Ende Mai moderierte ich eine Veranstaltung zum Thema „Nachhaltige Hochschule“ an der Uni Lüneburg, im Rahmen der Campustour der Heinrich Böll Stiftung (HBS). Zu dieser waren u.a. zwei Mitglieder der Initiative „Greening the University“ (GtU) des Karlsruhe Institut für Technologie (KIT) zu Besuch, die nach Lüneburg reisten aufgrund der am Tag drauf stattfindenden Tagung „Sustainable University“.
Nach der Veranstaltung kamen wir ins Gespräch über die Schwierigkeiten die unser jeweiliges Engagement für eine nachhaltige Hochschule begleiten. Ein paar Tage später erhielt ich dann eine Einladung eine ähnliche Veranstaltung in Karlsruhe zu moderieren. Nachdem mein Versuch scheiterte die Kolleg_innen zu überzeugen die Veranstaltung selbst zu moderieren, habe ich sie angenommen und mich auch über die Herausforderung gefreut. Schließlich handelt es sich beim KIT ja um „das“ Prestigeprojekt in Deutschland, was die Integration von Forschungsinstitut und Universität anbelangt.
Greening the University & Schule der Nachhaltigkeit – Zentren der Bestrebungen
Die Grüne Hochschulgruppe (GHG) Karlsruhe, personell sich stark überschneidend mit der Initiative GtU, richtete die Podiumsdiskussion (auch im Rahmen der Campustour) aus und organisierte zudem auch Veranstaltungen zu den Themenfeldern Leitbilder und Demokratie. Die mit etwa 50 Personen gut besuchte Veranstaltung am 09. Juni 2010 begann mit kurzen Präsentationen von GtU und der „Schule der Nachhaltigkeit“ (SdN). Bei der SdN handelt es sich um eine Gruppe von Lehrenden des KIT, die eine verstärkte Integration von Nachhaltigkeit in die Curricula am KIT anstreben. Angesiedelt am HoC (House of Competences), wo Veranstaltungen zur Kompetenzschulung gebündelt werden, ist langfristig eine Vernetzung aller Veranstaltungen mit Nachhaltigkeitsbezug angedacht. Die SdN verbindet ein klassisches kognitives/rationales (vgl. Achim Grunwald) Verständnis von Nachhaltigkeit mit einem emotionalen/personalen (vgl. Hans-Jörg Seng). Um diese Verbindung zu ermöglichen gilt es eine Kultur der Nachhaltigkeit zu schaffen und zu leben. Die Initiative GtU beschreibt eine „Vision eines nachhaltigen KIT“ in der ein zertifiziertes Umweltmanagement eingeführt wird, nachhaltiges Handeln in die Lehre integriert wird und eine Vernetzung von Forschung im Bereich Nachhaltigkeit stattfindet. Fundament soll dabei die Motivation der Mitglieder der Hochschule sein.

Podium “Der Karlsruher Weg zur nachhaltigen Hochschule”: Jürgen Becker, Peter Schneider, Sebastian Heilmann, Hans-Jörg Seng, Lena Keul (v.l.n.r.)
Nach dieser etwa halbstündigen Einführung wurde mir klar, dass ich mich an einer zentralen Stelle geirrt hatte. Ich ging in meiner Vorbereitung wie selbstverständlich davon aus, dass die Aktiven an einer technischen Hochschule natürlich auch und vor allem technokratische Argumente für die Nachhaltigwerdung ihrer Institution anbringen würden. Zentral wurden so in der Diskussion die Fragen wie Energie und Ressourcen sinnvoll eingespart werden können und auch eine Integration von nachhaltiger Entwicklung in die Lehre stattfinden kann.
Umweltmanagement, Excellenz und studentisches Engagement – verschiedene Wege zur nachhaltigen Hochschule
Das Podium war gut besetzt. Als Ersatz für den leider verhinderten Präsidenten Horst Hippler kam Jürgen Becker, Vizepräsident und zuständig für Lehre am KIT, der sagte, man könne ihn praktisch als „Double“ von Hippler ansehen, weshalb er auch hinter einem spannenden Zitat von Hippler stehe: „Mittelfristig legen wir es darauf an, mit der ETH Zürich auf gleicher Augenhöhe zu sein, langfristig mit dem Namensvetter MIT in den USA.“ Ein Zitat, welches mich motivierte ein T-Shirt der Elite-Uni zu tragen (ob zur Ironie, oder Unterstützung, blieb der interessierten Zuhörer_in überlassen). In der Diskussion betonte er stets die Notwendigkeit einer Wiederholung des Erfolgs bei der Excellenzinitiative. Er sagte weitergehende Unterstützung der Integration von Ideen einer nachhaltigen Entwicklung in Lehre und Forschung zu, insb. dann wenn Studierende direkt in interdisziplinäre Forschung eingebunden werden und sah auch, dass es unbedingt notwendig ist mehr sozialwissenschaftliche Forscher_innen an die Hochschule zu holen. Bei der Forderung der Einführung verweis er jedoch immer auf geringe Mittel im Haushalt, insb. bei der Forderung nach der Einführung einer Stabstelle „Sustainability“, die auch das einzuführende Umweltmanagement koordiniert. Jedoch musste er auch eingestehen, dass Hochschulen, die EMAS eingeführt haben, wie etwa Tübingen und Lüneburg auch viel Unterstützung erhielten und jetzt durchaus ein Argument mehr haben, dass die Landespolitik motiviert die Hochschulen besser zu fördern – ja, Nachhaltigkeit ist zum Standortfaktor geworden.

Prof. Dr. Jürgen Becker – Vizepräsident für Lehre am KIT & jetzt Befürworter einer EMAS-Einführung(?)
Unterstützung fanden diese Ideen z.B. von Lena Keul, die GtU Tübingen auf dem Podium vertrat. In Tübingen ist es durch eine bottom-up-Bewegung und Unterstützung durch das Umweltministerium gelungen ein EMAS einzuführen, sowie ein stetig wachsendes „Studium Oecologicum“, welches im General Studies Bereich angeboten wird und sich wachsender Beliebtheit erfreut. Sie weiß darauf hin, dass eine Vernetzung der Aktiven unbedingt notwendig ist, um mit einer möglichst großen Stimme zu sprechen. Auch Peter Schneider, ehemaliger Studierender der TU Karlsruhe, im Umweltministerium nun für die Unterstützung bei der Einführung von EMAS in Baden-Württemberg zuständig ist. Er lobte die Einführung von EMAS in Tübingen und bot auch eine Unterstützung in Karlsruhe an. Die HIS GmbH hat sich bspw. auf die Einführung von EMAS an Hochschulen spezialisiert. Das positive Image, welches sich durch ein Umweltmanagement schaffen lässt, kann durch die Partizipation von Studierenden institutionell verankert werden. An dieser Stelle ließ sich auch eine Verbindung zu den Ideen von Hans-Jörg Seng finden, der neben seiner Professur im Bereich Wasser und Gesellschaft auch Yoga-Lehrer ist. Die Vorstellung, dass auch und gerade eine Kultur der Nachhaltigkeit weit mehr zu erreichen vermag, als eine reine technokratische Betrachtung leitet sich aus seinem durch Yoga beeinflussten Verständnis ab. Er sieht einen inneren Auftrag zu Nachhaltigkeit, den es (wieder) zu finden gilt. Dies ist sicherlich die größte Herausforderung, gerade da innehalten und reflektieren nicht gerade den Status Quo in Politik, Wissenschaft und Wirtschaft, geschweige denn der Gesellschaft als Ganzem.

Prof. Dr. Hans-Jörg Seng – Begründer der “Schule der Nachhaltigkeit” am KIT
Matthias Hettel, wissenschaftlicher Mitarbeiter merkte während der Diskussion im Plenum an, dass das KIT bisher fast kein Recyclingpapier verwende, was wundere, wo dieser Bereich sich doch schon seit Jahren aus „Öko-Ecke“ herausentwickelt hat und viele (Elite-)Hochschulen bereits zentral ausschließlich Recyclingpapier beschaffen.

anregende Fragen z.B. zum Einsatz von Recyclingpapier brachte das Plenum ein
Fazit wie immer: Es ist noch viel zu tun!
Zum Abschluss gab es Pflanzen für die Podiumsteilnehmer_innen aus einem Garten der Hochschule, sowie intensives Visitenkarten austauschen. Einen Startschuss für den angestrebten Entwicklungsprozess ist damit auf jeden Fall getan – nur wohin? Die Veranstaltung hat einiges offen gelegt. Zum einen bestehen am KIT noch fundamental unterschiedliche Verständnisse von Nachhaltigkeit. Herr Becker wechselte bspw. zwischen der umgangssprachlichen (wie bspw. „nachhaltige Entfernung von Kopfschuppen“) und der Variante, die sich konkret als (ökologisches) Gerechtigkeitsprinzip versteht. Es gilt hier also noch viel Basisarbeit zu leisten. Dies zeigt sich insb. darin, dass selbst die Einführung eines EMAS eine große Herausforderung darstellt – nur muss sie unbedingt genutzt werden, in der Phase der Umgestaltung des KIT. Was mich im Verlauf dann immer wieder faszinierte, war wie häufig mit der Entwicklung an der „Leuphana“ argumentiert wurde. Die Integration von Nachhaltigkeit in alle Studienfächer ist bundesweit tatsächlich ein Novum – und wird zugleich als anzustrebendes Ziel gesehen. So sehr ich die Entwicklungen meiner eigenen Hochschule zuweilen heftig kritisierte, so muss ich doch sehen, dass wir an vielen Punkten schon keilensteine weiter, als die exzellente Hochschule in Karlsruhe.
Schön fand ich auch einen Kommentar von Lena Keul zum Schluss, der die wirklichen Herausforderungen schön zusammenfasst: „Nicht Exzellenz ist Nachhaltigkeit – sondern Nachhaltigkeit ist Exzellenz.“
In diesem Sinne wünsche ich den Aktiven am KIT viel Erfolg und Durchhaltevermögen, während wir in Lüneburg eindeutig aufgefordert sind die nächsten Schritte zu gehen. EMAS haben wir, Integration in die Lehre auch. Jetzt gilt es dies alles qualitativ zu verbessern, sowie weiter Ideen zu sammeln wie sich die Lebenswelt Hochschule als Ganzes nachhaltig gestalten lässt.
Nehmen wir die Herausforderung an!
Alle Fotos in diesem Beitrag sind dankenswerterweise von Tim Schaffarzyk – GHG Karlsruhe bereitgestellt und unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.

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