Berlin ist tot, es lebe Berlin

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Berlin gilt so ziemlich als einziger hipper Ort Ostdeutschlands, zumindest für Menschen, die das Wort hip noch für cool und über das Wort cool sagen, es ballert. Dabei ist Berlin lange nicht mehr der das, zu was es von authentisch-hedonistischen Spätadoleszenten gemacht wurde. Denn auch in Berlin hat mittlerweile das Spießertum Einzug gehalten, und das nicht nur unter ebenso zugezogenen wie zugeknöpften Schwaben.

Berlin Hipster / (C) flickr – ais3n

Denn auch die junge kreative Elite Berlins ist längst nicht mehr authentisch, hat sich längst angepasst, wie ich bei einem Gespräch mit einem von mir zunächst als typischem jungen und kreativen Berliner angesehenen Kurzzeit-Mitbewohner herausstellte. Zwar war er jung, auch als kreativ konnte man ihn bezeichnen, doch typischer Berliner – oder vielmehr das, was man sich unter einem typischen Berliner außerhalb Berlins noch etwas romantisch-angeekelt vorstellt – war er nicht. Und das trotz seines Wohnortes: Berlin.

Denn dieses Exemplar trug zwar Röhrenjeans, bewusst modern-unmorderne Brille und feierte in den Szeneclubs der Stadt, bei genauerem Hinhören kam jedoch der Spießer in ihm durch.

Mit der üblichen dezent versteckten Arroganz aller Menschen aus Neustadt am Rübenberge oder Zschopau, die mehr als einen Monat zwecks Praktikum in Berlin verbracht haben, berichtete er mir vom Lebensgefühl und von all den abgefahrenen Sachen, die man in Berlin so machen könne: Biertrinken, sitzen (auf Dächern!), Bier trinkend an Straßenecken sitzen (ohne Dächer!), oder Hauspartys feiern und dabei Bier trinkend zufällig Persönlichkeiten wie den Bachelor von vor zwei Jahren treffen (einfach so, unter Dächern von Freunden!).

Begeistert ließ ich mich darauf ein: Muss echt cool sein, über den Dächern Berlins zu sitzen, zu grillen und die Seele baumeln zu lassen. Doch mehr als Bier trinken gehe auf seinem Hausdach leider nicht, Grillen sei verboten, Brandschutz, verstehe, und vor allem mag es der Vermieter gar nicht.

Auch das mit dem baumeln Lassen der Seele sei so eine Sache, schließlich ist die Wohnung teuer und es gebe in Berlin halt mehr junge Kreative als kreative junge Jobs. Da muss man schon konkurrenzfähig bleiben. Bereits etwas verunsichert fragte ich: Und was ist dann mit Drogen? Wenigstens ein bisschen kiffen? Ab und an mal eine Line Speed? Nein, nein, auch das eigentlich nicht. Zwar rauche er ab und an bei seinem Mitbewohner einen Joint mit, aber so hängen bleiben wie der, nein danke.

Und dann erst die Wohnungssituation. Jede noch so kleine Klitsche wird gehütet wie ein Schatz. Partys sind gar nicht gern gesehen, das vielleicht der Grund für die möglichst unauffälligen Feiern auf dem Dach.  Traurig: Gäbe man diesem jungen Exemplar Mensch viel Geld in die Hand, er würde wohl eine Eigentumswohnung in einem aufstrebenden Stadtteil kaufen.

Was bleibt also den Influencern und digital natives, den Designern und Bloggern? Sie ziehen weg, nach Leipzig zum Beispiel, das neue Berlin. Oder vielleicht nach Duisburg, arm, hässlich, dort will keiner sonst hin, perfekte Voraussetzungen also. Aber auch Duisburg wird irgendwann zu mainstream sein, zu gentrifiziert und hip und nicht mehr dreckig. Was bleibt also denen, die Berlin mal zu dem gemacht haben, was es heute nicht mehr ist? Sie warten. Warten in Berlin, bis Leipzig das neue Berlin, Duisburg das neue Leipzig und dann endlich Berlin wieder das neue Duisburg geworden ist. Und dann werden sie eine Zeit lang wieder zuerst dagewesen sein, nicht untergehen im Meer der Trendtouristen. Dann sind sie endlich wieder cool.

Autor: Ernst Jordan