Kommunikationstheorien

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Es gibt nicht die eine allgemein gültige Kommunikationstheorie, sondern verschiedene Betrachtungsweisen der Kommunikation. Kommunikation ist vielmehr ein Oberbegriff, der in verschiedene Perspektiven und Theorien aufgesplittet wird. Die drei wichtigsten sind die naturwissenschaftliche, die sprachwissenschaftliche und die sozialwissenschaftliche Perspektive. Alle Perspektiven zusammengenommen bilden das große Konstrukt Kommunikation. Jede Perspektive hat ihren eigenen Blickwinkel und ihre Gültigkeit in ihrem Bereich.


Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] 1 Perspektiven von Kommunikation

Im Folgenden sollen die drei großen Richtungen, die naturwissenschaftliche, die sprachwissenschaftliche und die sozialwissenschaftliche Perspektive nach Beck (2007), Burkart (2002) und Krallmann/ Ziemann (2001) aufgenommen und kurz erläutert werden.

[Bearbeiten] 1.1 Naturwissenschaftliche Perspektive

Die naturwissenschaftliche Perspektive untersucht den Zusammenhang von Kommunikation und Informationsübertragung. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die störungsfreie Übertragung von zu vermittelnden Zeichen und nicht die Bedeutung dieser Zeichen. Es geht hier hauptsächlich darum, die technischen Übertragungswege effizient zu nutzen, während weder die Art der Information noch deren Bedeutung oder Sinn eine Rolle spielen. Was und wieviel der Mensch von der Botschaft versteht, ist unerheblich. Dieser Begriff von Kommunikation ist zwar für die Analyse sozialer Kommunikationsprozesse nur sehr bedingt brauchbar, jedoch gilt das in diesem Ansatz enthaltene Prinzip der Kodierung - Dekodierung, also Ver- und Entschlüsselung, als konstitutives Merkmal aller Kommunikation (vgl. Beck, 2007: 17ff.; Krallmann/ Ziemann, 2001: 21 ff.).

Verschlüsselung bedeutet, dass etwas zu Übertragendes vom Sender in eine bestimmte übertragbare Form, zum Beispiel ein Signal, verwandelt werden muss, um es an einen Empfänger weitergeben zu können. Entschlüsselung ist dann der genau umgekehrte Prozess, in dem das, was empfangen wurde, in seine Bedeutung zurückverwandelt wird. Es soll beispielsweise das Wort 'Stuhl' (Botschaft) von einer Person zu einer anderen weitergegeben werden. Die Person (Infoquelle) spricht es also in das Mikrofon eines Radiosenders (Sender/Transmitter). Dort wird es in Radiosignale (Signal und ankommendes Signal) verschlüsselt, über Radiowellen (Kanal) an ein Radio (Empfänger) vermittelt, dort wieder zum Wort 'Stuhl' (Botschaft) entschlüsselt und vom empfangenden Menschen (Ziel) gehört. Dieser Weg ist im Idealfall störungsfrei, kann aber auch durch die verschiedensten Faktoren wie zum Beispiel Lärm gestört werden.

Nicht nur die technische Komponente der Kommunikation sondern auch die Erforschung von Kommunikation zwischen Tieren und auch Organen beziehungsweise Zellen fallen in diesen Bereich. Diese Prozesse sind insofern wichtig für die Humankommunikation, als dass sie Voraussetzungen, notwendige Bedingungen oder den Rahmen menschlicher Kommunikation darstellen (vgl. Beck, 2007: 18; Krallmann/ Ziemann, 2001: 8).

Vertreter dieser Theorie sind vor allem Shannon und Weaver, welche in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts eine Theorie zur technischen Signalübertragung von Sender zu Empfänger mit Störung entwickelt haben.

Bild:Botschaft.jpg


Kommunikationsmodell nach Shannon und Weaver, eigene Darstellung nach Beck, 2007:18


Shannon und Weaver ging es darum, mit mathematischen Mitteln eine fehlerfreie und ökonomische Übertragung eines Signals von der Nachrichtenquelle (Mensch) über den Sender (Technik) hin über den Empfänger (Technik) zum Nachrichtenziel (Mensch) darzustellen. Bei dem Übertragungsprozess kommt es aber durchaus zu Störungen, die hier rein technischer Art, wie zum Beispiel Lärm, sind. Diese Störung kann ebenfalls und zusätzlich durch Phänomene des Nicht-Verstehens hervorgerufen werden, die im Bereich der sprachwissenschaftlichen und sozialwissenschaftlichen Perspektive angesiedelt sind. Die Bedeutung der Nachricht ist hier in dieser Perspektive nicht relevant, relevant sind hier die Schwierigkeiten, die Störfaktoren bei der Übertragung der Nachricht von einem Ort zum anderen verursachen (vgl. Krallmann/ Ziemann, 2001: 23-24).


[Bearbeiten] 1.2 Sprachwissenschaftliche Perspektive

Die sprachwissenschaftliche Perspektive ist in dem Bereich der Semiotik angesiedelt und beschreibt die nach Krallmann/ Ziemann zwar nicht notwendige, aber doch sehr wichtige Komponente von Sprache und Sprechtätigkeit im Kommunikationsprozess. Das, was von Mensch zu Mensch vermittelt werden soll, muss in eine vermittelbare Form gebracht werden. Eine Mitteilung kann erst dann entstehen, wenn Mittel vorhanden sind, mit deren Hilfe Bedeutungen und Botschaften Gestalt annehmen können (vgl. Burkart, 2002: 35).

Dabei ist es grundlegend, dass die miteinander Kommunizierenden einen gemeinsamen Vorrat an Zeichen besitzen, um sich verständigen zu können. Alle Kommunikationsteilnehmer müssen die benutzten Zeichen in gleicher Weise verstehen können. Haben die gemeinsam benutzten Zeichen unterschiedliche Bedeutungen, kann keine Kommunikation stattfinden. 'Stuhl' muss also 'Stuhl' bedeuten und nicht ohne Vereinbarung 'Tisch'. Dies kann ebenfalls das Problem bei Übersetzungen sein, wenn vorausgesetzt wird, dass ein Wort in einer Sprache die gleiche Bedeutung wie in einer anderen hat. Ein Beispiel: Cultural Studies im Englischen sind nicht gleich Kulturwissenschaften im Deutschen. Die Zeichen- beziehungsweise Symbolverwendung des Menschen unterscheidet sich dabei qualitativ und grundlegend von Input-Output-Prozessen programmierter Maschinen ebenso wie von den Zeichenprozessen, die im Tiereich anzutreffen sind (vgl. Beck, 2007: 22-27).

Beispielhaft sollen hier als Vertreter der sprachwissenschaftlichen Perspektiven Karl Bühler (1934), John L. Austin (1972) und auch H. Paul Grice (1989) genannt werden (vgl. Krallmann/ Ziemann, 2001).

[Bearbeiten] 1.3 Sozialwissenschaftliche Perspektive

Die ersten beiden Perspektiven betrachten Teilaspekte der Kommunikation, das heißt die technische Übertragung von Informationen und Verschlüsselung dessen, was vermittelt werden soll, nicht aber den gesellschaftlichen Kontext. Die sozialwissenschaftliche Perspektive betrachtet Kommunikation in ihrer grundlegenden Rolle für die Existenz und Funktion von Gesellschaft. Sie entwirft eine Kommunikationstheorie der Gesellschaft oder der Interaktion. Sie beschäftigt sich also grundsätzlich mit der Face-to-Face-Situation in der interpersonalen Kommunikation im weiteren aber auch mit Kommunikation durch Medien.


"Ein sozialwissenschaftliches Modell muss erklären, wie wechselseitige Verständigung zwischen Menschen möglich ist, aber auch, warum es zu Missverständnissen kommen kann, obwohl die technische Signalübertragung störungsfrei funktioniert hat." (Beck, 2007: 29)

Das bedeutet, Menschen können sich missverstehen, obwohl es zu keinerlei äußeren Störung (= technische Störung, sowohl Lärm als auch semiotische Probleme) bei der Kommunikation gekommen ist. Die Gründe für dieses Nicht-Verstehen werden von der Kommunikationswissenschaft in Erklärungsansätzen aus der Soziologie und Sozialpsychologie gesucht, genauer im Symbolischen Interaktionismus, der Handlungstheorie und der verstehenden beziehungsweise phänomenologischen Soziologie.

Diese Ansätze dienen der Erforschung des menschlichen Zusammenlebens und des menschlichen Verhaltens, wobei die Handlungstheoretiker wie Max Weber jegliche Regung eines Organismus als Verhalten bezeichnen.

In der sozialwissenschaftlichen Perspektive spielen neben der verbalen auch die nonverbale Kommunikation eine große Rolle und es existieren verschiedene konstruktivistische Alternativen, die hier auch nur sehr kurz angesprochen werden sollen (vgl. Beck, 2007: 29-39; 46-49).

[Bearbeiten] 1.3.1 Der symbolische Interaktionismus

Die Theorie des symbolischen Interaktionismus sagt aus, dass Menschen 'Dingen' gegenüber auf der Grundlage von Bedeutungen handeln, die diese Dinge für sie besitzen. Die Bedeutung dieser Dinge entsteht durch soziale Interaktionen, die mit den Mitmenschen eingegangen wird. Menschen verändern ihre Wirklichkeit durch soziale Interaktion ständig und erschaffen sie neu, indem sie gemeinsam Symbole produzieren, die so als Orientierungs-, Koordinierungs- und Regelgrundlage dienen. Diese Symbole können aber jederzeit revidiert und neu ausgehandelt werden. Auf diese Weise können durch gemeinsame Interaktionen Neuschöpfungen von Begriffen entstehen, die es bisher so nicht gegeben hat (vgl. Burkart, 2002: 51f.; Krallmann/ Ziemann, 2001: 210).

[Bearbeiten] 1.3.2 Die Handlungstheorie

In der Handlungstheorie wird zwischen bloßem Verhalten und Handlung unterschieden. So ist für Max Weber Verhalten gleichbedeutend mit jeglicher Regung des Organismus. Dabei ist es nicht relevant, ob diese Regung beobachtbar ist oder nicht, also im Innern stattfindet.

Soziales Verhalten lässt sich sowohl im Tierreich als auch beim Menschen und in konkreten menschlichen Kommunikationssituationen finden.

Tiere haben Verhalten, Handlungen sind allein den Menschen vorbehalten, da sie ein Bewusstsein, einen Entschluss und eine bestimmte Absicht voraussetzen; Handlungen sind also intentional. Die sozial Handelnden agieren, da sie bestimmte Absichten haben und ihr Gegenüber zu bestimmten Reaktionen bringen möchten. Erfolgen diese intentionalen Handlung mit Hilfe von Symbolen, sprechen wir von symbolischer Interaktion. Bei der dadurch entstandenen kommunikativen Handlung verfolgen die Akteure die Intention, sich mit ihrem Gegenüber zu verständigen und ihm etwas mitzuteilen (vgl. Beck, 2007: 32-34).

[Bearbeiten] 1.3.3 Die verstehende phänomenologische Soziologie - Verstehen und Fremdverstehen

Die phänomenologische Soziologie beschäftigt sich mit dem Problem des wechselseitigen Verstehens. Fremdverstehen unterscheidet sich, wie Alfred Schütz meint, grundsätzlich von der Selbstauslegung der eigenen Erlebnisse, und Fremdverstehen bleibt damit zwangsläufig unvollständig, diskontinuierlich und zweifelhaft: "Der Deutende gewinnt nur Näherungswerte an das vom Redenden Gemeinte." (Schütz zit. n. Beck, 2007: 36) Dabei richtet sich die Intention der Verstehenshandlung nicht nur darauf, was ein Zeichen oder Wort bedeutet, sondern was es für den bedeutet, der das Zeichen oder Wort hervorgebracht hat. Die Intention der Verstehenshandlung ist also nicht auf die objektive Bedeutung gerichtet, sondern - wie es für soziale Handlungen typisch ist - auf den subjektiv gemeinten Sinn. Es handelt sich um Kommunikation zweier Kommunikationspartner, die nicht die gleiche Auslegung dessen haben, was der andere gemeint haben könnte. Nicht jeder Zeichenprozess zwischen Menschen erfüllt demnach alle Definitionskriterien von Kommunikation. Es gehört eben ein bestimmtes Wissen um die Unterschiedlichkeit der Bedeutungen zur Kommunikation dazu. Zeichen alleine genügen nicht, es ist ebenso nötig, dass diese Zeichen zumindestens eine ähnliche Bedeutung haben (vgl. Beck, 2007: 36-37).

[Bearbeiten] 1.3.4 Konstruktivismus

Die Radikalkonstruktivisten gehen aufgrund von kognitionspsychologischen und neurobiologischen Befunden davon aus, dass das Verstehen von Sinn durch die Beschaffenheit des kognitiven Systems bestimmt wird. Demnach lassen sich nicht Informationen oder Bedeutungen übermitteln, sondern Signale oder Reize, welche intern, 'im Kopf' erzeugt werden. Es kommt also auf das bestehende Wissen und das bereits Gelernte an, wie was verstanden wird. Die Tatsache, dass Menschen über ein gemeinsames biologisches Erbe, sowie innerhalb einer Gesellschaft auch über kulturelle und soziale Gemeinsamkeiten verfügen, macht ein Verstehen möglich, obwohl Kommunikation ein sehr unwahrscheinlicher und voraussetzungsvoller Prozess ist. Die Kommunikation wird hier der Theorie der autopoietischen, der sich selbst schaffenden und erhaltenden Systeme zugeordnet, die jedoch in der Sozial- und Kommunikationswissenschaft unterschiedlich angewendet werden.

[Bearbeiten] 2 Zusammenfassung

Humankommunikation ist mehr, als es das einfache Transportmodell in der naturwissenschaftlichen Perspektive von Shannon und Weaver darstellt. Es kann nicht erklären, dass und wie wir uns wechselseitig verstehen. Es ist aber von Bedeutung für die Kommunikation, da es den grundlegenden Weg aufzeigt, wie ein Signal von A nach B gelangt und welche Probleme dabei auftauchen können.

Die Wichtigkeit der Bedeutung der vermittelten Signale versucht die sprachwissenschaftliche Perspektive aufzuzeigen. Das zu Vermittelnde zwischen Menschen wird mit unterschiedlichen Signalen und Zeichen weitergegeben, die aber von den Kommunikanten nur dadurch verstanden werden können, wenn sie diesen auch die gleiche Bedeutung zumessen. Diese Perspektive macht deutlich, warum es zu Störungen und Unverständnis in der Kommunikation kommen kann, wenn Menschen mit Signalen unterschiedlicher Bedeutungsinhalte kommunizieren.

Die gesellschaftswissenschaftliche Perspektive baut auf die beiden ersten auf, verbindet sie miteinander und weitet sie noch aus. Hier wird deutlich, dass Menschen intentional agieren, also mit der Absicht, sich wechselseitig etwas mitzuteilen, um einen Prozess auszulösen. Indem sie sozial interagieren, also miteinander handeln, verändern sie auch den Bedeutungsgehalt dessen, was sie sich mitteilen wollen. Dabei besteht die Schwierigkeit, dass Menschen auf der Grundlage der Bedeutung handeln, die gewissen 'Dinge' für sie haben. Je größer also die Gemeinsamkeiten zwischen den Kommunikanten, desto eher die Wahrscheinlichkeit einer funktionierenden Kommunikation.

Zusammenfassend kann also gesagt werden, dass Verständigung nur dann zustande kommt, wenn beide Kommunikationspartner sowohl die sprachlichen Zeichenkombinationen als auch die gesetzten sprachlichen Handlungen annähernd identisch interpretieren. Beispiel: das Bild eines Baumes ist für einen Deutschen nicht genau das gleiche wie für einen Massai. Trotzdem verstehen sie sich, wenn sie von 'Baum' reden, da der geteilte Zeichenvorrat für eine gelungene Kommunikation groß genug ist, dass es keine Rolle spielt, wie der Baum nun aussieht .

[Bearbeiten] 3 Literaturempfehlungen

  • Blumer, Herbert (1973): Der methodologische Standort des Symbolischen Interaktionismus. In: Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen (Hrsg.): Alltagswissen, Interaktion und gesellschaftliche Wirklichkeit. Bd.I: Symbolischer Interaktionismus und Ethnomethodologie. Reinbek: Rowohlt
  • Habermas, Jürgen (1981): Theorie des kommunikativen Handelns. 2 Bde. Frankfurt a.M.: Suhrkamp
  • Luhmann, Niklas (1981): Die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikation. In: ders.: Soziologische Aufklärung Bd. III: Soziales System, Gesellschaft, Organisation. Opladen: Westdeutscher, S. 25-34
  • Luhmann, Niklas (1995): Wie ist Bewusstsein an Kommunikation beteiligt? In. ders.: Soziologische Aufklärung. Bd. VI: Die Soziologie und der Mensch. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 37-54
  • Luhmann, Niklas (1995): Was ist Kommunikation? In. ders.: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Opladen: Westdeutscher Verlag. S. 113-124

[Bearbeiten] 4 Literaturverzeichnis

  • Austin, John (1972): Zur Theorie der Sprechakte (How to do things with words). Stuttgart: Reclam
  • Beck, Klaus (2007): Kommunikationswissenschaft. Konstanz: UVK.
  • Bühler, Karl (1934): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Jena: Fischer
  • Burkart, Roland (2002): Kommunikationswissenschaft. Wien: Böhlau.
  • Grice, H. Paul (1989): Studies in the way of words. Cambridge (Mass.) u. a.: Harvard
  • Krallmann, Dieter; Ziemann, Andreas (2001): Grundkurs Kommunikationswissenschaft. München: Fink/ UTB.

Autor(en): Kathrin Wenzel – Version vom 18.5.2008

Diesen Artikel zitieren:

Wenzel, Kathrin (18.5.2008): Kommunikationstheorien. In: MedienKulturWiki. Verfügbar über: http://www.leuphana.de/medienkulturwiki/medienkulturwiki2/index.php?oldid=624 [Datum des Zugriffs: Tag, Monat, Jahr].
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