Wir haben ein Positions- und Diskussionspapier verfasst, das unsere Idee einer nachhaltigen Hochschule skizziert. Wir laden euch/Sie ein, mit uns zu diskutieren: was ist eine nachhaltige Hochschule – und wie können wir sie gemeinsam aufbauen?
Das Papier kann hier als PDF heruntergeladen werden.
Auf dem Weg zur nachhaltigen Hochschule
- ein Positions- und Diskussionspapier von campus.grün Lüneburg,
der grünen Hochschulgruppe der Uni Lüneburg -
Beim Aufbau einer nachhaltigen Gesellschaft spielen Hochschulen eine entscheidende Rolle. Sie besitzen Vorbildwirkung: hier werden Ideen entwickelt und verbreitet, Studierende werden auf zukünftige Herausforderungen vorbereitet. Die Universität Lüneburg zu einer nachhaltigen Universität weiter zu entwickeln, ist Ziel der grünen Hochschulgruppe campus.grün Lüneburg. Das Prinzip der Nachhaltigkeit besagt, dass wir heute so leben sollen, dass für alle heute und zukünftig lebenden Menschen ein gutes Leben möglich ist. Im Kern erfordert das den Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen und die gerechte Verteilung natürlicher Ressourcen. Dies beinhaltet die gerechte Verteilung von Chancen und Einkommen.
Die Idee einer nachhaltigen Hochschule zu entwickeln verlangt zunächst, ein Begriffsverständnis von Nachhaltigkeit festzulegen. „Nachhaltigkeit“ und „nachhaltig“ wird oft benutzt und oft auch falsch verstanden. Es besteht angesichts der inflationären Verwendung des Begriffes die Gefahr des Abdriftens in die Beliebigkeit. Wir wollen uns beim Begriff „nachhaltige Hochschule“ auf inter- und intragenerationelle Gerechtigkeit stützen, so wie es unter anderem von der Brundtland-Kommission formuliert wurde: Bedürfnisse heutiger Generationen sollen erfüllt werden, ohne dass künftigen Generationen die Möglichkeiten genommen wird, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Wir begreifen Bildung als menschliches Grundbedürfnis, welches unabdingbar für nachhaltige Entwicklung ist, und sprechen uns daher für einen offenen Zugang zu Hochschulen aus. An einer nachhaltigen Universität wollen wir ein Studien- und Arbeitsumfeld schaffen, das dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung förderlich ist.
Eine nachhaltige Hochschule geht schonend mit natürlichen und finanziellen Ressourcen um. Sie geht effizient mit Energie um und hat so mehr Geld für Bildung und Forschung zur Verfügung. Eine nachhaltige Universität schafft eine angenehme Studienumgebung durch einen ruhigen, autofreien Campus sowie möglichst viel Natur auf dem Campus. Studierende und Mitarbeitende der nachhaltigen Universität Lüneburg entwickeln während ihres Studiums und ihrer Arbeit ein umfassendes Verständnis von Nachhaltigkeit. Eine nachhaltige Hochschule ermöglicht im alltäglichen Arbeiten und Studieren Lebensstilveränderungen für nachhaltige Entwicklung. Eine nachhaltige Hochschule gewährleistet die Partizipation und Chancengleichheit der gesamten Universitätsgemeinschaft und unterstützt Diskurse über Inhalt, Ziele und Notwendigkeit nachhaltiger Entwicklung.
Die Universität Lüneburg ist den Weg zur nachhaltigen Universität bereits ein Stück weit gegangen. Sie hat sich Leitlinien zu Nachhaltigkeit gegeben und sich verpflichtet bis 2012 klimaneutral zu arbeiten. Die Lehre und Forschung zu nachhaltiger Entwicklung, ein etabliertes Umweltmanagement, eine Solaranlage sowie das Bio-Essen in der Mensa sind weitere gute Beispiele dafür.
In verschiedenen Bereichen sehen wir jedoch weiteren Handlungsbedarf. Acht Felder sind aus unserer Sicht zu bearbeiten um eine nachhaltige Hochschule zu verwirklichen. Unsere Ideensammlung ist kein reiner Forderungskatalog. Bei einigen der folgenden Vorschläge sind wir als Studierende der Universität selbst gefordert. Manche Dinge liegen allerdings nicht in unserer Hand, sodass wir hierzu den Dialog mit der Universitätsleitung und den Mitarbeitenden in Verwaltung, Forschung und Lehre anstoßen wollen.
1. Nachhaltiger Betrieb
a) Energie und Klima
Maßnahmen zur Einsparung von Wärme und Strom sind voranzutreiben. Denkbar sind hier auch technische Lösungen wie Bewegungsmelder für Licht und eine automatische Heizungsabschaltung bei offenen Fenstern. Erneuerbare Energien sollen auf dem Campus stärker gefördert werden. Vorstellbar sind die weitere Nutzung von Solarenergie zur Stromerzeugung oder zur Deckung des Warmwasserbedarfes in der Mensa. Als grüne Hochschulgruppe begrüßen wir die Absichtserkärung des Präsidiums, ab 2012 Ökostrom zu beziehen. Eventuelle Mehrkosten für erneuerbare Energien sollen mit Energiesparkampagnen begleitet werden. Die angestrebte Klimaneutralität sollte vor allem durch Vermeidung erreicht werden und möglichst ohne Hilfe von Kompensationsmaßnahmen.
b) Abfall und Wasser
Stark verbesserungswürdig ist die Trennung von Abfällen. Diese ist für Studierende bisher kaum möglich und in den Instituten nicht üblich. Einzelne Ansätze – wie das Recycling von CDs und alten Mobiltelefonen – begrüßen wir. Wir setzen uns für die verstärkte Nutzung von Regenwasser, z.B. für die Toilettenspülung, ein.
c) Beschaffung
Wir schlagen eine zentrale Beschaffung nach strengen Nachhaltigkeitskriterien, z.B. für Papier, recycelte Tonerkartuschen und energiesparende Computer, vor. Der Anteil von Recyclingpapier liegt derzeit bei lediglich 36 Prozent, obwohl bereits die Verpflichtung besteht, Umweltgesichtspunkte bei der Beschaffung zu berücksichtigen.
d) Ernährung
Das Angebot der Bio-Mensa soll erweitert werden. Wir setzen uns für die vollständige Umstellung aller Speisen und Getränke auf dem Campus auf Produkte aus ökologischem Landbau ein. Wir fordern ein verbessertes Angebot an Fair-Trade-Produkten. Die Universität und die Studierendenschaft sollten sich dazu verpflichten, für den Eigenbedarf auf ökologische and fair gehandelte Produkte zurückzugreifen.
e) Verkehr
Über Fahrgemeinschaftsbörsen sollten Mitarbeitende und Studierende, die die Uni nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichen, MitfahrerInnen oder Mitfahrgelegenheiten finden. An die Stadt Lüneburg geht unsere Forderung einer weiteren Verbesserung des bereits ausgebauten Busverkehrs und sicheren Radwegen in der Stadt, damit die Nutzung des Fahrrads kein Hindernis darstellt. Ein autofreier Campus ist unser Ziel.
f) Campusgestaltung und Bau
Der Campus sollte möglichst naturnah gestaltet werden. Wir wünschen uns eine Entsiegelung versiegelter Flächen. Bisher wird ein zu hoher Anteil des Campus für Parkflächen verwendet. Die Bepflanzung der Grünflächen sollte mit standorttypischen Pflanzen erfolgen, die in vorhandene Lebensgemeinschaften passen. Seltene Tier- und Pflanzenarten auf dem Campus sind zu schützen.
Nachhaltigkeitskritierien sind bei Baumaßnahmen besonders wichtig. Für uns geht der Umbau und Ausbau (etwa der Dachgeschosse) vor Neubau. Bei Neubauten ist auf höchste Umweltstandards und somit auf hohe Energieeffizienz der Gebäude und auf umweltverträgliche Baumaterialien zu achten.
2. Forschung zu nachhaltiger Entwicklung
Die Forschung zu nachhaltiger Entwicklung nimmt vor allem im Department Nachhaltigkeitswissenschaften, aber auch in den Bildungswissenschaften bereits großen Raum ein. Wir wünschen uns einen Ausbau dieser Aktivitäten, sodass Lüneburg ein etablierter Standort für Nachhaltigkeitsforschung wird. Erkenntnisse der Forschung sollten stärker als bisher in die Lehre einfließen, sodass Studierende ermutigt werden, selbst Forschung mit Nachhaltigkeitsbezug durchzuführen.
3. Lehre
Die Integration eines Moduls zu nachhaltiger Entwicklung in das erste Semester des Leuphana-Bachelors und die Einrichtung des Nebenfaches „Nachhaltigkeitshumanwissenschaften“ machen die Bemühungen der Universität deutlich, Nachhaltigkeit in der Lehre zu verankern. Wir sehen darin die Chance, dass sich alle zukünftigen AbsolventInnen der Universität Lüneburg kritisch mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben und während des weiteren Studiums ihre Kenntnisse vertiefen. Darüber hinaus fordern wir die Einbindung von Grundsätzen der nachhaltigen Entwicklung als Querschnittsthema in weitere Module, also beispielsweise auch in den Fächern Produktionstechnik sowie Steuern und Revision.
Das erste Semester sollte durch ein gesondertes Vorlesungsverzeichnis in den weiteren Semestern ergänzt werden, in dem alle Veranstaltungen mit Nachhaltigkeitsbezug aufgelistet sind. Erste Ansätze im Nachhaltigkeitsportal sollten ausgebaut und breiter bekannt gemacht werden. Hinzu kommen sollten – auch von Studierenden – organisierte Vorlesungsreihen.
4. Zusammenarbeit und Wissenstransfer
a) Interdisziplinarität in Forschung und Lehre
Die Betrachtung gesellschaftlicher Herausforderungen aus Sicht verschiedener Disziplinen kann dazu beitragen Probleme zu lösen. Viele Probleme sind so komplex, dass sie nur durch gemeinsame Bearbeitung aus unterschiedlichen Perspektiven behoben werden können. Besonders die globalen und langfristigen Aspekte einer nachhaltigen Entwicklung verlangen nach einer Wissenssynthese. Wir rufen daher Lehrende und Forschende dazu auf ihre eigene Arbeit interdisziplinär zu gestalten. Studierende multi- und interdisziplinärer Studiengänge können dazu einen Beitrag leisten.
b) Zusammenarbeit mit anderen Universitäten
Die Universität Lüneburg sollte verstärkt die Zusammenarbeit mit anderen in- und ausländischen Hochschulen suchen, die sich ebenfalls dem Ziel einer nachhaltigen Entwicklung verpflichtet haben. Auch für das Auslandssemester fehlen derzeit noch Kooperationen mit Hochschulen, die zu Nachhaltigkeit forschen und lehren.
c)Wissenstransfer und Partnerschaften
Eine nachhaltige Universität gewährleistet den Wissenstransfer in die Gesellschaft, beispielsweise über Konferenzen oder Diskussionsveranstaltungen, die allen BürgerInnen offen stehen. Mitglieder der Universitätsgemeinschaft sollten sich mit AkteurInnen in Stadt, Landkreis und darüber hinaus vernetzen um auch die regionale Entwicklung nachhaltig zu gestalten. Dazu gehören Bildungsprojekte mit SchülerInnen, der Aufbau eines Wissensportals mit Ergebnissen aus der Nachhaltigkeitsforschung oder die Förderung von „sustainable entrepreneurship“.
5. Nachhaltigkeitskommunikation
Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist an der Universität bereits etabliert. Zwei Nachhaltigkeitsberichte und zahlreiche Umweltberichte zeugen davon. Das Ziel muss es sein, deren Reichweite zu erhöhen und die Partizipation der Universitätsgemeinschaft an der Kommunikation sicher zu stellen. Dies kann über die Einbindung bei der Erstellung der Berichte sichergestellt werden.
Innerhalb der Hochschule sollen Informationen über Umweltauswirkungen ausgebaut werden. Die bereits vorhandenen Verbrauchsstatistiken zu einzelnen Gebäuden könnten im Internet verfügbar sein. Zu Umweltauswirkungen und Umweltmanagement soll über verschiedene Kanäle informiert werden, z.B. über Newsletter oder Poster etc. Hinweise zu umweltfreundlichem Verhalten sollen deutlich und benutzerfreundlich angebracht werden.
Energiesparwettbewerbe können einher gehen mit einem gesteigerten Umweltbewusstsein und Kostenersparnissen für Energie. Wir schlagen vor, dass Ideenwettbewerbe ökologische Verbesserungsvorschläge sowohl unter Studierenden als auch unter Mitarbeitenden durchgeführt werden. Die besten Vorschläge sollen prämiert werden.
6. Partizipation der Universitätsgemeinschaft
Ohne eine Beteiligung der Universitätsgemeinschaft ist das Ziel einer nachhaltigen Hochschule nicht erreichbar. Aus diesem Grund soll die Teilhabe von Studierenden an Entscheidungsprozessen gewährleistet werden. Wir fordern die Einrichtung offener Foren zur Weiterentwicklung des Nachhaltigkeitsmanagements. Ideen der Studierendenschaft und der Mitarbeitenden sollen seitens der Universitätsverwaltung offensiv gesucht und eingefordert, sowie finanziell gefördert und personell unterstützt werden.
7. Lebenswelt
Nachhaltige Lebensstile sollen von der Hochschule gefördert und ermöglicht werden. Dazu gehört die Schaffung eines Bewusstseins für gesunde und umweltbewusste Ernährung sowie Gesundheitsförderung durch Sportangebote und ergonomische Arbeitsplätze.
Um offenen Zugang zur Hochschule zu gewährleisten, soll Kinderbetreuung angeboten werden. Plurale Lebensstile verlangen nach flexiblen Zeiteinteilungen. Deshalb soll Teilzeitstudium möglich und praktikabel sein.
Ein Nachmittag der Woche ist an der Leuphana Universität Lüneburg der Zeit für Engagement vorbehalten. Die zunehmende Verschulung des Studiums führt allerdings dazu, dass sich weniger Studierende engagieren und Zeit für die Persönlichkeitsentwicklung finden. Der freie Mittwoch-Nachmittag soll beibehalten werden und darüber hinaus soll den Studierenden mehr Freiraum eingeräumt werden. Zu einer nachhaltigen Hochschule gehört nicht nur die Bildungsinstitution, sondern auch die Studierendenwohnheime. Auch diese müssen in Fragen der ökologischen Gestaltung, der Partizipation und der Bezahlbarkeit zur nachhaltigen Hochschule passen.
8. Nachhaltige Finanzen
Eine nachhaltige Hochschule lebt von einer nachhaltigen Finanzierung. Da Bildung und Forschung wichtige Gemeingüter in unserer Gesellschaft sind, soll der Grundstock zur Finanzierung der Hochschulen aus einem langfristig stabilen Staatshaushalt ohne Überschuldung stammen. Durch Dritte finanzierte Forschungsprojekte und Zustiftungen aus der Gesellschaft können diese Finanzierung ergänzen solange die Unabhängigkeit der Forschung und Lehre gewährleistet ist.
Studienbeiträge sind für uns keine „nachhaltige“ Finanzierung. Sie sind ungerecht, gesellschaftlich umstritten und erschweren den Zugang zu Hochschulen.
Nachhaltige Finanzen einer Hochschule erfordern, dass Mittel nicht verschwendet werden. Ausgaben und Investitionen, die dem Ziel der nachhaltigen Entwicklung entgegen stehen, lehnen wir ab. Zu nachhaltigen Finanzen gehört auch, dass finanzielle Mittel, über die die Hochschule verfügen kann, die sie jedoch derzeit nicht benötigt, gemeinnützig orientiert und risikoarm angelegt werden. Das gilt auch für die Gelder aus Studiengebühren, solange sie existieren.
Lüneburg, im Juni 2010