Teilprojekt 2 – Agro-Gentechnik

 

Ausgangspunkte und Problembeschreibung

Der Einsatz und die Etablierung von Agro-Gentechnik sind höchst umstritten. Der Streit um Chancen und Risiken gentechnisch veränderter Pflanzen wird auf verschiedenen Ebenen und in unterschiedlichen Bereichen ausgetragen: Es geht um Marktzugang und -anteile, um institutionelle Rahmenbedingungen und Forschungsmittel. Und schließlich geht es auch um gesellschaftliche Akzeptanz, lehnt doch nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung Europas gentechnisch veränderte Lebens- und Futtermittel ab.

Die Industrialisierung und Technisierung der Landwirtschaft haben mit der Entwicklung und dem Einsatz der Agro-Gentechnik eine neue Qualität erfahren: Die technische Veränderung von Natur nimmt in ihrer Eingriffstiefe zu. Substantielle Eigenschaften des Lebendigen (etwa Vertilität und Diversität) geraten damit in Gefahr. Die ökologische Wirkungspfadanalyse, die im Rahmen des Sozial-ökologischen Forschungsprojektes GeneRisk (2007a) erstellt wurde, kommt zu dem Ergebnis, dass der Anbau transgener Nutzpflanzen (also Pflanzen, in die Gene aus anderen Arten eingeschleust wurden wie z. B. beim B.t.-Mais) auf allen Organisationsebenen des Ökosystems Umwelteffekte verursacht. Bereits 2004 ergab eine Bestandsaufnahme des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen, dass die größten Risiken durch den Einsatz von Gentechnik im Bereich der Schäden für die Umwelt und der Beeinträchtigung der gentechnikfreien Landwirtschaft, insbesondere des ökologischen Landbaus, lägen. Die ungeklärten Risiken betreffen in gleichem Maße gentechnisch veränderte Energiepflanzen, die für die boomende Bioenergieerzeugung angebaut werden.

Obgleich im Zusammenhang mit dem Einsatz von gentechnisch veränderten Pflanzen Fragen aufgeworfen werden, welche Landwirtschaft, welche Natur, welche Lebensmittel-, Futtermittel- und Energieproduktion eine Gesellschaft mit Hilfe welcher Technik gestalten will, die nach einer öffentlich verantworteten Entscheidung verlangen, stehen dafür kaum Aushandlungsräume bereit. Mit dem Ende des EU-Moratoriums, das den Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen bis 2004 aussetzte, und der Entwicklung und Einführung des Koexistenz-Konzeptes, welches das gleichzeitige Bestehen landwirtschaftlicher Systeme mit und ohne gentechnisch veränderten Pflanzen zum Ziel hat, zeichnet sich eine Verschiebung der Konflikte in die jeweiligen ländlichen Räume der einzelnen Staaten ab. Dort muss nun die umstrittene Frage nach Koexistenz ausgetragen werden.

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Forschungsfragen

  • Welche Verständnisse in Bezug auf Natur, Politik, Ökonomie, Macht und Herrschaft, Geschlechterverhältnisse, Effizienz-, Suffizienz- und Konsistenzstrategien, Zeit, Wissen und Reflexivität werden in den zentralen politischen Dokumenten und Gesetzen zu Agro-Gentechnik auf EU- und nationaler Ebene (Deutschland und Polen) zugrunde gelegt? Welche Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse wird darüber implementiert?
  • Welche Positionen lassen in Bezug auf das von PoNa zugrunde gelegte Nachhaltigkeitsverständnis herausarbeiten?
  • Welche gesellschaftlichen Naturverhältnisse bringt eine Politik hervor, die sich am Konzept der Koexistenz orientiert? Welche Zielkonflikte ergeben sich aus dem Nebeneinander von gentechnikfreier und Gentechnik anwendender Landwirtschaft? Wie wird in der politischen Praxis mit diesen Konflikten umgegangen?
  • Welche Kooperations- und Konfrontationsformen werden im Politikfeld Agro-Gentechnik sichtbar?
  • Welche Rolle spielen Symbole in der Auseinandersetzung um Agro-Gentechnik? Vor allem: Welcher Bilder bedienen sich die Agro-Gentechnikgegner/innen und welche Naturverständnisse und Entwürfe von Naturgestaltung werden darin sichtbar?
  • Welche Bedeutung haben ökologische Landwirtschaft sowie Netzwerke, die sich für gentechnikfreie Regionen aussprechen, für die nachhaltige Erhaltung und Gestaltung von Natur und welchen Beitrag leisten sie zu sozio-ökonomischen Entwicklungen der ländlichen Räume?

 

Qualifizierungsarbeiten

Daniela Gottschlich

Arbeitstitel der Habilitation: „Politiken nachhaltiger Naturgestaltung als Beitrag zur Demokratisierung der Demokratie – Agro-Gentechnik im Mehrebenensystem“

Beate Friedrich

Arbeitstitel der Dissertation: „Lokale Konflikte um die Gestaltung gesellschaftlicher Naturverhältnisse am Beispiel von Agro-Gentechnik“

Yen Sulmowski

Arbeitstitel der Dissertation: „Genetisch, politisch und wissenschaftlich modifizierte Organismen. Problematisierung der Wissenskonstruktion im Agro-Gentechnik-Diskurs in Polen“

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