Das andere WIR: Die Anti-Atom-Bewegung ist wieder da.

Beitrag von: Matthias Schröter | gespeichert unter Anti-Atom | 1 Kommentar

Am Ende des Tages steht die wichtigste Nachricht: die größte Anti-Atom-Demo in Deutschland seit dem GAU in Tschernobyl. Die Zahlen schwanken naturgemäß zwischen Polizei- und Veranstalterangaben zwischen 36.000 und 50.000 Menschen. Was mit dem Trecker-Treck ab Gorleben am vergangenen Samstag begann, endete in strahlendem Sonnenschein am Brandenburger Tor in der Hauptstadt: Bunt, jung und alt, viele Menschen, 350 Traktoren, vor allem aus dem Wendland, auf der Straße des 17. Juni.

Protestzug an der Straße des 17. Juni.
Protestzug an der Straße des 17. Juni.

Los geht es am Samstag morgen für über 800 Menschen (die Landeszeitung spricht nun gar von 1.300), darunter fünf campus.grün-Mitglieder, mit dem Sonderzug des VCD. Ein Platz im 1.-Klasse-Coupé wird für die Hinfahrt gesichert, die Stimmung ist gut. Bange Blicke aus dem Fenster: die Wetterverhältnisse werden die Größe der Demo viel mehr bestimmen als die Wahlbeteiligung an verregneten Sonntagen. Noch hält es sich. Der zweite Halt des Zuges in Schnega dauert etwas länger: das Wendland steigt ein. Der Bahnsteig ist für den Sonderzug nicht lang genug, in gerade mal drei von 15 Waggons können die Leute einsteigen. Auf dem kurzen Bahnsteig steht der Kern der Bewegung: Die Anti-Atom-Veteranen aus dem Wendland bringen nun schon ihre Enkel mit zur Demo. Und als der Strom an unserem Abteil einfach nicht abreißen will, fragen wir uns: auf welcher Seite ist die Freude wohl größer? Wir freuen uns, dass alte Menschen jung und in Bewegung geblieben sind und mit uns nach Berlin fahren. Diese lachen zurück und freuen sich wohl, dass eine neue Generation ihr Anliegen forführt, dass wir mit ihnen mitfahren. Ich muss kopfschüttelnd an das Gerede von der sogenannten „bürgerlichen Mehrheit“ denken, die da von Schwarz-Gelb erstritten werden soll. Fahren nicht in diesem Augenblick zigtausend Menschen nach Berlin um ein ureigenes „Bürger“recht wahr zu nehmen? Wen vertreten die dann eigentlich, die da von bürgerlich faseln?

Morgens um acht in Schnega: das Wendland steigt ein.
Morgens um acht in Schnega: das Wendland steigt ein.

In Berlin wird bei jedem durchfahrenen Bahnhof aus dem Zug gejubelt. Einzelne Berliner winken zurück. „Also, wie jesacht, det mit dem Atomstrom kann die Angie gleich ma stecken lassen.“ Wie viele werden sich uns heute anschließen, damit es ne richtig große Sache wird? Aussteigen, orientieren, Anti-Atom-Fahne kaufen. Dann ab zum Kanzlerinamt. „ATOM-ANGIE ABSCHALTEN“ steht auf unserem Transparent, das wir, Gesetzesbrecher, die wir sind, in der Bannmeile hissen. Die Kanzlerin hält sich vornehm zurück, weicht aus. Die gleiche Prozedur dann nochmal vor der Legislative, wo wir auf einigen Urlaubsfotos landen („Ich schick das gleich mal an meine Lokalzeitung, klasse, viel Glück wünsch ich Ihnen.“) und dann sehr freundlich, aber bestimmt, von zwei Berliner Polizisten gebeten werden, unser Transparent erst wieder auf der Hauptstrecke zu entrollen.

campus.grün protestiert vor dem Kanzleramt. Die Kanzlerin zeigte sich auch diesmal zurückhaltend.
campus.grün protestiert vor dem Kanzleramt. Die Kanzlerin zeigte sich auch diesmal zurückhaltend.

Zurück zum Bahnhof, wo auch unabhängigen BeobachterInnen schnell klar wird: der Anti-Atom-Protest ist ampelfarben: Rot-Gelb leuchtet die Anti-Atom-Sonne mit dem 80er-Jahre-Slogan „Atomkraft? Nein Danke!“ von lachenden Gesichtern, Rucksäcken, unzähligen Flaggen und später auch etlichen verschönerten CDU-Plakaten am Rande der Demostrecke. Daneben dominiert eine politische Farbe: grün.

Viele grüne und ein paar rote Fahnen. Hier zum Beispiel die der Schweizer Botschaft.
Viele grüne und ein paar rote Fahnen. Hier zum Beispiel die der Schweizer Botschaft.

Obwohl wir nicht annähernd abschätzen können, wieviele Menschen sich hier rund um den Bahnhofsvorplatz versammelt haben, erste Ernüchterung: das sollen zigtausend sein? Als es dann aber eine dreiviertel Stunde dauert, bis auch wir uns in Bewegung setzen können, wird klar: da vorn wollen einige dazustoßen. Eine überdimensionierte Kanzlerin schaut dem Demozug verschmitzt lächelnd zu: KLUG AUS DER KRISE, ruft es von einem Großflächenplakat, das bereits einige Anti-Atom-Sonnen verpasst bekommen hat, als wir es passieren.

Wir laufen etwa eine Stunde, da kommt die Meldung einer Freundin: stehe noch am Hauptbahnhof – und hinter mir sind immer noch welche. Wir sind hier und wir sind viele! Als wir auf die Straße des 17. Juni einbiegen, zollen wir den Wendländer Bäuerinnen und Bauern Respekt: da gehört schon ein unglaublich starker Wille dazu, die Arbeit eine Woche liegen zu lassen, ihre tonnenschweren Geräte hunderte Kilometer in die Hauptstadt zu befördern und hier den Mittelstreifen kilometerlang in zwei Reihen zuzuparken. DIE haben die Kraft. Und Kreativität dazu. Die Stimmung zwischen Brandenburger Tor und Siegessäule ist friedlich und entspannt. Die Anti-Atom-Bewegung ist wieder da. WIR haben es geschafft. Es ist dies nicht der Pluralis majestatis, den wir noch einige Wochen auf den Angie-Plakaten werden ertragen müssen. Gemeint ist das andere WIR.

Etwa 350 Trecker, vor allem aus dem Wendland.
Etwa 350 Trecker, vor allem aus dem Wendland.
Weitere Eindrücke von der Demo findet ihr hier.


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