Das MS Dockville 2018 – Der 105. Stadtteil von Hamburg
Ausprobiert

Das MS Dockville 2018 – Der 105. Stadtteil von Hamburg

Das Festival mit Kunst und Musik fand zum zwölften Mal in Hamburg-Wilhelmsburg vom 17.-19.08.2018 statt. In dem fiktiven 105. Stadtteil feierten die Menschen ausgiebig. Wir waren dabei und erzählen etwas über die Atmosphäre und das Programm.

Bühne Vorschot beim Dockville – Foto: Christopher Bohlens

Das MS Dockville mit knapp 60.000 Besuchern und 140 Künstlern bietet das Besondere: Mitten im Industriegebiet gelegen, mit der Kulisse vom Hafen und Industrie, Atemberaubend in der Natur und dazu noch die Verbindung mit der Kunst. Bereits im Vorfeld zum MS Dockville fanden verschiedene Veranstaltungen statt, so das MS Artville,welches die Urban Art Kunstwerke in den Mittelpunkt stellte oder das Spektrum, ein Festival für Beat-Kultur oder das Slamville für Poetry-Slam.

Überblick über das Gelände, im Hintergrund Industrie – Foto: Christopher Bohlens

Die internationalen Künstler*innen lebten und arbeiteten beim MS Artville auf der Elbinsel Wilhelmsburg. Das Festival fand auf einem Gelände der Hansestadt Hamburg statt, das seit Jahren genutzt wird und wo die Kunstwerke stehen bleiben oder modifiziert werden. Somit stand das Motto für 2018 unter dem eines neuen Stadtteils für Hamburg. Los ging es bereits am Donnerstag mit dem Warm-Up, das gesamte Gelände kam am Freitag zum Vorschein.

Besucher bei Nacht – Foto: Christopher Bohlens
Chapel of Love – Heiraten (Nicht offiziel anerkannt) für 10 Euro inkl. Ringe, Urkunde und Verkleidung – Foto: Christopher Bohlens
Nachts läuft die Musik – Foto: Christopher Bohlens

Der 105. Stadtteil für ein ganzes Wochenende

Das Highlight bietet das Festival selbst: Es verwandelt die Elbinsel in Tanzfläche, Spielplatz und Zuhause in einem. Dabei standen Musikrichtungen wie Indie-Rock, Elektro, Hip-Hop und Experimental im Vordergrund mit Newcomern und Headlinern. Eine Menge zu entdecken gab es auf dem verwinkelten und urbanen Gelände allemal. Die Campingplätze waren benachbart, versteckt in der Vegetation und verwinkelt. Zur Sicherheit waren auch feste Grillplätze eingerichtet.

Gelände mit Vegetation vom MS Dockville – Foto: Christopher Bohlens

Es gab zwei große Bühnen mit den maritimen und maschinellen Namen „Grossschot“ und „Vorschot“ und weitere Bühnen wie in Containern mit „Maschinenraum“, „Butterland“, „Nest“, „Tiefland“ „40FT Disko“ und mehr. Hinzu kamen zahlreiche Buden mit lokalen und überregionalen Speisen, einer guten Mischung aus veganem und vegetarischen Essen. Die Preise waren niedriger als bei anderen Festivals, hier die 0,5 Liter Cola für 3,50 Euro. Perfekt konnte anhand der Dockville-App navigiert werden, die auch eine Übersicht über das Programm und Kunstwerke bot.

Tanzen und Feiern bei MS Dockville – Foto: Christopher Bohlens

Das besondere Extra

Das MS Dockville ist nicht nur Musik und Kunst, sondern auch politisch, zeitgemäß und gesellschaftskritisch. Aktuelle Themen fanden sich auf der einen Seite durch die Kunstwerke wieder, wie Robin Gommels Werk der Festung Europa mit 1,4 Mio. Euro gehäckselten Euro-Banknoten und der Europa-Flagge mit dem fehlenden britischen Stern aber auch die die Anwesenheit von NGOs wie SOS Mediterranee oder Sea-Watch, um auf die Miesere auf den Meeren aufmerksam zu machen. Das Zentrum für Politische Schönheit, einem Bündnis aus Aktions-Künstler*innen, stellte ihre Aktionen vor, wie den Nachbau des Holocaust-Denkmals vor Björn Höckes Wohnhaus. Nebenbei suchen sie nach neuen Spendern für zukünftige Aktionen, im November soll das nächste Werk veröffentlicht werden.

Werk von Robin Gommel – Foto: Christopher Bohlens
Das Zentrum für politische Schönheit – Foto: Christopher Bohlens
Auch eine Möglichkeit eine neue WG zu finden – Foto: Christopher Bohlens

Interaktivität mit Kunst, Firmen und NGOs

Einige Kunstobjekten luden zur Interaktivität ein, wie das Werk von #AB, in dem man die technisch überholte SMS an eine Nummer sendete, die einen Drucker steuerte, dieser sie auf Thermotransferpapier druckte und bereits nach einigen weiteren Nachrichten durch ein Bügeleisen wieder auslöschte. Ein Spirituosen-Hersteller und ein Zigaretten-Hersteller luden zum Basteln von Mode Accessoires ein. Auf einem Markt waren einige Designer für Mode vertreten. Als aber auch Vereine wie der Frauen Not Ruf, der zum Thema K.O.-Tropfen aufklärte oder proFamilia wo Menschen ihre Meinung zum § 219a StGB (Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft) aufschreiben konnten.

Basteln beim Zigaretten-Hersteller – Foto: Christopher Bohlens
Kunstwerk von #ab – Foto: Christopher Bohlens

Kunstvermittlung

Für alle Besucher*innen, die das MS Dockville zum ersten Mal besuchten, gab es stündliche Führungen ohne Anmeldung über das Gelände mit all seinen Kunstwerken, so wurde in der rund einstündigen Führung eine wesentliche Auswahl von rund 18 Kunstwerken gezeigt. Hintergründe des Kunstwerkes und des Künstlers erläutert und einige Kunstwerke auch selbst erlebbar gemacht. In einem Kunst-Postamt konnten Postkarten und Briefmarken gekauft werden. Mittels Lichtstrahlern wurde ein PONG-Spiel auf ein Gebäude gegenüber projektziert, gesteuert wurde per Mikrofon.

Rundgang zur Kunstvermittlung – Foto: Christopher Bohlens
Postkarten kaufen und direkt verschicken lassen – Foto: Christopher Bohlens
Pause im Gelände – Foto: Christopher Bohlens
Kunstwerke im Gelände – Foto: Christopher Bohlens

Party bis zum Morgengrauen

Genau richtig bist du, wenn du bereits mit Glitzer im Gesicht oder am Körper trägst, aber keine Sorge, mehrere Stände boten auch an sich dem MS Dockville-Style anzupassen. Die Nächte wurden lang, aber nicht einsam wie auf der hohen See. In der Luft flogen Kunstwerke aus Schaumblasen. Programm auf den großen Bühnen bis Mitternacht, danach anschließend auf den mehreren kleinen, teilweisen versteckten Bühnen und Locations auf dem Gelände bis 6 Uhr morgens. Es ging bis montags um 6 Uhr und somit konnte man direkt vom Festival in den Arbeitsalltag der Woche einkehren. Abends war die Atmosphäre durch den Einsatz von Licht in der Vegetation atemberaubend, dazu trugen auch die zahlreichen kleinen Trampelpfade bei. Gerade am Abend lag ein süßlicher Geruch der verbotenen Substanzen in der Nase.

Sonnenuntergang beim MS Dockville – Foto: Christopher Bohlens
Stimmung am Abend beim MS Dockville – Foto: Christopher Bohlens

Was noch besser geht

Für die Zukunft gibt es aber noch Verbesserungspotenzial, gerade bei dem enormen Wachstum der Besucher. So fehlten mehr kostenfreie Trinkwasserstellen oder Handwaschmöglichkeiten nach dem Toilettengang und etwas Security kann auch auf dem Weg zur Bushaltestelle und an der Haltestelle nicht schaden, gerade um auch die Mengen an windigen Geschäftsleuten in den Griff zu halten, die noch Eintrittsbänder zum Weiterverkaufen abschneiden wollten. Da das Gelände durch eine Straße getrennt ist, waren die kurzfristigen Sperrungen nervig, zeigten aber so den betrieblichen Alltag im Industriegebiet.

Selbstgemachte Schnäpse – Foto: Christopher Bohlens
Große Bühne beim Dockville – Foto: Christopher Bohlens

Fazit

Die Location im Industriegebiet auf der Elbinsel Wilhelmsburg ist atemberaubend, bei jedem Gang durch das Gelände gab es immer wieder etwas Neues zu entdecken. Die Bühnen, die Kunst und die Besucher fügen sich allesamt gut zusammen. Die Dekoration und der Einsatz von Licht in der Nacht machen das Festival einzigartig. Was vor zwölf Jahren noch mit rund 5.000 Besuchern begann, hat heute nun 60.000 Besucher. Die Besucher tragen zu der Faszination des Festivals bei durch ihr Interesse an der Musik, der Kunst und ihre lockere Art. Insgesamt ein großer Abenteuerspielplatz. Karten gab es mit und ohne Camping sowie auch Tageskarten.

Das nächste MS Dockville wird vom 16-18. August 2019 stattfinden, der Vorverkauf startet am 07. Oktober 2018. Tickets gibt es hier.

Weitläufiges Gelände – Foto: Christopher Bohlens
Kleine Bühne mit Nähe zum Künstler – Foto: Christopher Bohlens
Kult beim MS Dockville – Erobique – Foto: Christopher Bohlens
Oscar and the Wolf – Foto: Christopher Bohlens

Transparenz: Der Eintritt erfolgte kostenfrei durch den Veranstalter.

Titelbild: Christopher Bohlens

7. September 2018

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Christopher Bohlens