Verkehr / aber mit einem Rad kommt man durch die ganze Stadt.“

    Die Mythologisierung des Banalen als sekundäres semiologisches System?

    In der gravitätischen Betonung, dass auch euch nicht entgangen ist, was für jedermann offensichtlich ist, findet ihr das „dreidimensionale Schema wieder: das Bedeutende, das Bedeutete und das Zeichen. Aber der Mythos ist insofern ein besonderes System, als er auf einer semiologischen Kette aufbaut, die bereits vor ihm existiert; er ist ein sekundäres semiologisches System. Was im ersten System Zeichen ist (das heißt assoziatives Ganzes eines Begriffs und eines Bildes), ist einfaches Bedeutendes im zweiten. (…) Ob es sich um eigentliches oder um bildliches Schreiben handelt, der Mythos erblickt darin eine Ganzheit von Zeichen, ein globales Zeichen, den Endterminus einer ersten semiologischen Kette. Und gerade dieser Endterminus wird zum ersten oder Teilterminus des vergrößerten Systems, das er errichtet. Alles vollzieht sich so, als ob der Mythos das formale System der ersten Bedeutung um eine Raste verstellte.“ Roland Barthes: Mythen des Alltags. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1964, S. 92 f.

  3. Liebe/r Beverli,
    wer sich über die Relevanz meines Artikels echauffiert, um dann unsere schöne Kommentarspalte mit Copy-Paste voll zu spamen, sollte mal lieber ganz kleine Brötchen backen.
    Herzlichst,
    dein Autor

    • Lieber Andreas,

      ich habe mich nicht erhitzt und Müll abgeladen. Ich habe eine Frage gestellt und deren Hintergrund bekannt gemacht. Wenn du etwas genauer hingeschaut hättest, bevor du deinen Unmut in die Welt hast hinausklicken müssen, wäre dir aufgefallen, dass es sich um eine Lektüreempfehlung für einen talentierten Journalisten handelte: Roland Barthes: „Mythen des Alltags“. Erste vollständige Ausgabe. Aus dem Französischen von Horst Brühmann. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 325 S.,geb., 28,-Euro.

      (Eine Besprechung: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/sachbuch/roland-barthes-mythen-des-alltags-gemeinplaetze-muss-man-nur-richtig-zu-dechiffrieren-wissen-1999132.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

      Eure Arbeit gefällt mir und deine Miniaturen lese ich ebenfalls gerne. Belustigt hat mich – das gebe ich gerne zu – die Naivität, mit der Yannik platterdings ausgesprochen hat, was sich diesmal jedem wirklich ohne jede Hintergründigkeit mitteilt (kleine Stadt, viele Autos), während du dich sonst immer darum zu bemühen schienst, etwas Allgemeines in deiner besonderen Geschichte erkennbar zu machen. So nach dem Motto des berühmten Statements von Edgar Degas: „Ein Bild zeigt nicht das, was man sieht, sondern das, was man anderen zu sehen hilft.“

      Mit aufrichtiger Bewunderung

      Deine treue Leserin Beverli

  4. Liebste Beverli,

    hab Dank! Im Schwung meines Schreibflusses mag mir doch fasst entgangen sein, dass hier nur ein weiteres, gelungenes Stück Literatur angepriesen wird. So sei dir, liebste und treue Leserin, verziehen, dass deinem Kommentar zunächst anmutete, er wolle sich über unsere nette Kleinstadt-Annekdote nur lustig machen, während du doch in Wirklichkeit tapfer versuchtest, unsere tristen Gemüter mit dem Abglanz einer wahren Geistesikone zu bestreichen. Dafür spreche ich dir im Namen der gesamten Redaktion meinen Dank aus. Der Schweizer würde nun sagen: <3-ig.
    <3-lichst,
    dein Autor

    • Schon gut, Andreas, Entschuldigung angenommen.

      Und übertreib es nicht mit deinem aufrichtigen Lob. Ich lasse andere einfach gerne teilhaben an meinen schon früh, nämlich schon vor meinem achtzehnten Geburtstag mit spielerischer Leichtigkeit aufgehäuften inneren Reichtümern und spende aus dem Füllhorn meines überlegenen Wissens ganz uneigennützig auch dort, wo ich den Dank nicht sofort, sondern wie hier erst nach ein, zwei kleineren Erläuterungen erwarten kann.

      (,,,)—=^.^=—(,,,)

  5. Hallo Andreas,

    ich finde, du solltest jetzt mal ein paar von deinen schreibenden Kolleg(inn)en anteasern und Kim mit dem einen oder anderen klar argumentierenden Post bei LZ-Online zur Seite stehen. Da geht´s nämlich um etwas, das ganz viel mit euch und eurer Zukunft zu tun hat. (Außerdem, wenn du es geschickt anstellst, könnte sich die Aufmerksamkeit für BEIDE Blogs im Wechsel der Querverweise mächtig erhöhen und damit auch die faktengesättigte Relevanz eures Forums qua lebhafter Schnatterfrequenz auf der berühmte Björn Adam´schen „Brücke in die Gesellschaft“.)

    Los geht´s hier: http://www.landeszeitung.de/blog/blog-jj/286790-im-blog-jj-schreibt-heute-kim-torster-ueber-die-afd-auf-dem-campus-den-protest-und-die-meinungsfreiheit

    • Hallo Flori,

      das hat zwar nichts mit meinem Artikel zu tun, aber trotzdem danke für deinen Hinweis.

      Für die, die es noch nicht wissen. Kim hat einen Blog-Eintrag auf der LZ-Seite geschrieben und freut sich seit dem über die lebhafte und phantasievolle Diskussion in der wie gehabt niveauvollen Kommentarspalte.

      All jene, die gerne ihren Senf dazu geben wollen, dürfen das mit unserem ausdrücklichen Wohlwollen via oben genanntem Link tun.

      Herzlichst,

      euer und insbesondere Floris

      Autor

Schreibe einen Kommentar